Wenn man wußte, daß diese Vergangenheit unerreichbar fern war, konnte man vielleicht verzeihen.
Tränen stahlen sich ihre Wangen hinab.
Die Tür ging klickend auf, und sie sah ihn darin, nur als Umriß.
»Lucy? Bist du noch wach?«
»Ja.«
»Kann ich die Lampe anmachen?«
»Wenn du willst.«
Sie hörte das leise Zischen von Gas, dann ging das Licht an, zu einem Flämmchen heruntergedreht, und machte ihn sichtbar. Er sah blaß und erschüttert aus.
»Ich muß dir etwas sagen.«
»Nein, mußt du nicht. Komm einfach ins Bett.«
»Ich muß es sagen. Ich...« Er drückte die Hand auf die Stirn und fuhr sich durchs Haar.
»Larry?« Sie setzte sich auf. »Alles in Ordnung?«
Er redete, als hätte er sie nicht gehört, und er redete, ohne sie anzusehen. »Ich liebe dich. Wenn du mich willst, bekommst du mich. Aber ich weiß nicht, ob du viel bekommst. Ich werde nie deine beste Wahl sein, Lucy.«
»Das Risiko nehme ich auf mich. Komm ins Bett.«
Das machte er. Und sie machten es. Und als es vorbei war, sagte sie ihm, daß sie ihn liebte, weiß Gott, und es schien zu sein, was er hören wollte, hören mußte, aber sie glaubte, er schlief lange nicht ein. Einmal wurde sie in der Nacht wach (vielleicht hatte sie es nur geträumt) und glaubte, Larry am Fenster stehen zu sehen, wo er nach draußen sah und den Kopf schräg hielt, als lauschte er, und Licht und Schatten machten sein Gesicht zu einer ausgezehrten Maske. Aber bei Tageslicht war sie sicher, daß es ein Traum gewesen sein mußte; bei Tageslicht schien er wieder der alte zu sein.
Nur drei Tage später erfuhren sie von Ralph Brentner, daß Nadine zu Harold Lauder gezogen war. Darauf wurde Larrys Gesicht verkniffen, aber nur einen Augenblick. Und wenn sie sich selbst dafür mißfiel, Ralph Brentners Neuigkeit ließ sie aufatmen. Es schien vorbei zu sein.
Nachdem sie mit Larry gesprochen hatte, ging sie nur kurz nach Hause. Sie schloß auf, ging ins Wohnzimmer und zündete die Lampe an. Diese hoch erhoben, ging sie in den hinteren Teil des Hauses und blieb einen Augenblick stehen, um in das Zimmer des Jungen zu leuchten. Sie wollte wissen, ob sie Larry die Wahrheit gesagt hatte. Hatte sie.
Leo lag nur in Unterhosen auf dem zerwühlten Laken... aber die Schnittwunden und Kratzer waren verblaßt, in den meisten Fällen ganz verschwunden, und die Rundumbräune, die er gehabt hatte, weil er praktisch dauernd nackt herumgelaufen war, war auch verschwunden. Aber es war mehr als das, dachte sie. Etwas in seinem Gesicht hatte sich verändert - sie konnte die Veränderung sehen, obwohl er schlief. Der Ausdruck stummer, begieriger Wildheit war daraus verschwunden. Er war nicht mehr Joe. Dies war nur ein Junge, der nach einem geschäftigen Tag schlief.
Sie dachte an die Nacht, als sie fast am Schlafen gewesen und aufgewacht war und festgestellt hatte, daß er nicht mehr neben ihr lag. Das war in North Berwick, Maine, gewesen - nun einen halben Kontinent entfernt. Sie war ihm zu dem Haus gefolgt, wo Larry auf der Veranda geschlafen hatte. Larry drinnen schlafend, Joe draußen wartend, das Messer voll stummer Wildheit gezückt, und lediglich das dünne Fliegengitter dazwischen. Sie hatte ihn gezwungen, mit ihr zu kommen.
Haß brandete in Nadine auf, schlug Funken wie Stahl auf Feuerstein. Die Coleman-Lampe bebte in ihrer Hand und ließ wilde Schatten springen und tanzen. Sie hätte ihn gewähren lassen sollen! Sie hätte Joe selbst die Tür aufhalten, ihn hineinlassen sollen, um zu stechen und zu zerfetzen und zu schneiden und zu schlitzen und zu töten. Sie hätte...
Der Junge rollte sich herum und stöhnte leise, als würde er aufwachen. Seine Hände zuckten hoch und schlugen durch die Luft, als wollte er im Traum ein schwarzes Phantom abwehren. Nadine zog sich zurück; sie spürte heftigen Pulsschlag in den Schläfen. Es war immer noch etwas Seltsames in dem Jungen, und ihr gefiel nicht, wie er sich gerade bewegt hatte, als hätte er ihre Gedanken erraten.
