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Und plötzlich fiel ihm ein Ausflug mit seiner Mutter in den Bronx -Zoo ein, als er noch klein gewesen war. Sie waren ins Affenhaus gegangen, und der Geruch dort hatte ihn wie ein Schlag getroffen, eine Faust, die nicht nur auf seine Nase schlug, sondern hinein. Er hatte sich umgedreht, um hinauszustürmen, aber seine Mutter hatte ihn aufgehalten.

Einfach normal atmen, Larry, hatte sie gesagt. In fünf Minuten merkst du den schlimmen Geruch gar nicht mehr.

Und so war er geblieben, obwohl er ihr nicht geglaubt hatte, hatte einfach gekämpft, nicht zu kotzen (schon im Alter von sieben hatte er Kotzen mehr gehaßt als alles andere), und wie sich herausstellte, hatte sie recht gehabt. Als er das nächste Mal wieder auf die Uhr sah, stellte er fest, daß sie schon eine halbe Stunde im Affenhaus waren, und verstand nicht, warum die Damen, die durch die Tür kamen, plötzlich die Hände vor die Nasen schlugen und angeekelt dreinsahen. Das hatte er seiner Mutter gesagt, und Alice Underwood hatte gelacht.

Oh, es riecht immer noch schlimm. Nur für dich nicht. Wie kommt das, Mommy?

Das weiß ich nicht. Aber das kann jeder. Und jetzt sag dir einfach:

>Ich rieche jetzt, wie das Affenhaus WIRKLICH riecht<, und hol dann tief Luft.

Das tat er, und der Gestank war da, der Gestank war sogar noch schlimmer als zuvor, beim Eintreten, Hot Dogs und Kirschkuchen kamen wieder nach oben, er stürzte zur Tür und an die frische Luft und es gelang ihm gerade noch, alles unten zu behalten.

Das ist selektive Wahrnehmung, dachte er jetzt, und sie wußte, was es war. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, hörte er die Stimme seiner Mutter im Geiste: Sag dir einfach: >Ich rieche jetzt, wie Boulder WIRKLICH riecht.< Und er roch es - einfach so, er roch es.

Er roch, was hinter den geschlossenen Türen und heruntergelassenen Rollos und zugezogenen Vorhängen war, er roch die langsame Verwesung, die auch in diesem Ort hier stattfand, der fast verlassen gestorben war.

Er ging schneller, rannte nicht, kam dem aber immer näher und näher, er roch den fruchtigen, vollen Gestank, den er - und alle anderen - nicht mehr bewußt wahrnahmen, weil er überall war, weil er alles war, weil er ihre Gedanken färbte und weil man die Rollos nicht herunterließ, nicht einmal beim Liebesakt, denn die Toten liegen hinter heruntergelassenen Rollos und die Lebenden wollen bei allem die Welt sehen.

Alles wollte ihm hochkommen, heute nicht Hot Dogs und Kirschkuchen, sondern Wein und Payday -Riegel. Denn dies war ein Affenhaus, aus dem er niemals herauskommen konnte, wenn er nicht auf eine Insel zog, wo niemand je gelebt hatte, und obwohl er das Kotzen immer noch mehr als alles andere haßte, mußte er jetzt...

»Larry? Alles klar?«

Er war dermaßen verblüfft, daß ein kurzer Laut aus seinem Hals drang - »Yik!« - und er zusammenzuckte. Es war Leo, der etwa drei Blocks von Harolds Haus entfernt auf dem Bordstein saß. Er hatte einen Tischtennisball und ließ ihn auf dem Gehweg auf und ab hüpfen.

»Was machst du hier?« fragte Larry. Sein Herzschlag wurde langsam wieder normal.

»Ich wollte mit dir nach Hause gehen«, sagte Leo schüchtern, »aber ich wollte nicht zu dem Mann in das Haus.«

»Warum nicht?« fragte Larry. Er setzte sich neben Leo auf den Bordstein.

Leo zuckte die Achseln und widmete sich wieder seinem Tischtennisball. Dieser prallte immer wieder mit einem leisen KlackKlack auf das Pflaster und in Leos Hand zurück.

»Ich weiß nicht.«

»Leo?«

»Was?«

»Es ist sehr wichtig für mich. Denn ich mag Harold... und mag ihn auch wieder nicht. Ich bin geteilter Meinung über ihn. Warst du schon mal geteilter Meinung über jemand?«

»Ich habe nur eine Meinung über ihn.« Klack-Klack.

»Welche?«

»Angst«, sagte Leo. »Können wir nach Hause zu Nadine-Mom und Lucy-Mom gehen?«

»Klar.«

Schweigend gingen sie die Arapahoe Street hinunter; Leo ließ den Tischtennisball hüpfen und fing ihn geschickt wieder auf.

»Tut mir leid, daß du so lange warten mußtest«, sagte Larry.

»Ach, macht nichts.«

»Nein, wirklich, wenn ich das gewußt hätte, wäre ich früher gekommen.«

»Ich hatte ja was zu tun. Ich hab' das auf einem Rasen gefunden. Es ist ein Pong-Ping-Ball.«

»Ping-Pong«, korrigierte Larry automatisch. »Was meinst du, warum läßt Harold seine Jalousien herunter?«

»Damit keiner reinsehen kann«, sagte Leo. »Dann kann er was Heimliches tun. Es ist wie bei den toten Leuten, nicht?« Klack-Klack. Sie gingen weiter und bogen Ecke Broadway nach Süden ab. Jetzt sahen sie Leute auf der Straße: Frauen, die sich die Kleider in den Schaufenstern ansahen; einen Mann, der eine Hacke bei sich hatte; einen Mann, der sich ein Angelgerät in einem Sportartikelgeschäft hinter einer zerbrochenen Schaufensterscheibe ansah. Larry sah Dick Vollman aus seiner Gruppe in eine andere Richtung radeln. Er winkte Larry und Leo zu. Die beiden winkten zurück.

»Was Heimliches«, dachte Larry laut, ohne daß er den Jungen weiter ausfragen wollte.

»Vielleicht betet er zu dem dunklen Mann«, sagte Leo nebenbei, und Larry fuhr zusammen, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Leo bemerkte es nicht. Er schlug den Ball jetzt auf das Pflaster und fing ihn, wenn er von der Wand abprallte, an der sie gerade vorbeigingen... Klack-plopp.

» Meinst du wirklich ?« fragte Larry und bemühte sich, gleichgültig zu klingen.

»Ich weiß nicht. Aber er ist nicht wie wir. Er lacht viel. Aber ich glaube, in ihm sind Würmer, die ihn zum Lachen bringen. Große weiße Würmer, die sein Gehirn fressen. Wie Maden.«

»Joe... ich meine, Leo...«

Leos Augen, dunkel, distanziert und chinesisch, strahlten plötzlich. Er lächelte. »Da ist Dayna. Die mag ich. He, Dayna!« rief er und winkte. »Hast du 'n Kaugummi?«

Dayna, die gerade das Kettenrad in ihrem spindeldürren Zehngangrad ölte, drehte sich um und lächelte. Sie griff in die Tasche ihrer Bluse und fächerte fünf Streifen Juicy Fruit wie Pokerkarten auf. Mit einem fröhlichen Lachen rannte Leo zu ihr hinüber, daß seine langen Haare flogen; er hielt den Tischtennisball fest in der Hand, und Larry sah ihm nach. Diese Vorstellung von weißen Maden hinter Harolds Lächeln... woher hatte Joe (nein, Leo, er heißt Leo, glaube ich wenigstens) nur diese komplizierte - und entsetzliche - Idee ? Der Junge war in einer Art Halbtrance gewesen. Und er war nicht der einzige; wie oft hatte Larry in den wenigen Tagen Leute plötzlich auf der Straße stehenbleiben, eine Weile ins Leere starren und dann weitergehen sehen? Alles hatte sich verändert. Die Bandbreite der Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen schien größer geworden zu sein.

Es war beängstigend.

Larry setzte sich in Bewegung und ging zu Dayna und Leo hinüber, die damit beschäftigt waren, den Kaugummi untereinander aufzuteilen.

An diesem Nachmittag fand Stu Frannie auf dem kleinen Hof hinter dem Haus beim Wäschewaschen. Sie hatte eine flache Wanne mit Wasser gefüllt, fast ein halbes Paket Tide hinzugetan und mit einem Besenstiel so lange gerührt, bis eine trübe Brühe entstanden war. Sie wußte nicht, ob sie es richtig gemacht hatte, aber der Teufel sollte sie holen, wenn sie zu Mutter Abagail ging und ihre Unwissenheit eingestand. Sie warf die Wäsche in das Wasser, sprang wild entschlossen in die Wanne und fing an zu stampfen wie ein sizilianischer Traubentreter. Ihr neues Modell Maytag 5000, dachte sie. Die neue zwei-Fuß-Umwälzmethode, ideal für Ihre Buntwäsche und Feinwäsche und...

Als sie sich umdrehte, sah sie ihren Mann in der Hintertür stehen und amüsiert zusehen. Ein wenig außer Atem hörte Frannie auf.