Sie mußte weitermachen. Sie mußte sich beeilen. Sie ging in ihr Zimmer. Auf dem Boden lag ein Teppich. Ein schmales Einzelbett - das Bett einer alten Jungfer. Mehr nicht. Nicht einmal ein Bild. Das Zimmer hatte überhaupt keine Individualität. Sie machte die Schranktür auf und wühlte hinter den aufgehängten Kleidern. Sie war jetzt auf den Knien und schwitzte. Sie nahm einen bunten Karton heraus, den ein Bild lachender Menschen zierte, die ein Party-Spiel machten. Ein Party-Spiel, das mindestens dreitausend Jahre alt war. Sie hatte das Spiritistenbrett in einem Scherzartikelladen in der Innenstadt gefunden, aber im Haus hatte sie es nicht anzuwenden gewagt, weil der Junge hier war. Sie hatte überhaupt noch nicht gewagt, es anzuwenden... bis jetzt. Etwas hatte sie getrieben, den Laden zu betreten, und als sie das Brett in seiner bunten Verpackung sah, war ein schrecklicher Kampf in ihrem Innern entbrannt - die Psychologen nennen so einen Kampf Aversion/Kompulsion. Sie hatte damals wie heute geschwitzt und zweierlei gleichzeitig gewollt: aus dem Geschäft fliehen, ohne zurückzusehen, und den Karton nehmen, den gräßlich fröhlichen Karton, und ihn nach Hause tragen. Der zweite Wunsch machte ihr mehr Angst, denn er schien gar nicht ihr Wunsch zu sein. Schließlich hatte sie den Karton mitgenommen.
Das war vier Tage her. Der Zwang war jede Nacht stärker geworden, bis sie heute nacht, halb wahnsinnig vor Ängsten, die sie nicht begriff, in ihrem blaugrauen Kleid, unter dem sie nichts anhatte, zu Larry gegangen war. Sie hatte diesen Ängsten ein für allemal ein Ende machen wollen. Als sie auf der Veranda darauf gewartet hatte, daß die beiden von der Versammlung zurückkamen, war sie überzeugt gewesen, endlich das Richtige zu tun. Sie hatte dieses Gefühl in sich gehabt, dieses leicht trunkene, beschwingte Gefühl, das sie nicht mehr gekannt, seit jener Junge sie damals durch das taufeuchte Gras verfolgt hatte. Nur würde der Junge sie diesmal fangen. Sie würde sich fangen lassen. Das wäre das Ende.
Aber als er sie gefangen hatte, hatte er sie nicht gewollt.
Nadine stand auf, hielt den Karton vor die Brust und machte die Lampe aus. Er hatte sie abgewiesen, und hieß es nicht, daß die Hölle keine Schrecken kennt...? Eine abgewiesene Frau mochte sich leicht mit dem Teufel verbünden... oder seinem Henker.
Sie holte rasch noch die große Taschenlampe vom Tisch im Flur. Hinten im Haus schrie der Junge im Schlaf; sie erstarrte einen Moment, ihre Haare sträubten sich. Dann verließ sie das Haus.
Ihre Vespa stand am Bordstein, die Vespa, mit der sie vor ein paar Tagen zu Harold Lauders Haus gefahren war. Warum war sie dorthin gegangen? Seit sie nach Boulder gekommen war, hatte sie kaum ein Dutzend Worte mit Harold gewechselt. Aber in ihrer Verwirrung wegen des Spiritistenbretts und in ihrer Angst vor den Träumen, die sie immer noch hatte, obwohl sie alle anderen nicht mehr quälten, schien ihr, als müßte sie unbedingt mit Harold sprechen. Auch vor diesem Impuls hatte sie Angst gehabt, erinnerte sie sich, während sie den Zündschlüssel der Vespa ins Schloß steckte. Wie der plötzliche Drang, das Spiritistenbrett zu nehmen (Verblüffen Sie Ihre Freunde! Verschönern Sie Ihre Parties! stand auf dem Karton), schien auch das ein Einfall gewesen zu sein, der nicht aus ihr selbst kam. Möglicherweise sein Einfall. Aber als sie sich gefügt hatte und zu Harold gegangen war, war er nicht dagewesen. Das Haus war abgeschlossen, das einzige abgeschlossene Haus, das ihr in Boulder aufgefallen war, die Jalousien heruntergezogen. Das hatte ihr irgendwie gefallen, und sie war einen Augenblick bitter enttäuscht gewesen, daß Harold nicht da war. Wenn ja, hätte er sie einlassen und die Tür hinter ihr abschließen können. Sie hätten ins Wohnzimmer gehen können, reden, oder miteinander schlafen oder unaussprechliche Dinge miteinander machen, und niemand hätte es erfahren.