NADINE, NADINE, NADINE, schrieb der wirbelnde Bleistift. WIE ICH NADINE LIEBE DASS SIE MEIN IST LIEBE MEINE NADINE MEINE KÖNIGIN WENN DU WENN DU WENN DU REIN FÜR MICH BIST WENN DU UNBERÜHRT FÜR MICH BIST WENN DU WENN DU TOT FÜR MICH BIST TOT DU BIST
Der Bleistift zuckte, raste und fing weiter unten wieder an.
DU BIST TOT WIE DIE ANDEREN DU BIST IM BUCH DER TOTEN ZUSAMMEN MIT DEN ANDEREN NADINE IST TOT WIE SIE NADINE VERFAULT WIE SIE WENN SIE NICHT
Er hörte auf. Pulsierte. Nadine dachte, hoffte - oh, hoffte so sehr -, daß es vorbei wäre, aber dann raste er an den Rand des Papiers und fing noch einmal an. Jane kreischte kläglich. Die Gesichter der anderen Mädchen waren erschrockene weiße Os des Staunens und der Fassungslosigkeit.
DIE WELT DIE WELT BALD IST DIE WELT TOT UND WIR WIR WIR NADINE NADINE ICH ICH ICH WIR WIR SIND WIR SIND WIR
Jetzt schienen die Buchstaben über die Seite zu schreien:
WIR SIND IM HAUS DER TOTEN NADINE
Das letzte Wort heulte in zentimetergroßen Buchstaben über das Papier, dann rutschte der Bleistift vom Brett und ließ dabei eine lange Graphitspur wie einen Schrei zurück. Er fiel auf den Boden und zerbrach in zwei Hälften.
Es folgte ein Augenblick erschrockenen, reglosen Schweigens, dann fing Jane Fargood schrill und hysterisch zu weinen an. Es hatte damit geendet, daß die Herbergsmutter nach oben gekommen war und nach dem Rechten gesehen hatte, fiel Nadine wieder ein, und sie hatte schon die Krankenstation wegen Jane anrufen wollen, als das Mädchen sich endlich wieder zusammenreißen konnte. Rachel Timms hatte die ganze Zeit über blaß und stumm auf dem Bett gesessen. Als die Herbergsmutter und die meisten anderen Mädchen (auch das Mädchen mit dem Pferdegesicht, das zweifellos der Überzeugung war, daß eine Prophetin im eigenen Land nichts gilt) gegangen waren, fragte sie Nadine mit tonloser, seltsamer Stimme: »Wer war es, Nadine?«
»Ich weiß nicht«, hatte Nadine aufrichtig geantwortet. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung gehabt. Damals nicht.
»Du hast die Handschrift nicht erkannt?«
»Nein.«
»Nun, vielleicht nimmst du einfach diese Botschaft... diese Botschaft aus dem Jenseits... und gehst auf dein Zimmer.«
»Du hast mich aufgefordert, mich dazuzusetzen!« fuhr Nadine sie an. »Woher sollte ich wissen, daß so... so etwas passieren würde? Ich habe mitgemacht, weil ich nicht unhöflich sein wollte, Herrgott noch mal!«
Rachel besaß wenigstens soviel Anstand, daraufhin zu erröten; sie hatte sich sogar ein bißchen entschuldigt. Aber danach hatte Nadine das Mädchen kaum noch zu Gesicht bekommen; dabei war Rachel Timms eines der wenigen Mädchen gewesen, denen sich Nadine in den ersten drei Semestern am College wirklich verbunden gefühlt hatte.
Bis heute hatte sie niemals mehr eine dieser dreieckigen Spinnen aus Hartfaser angefaßt.
Aber die Zeit war... nun, die Zeit war endlich gekommen, oder nicht? Ja, wahrhaftig.
Nadine setzte sich mit klopfendem Herzen auf die Picknickbank und drückte die Finger leicht gegen zwei der drei Seiten des Bretts. Sie spürte fast auf der Stelle, wie es sich unter ihren Fingerspitzen zu bewegen anfing, und mußte an ein Auto mit Motor im Leerlauf denken. Aber wer war der Fahrer? Wer war er wirklich? Wer würde einsteigen, die Tür zuschlagen, die braungebrannten Hände um das Lenkrad klammern? Wessen Fuß würde brutal und gewichtig, mit einem alten, zerschlissenen Cowboystiefel angetan, aufs Gaspedal treten und sie fortbringen... wohin?
Fahrer, wohin bringst du uns?
Nadine, die weder auf Hilfe noch auf Erlösung hoffte, saß aufrecht auf der Bank am Fuß des Flagstaff Mountain in der schwarzen Senke des frühen Morgens, riß die Augen auf und empfand das Gefühl, an der Grenze zu stehen, stärker denn je. Sie sah nach Osten, spürte seine Präsenz aber hinter sich, wie sie sich heftig an sie drängte, sie hinabzog wie an den Füßen einer toten Frau festgebundene Gewichte: Flaggs dunkle Präsenz, die in konstanten, unentrinnbaren Wogen übermittelt wurde.
Irgendwo war der dunkle Mann in der Nacht unterwegs, und sie sprach die drei Worte wie eine Beschwörung aller bösen Geister aus, die jemals existierten - Beschwörung und Aufforderung zugleich:
»Sag es mir.«
Unter ihren Fingern fing das Brett an zu zucken.
54
Auszüge aus dem Protokoll der
Sitzung des ständigen Komitees der Freien Zone
19. August 1990
Diese Sitzung fand in Stu Redmans und Fran Goldsmiths Wohnung statt. Alle Mitglieder des Komitees der Freien Zone waren anwesend. Stu Redman gratulierte uns allen, einschließlich sich selbst, zu unserer Wahl in das ständige Komitee. Er stellte den Antrag, einen Dankesbrief an Harold Lauder abzufassen und von jedem Mitglied des Komitees unterzeichnen zu lassen. Dieser wurde einstimmig angenommen.
Stu: »Wenn wir die alten Sachen erledigt haben, hat Glen Bateman ein paar neue Themen. Ich weiß ebensowenig, worum es sich handelt, wie ihr, aber ich nehme an, eines davon hat mit der nächsten öffentlichen Versammlung zu tun. Richtig, Glen?«
Glen: »Ich warte ab, bis ich dran bin.«
Stu: »Typisch Platte. Der Hauptunterschied zwischen einem Betrunkenen und einem alten glatzköpfigen Collegeprofessor ist der, daß der Professor wartet, bis er an der Reihe ist, bevor er einem das Ohr vollschwätzt.«
Glen: »Danke für diese Perlen der Weisheit, Ost-Texaner.«
Fran sagte, sie würde sehen, daß Stu und Glen sich prächtig amüsierten, aber ob sie nicht vielleicht doch zur Sache kommen konnten, da ihre Lieblingssendungen im Fernsehen alle um neun anfingen. Diese Bemerkung erntete mehr Gelächter, als sie wahrscheinlich verdient hatte.
Der erste richtige Tagesordnungspunkt waren unsere Kundschafter im Westen. Zur Erinnerung, das Komitee hat entschieden, Richter Farris, Tom Cullen und Dayna Jürgens zu schicken. Stu schlug vor, wer den jeweiligen Kandidaten nominiert habe, solle ihm auch den Vorschlag unterbreiten - will heißen, Larry Underwood fragt den Richter, Nick wird mit Tom reden müssen - mit Ralph Brentners Hilfe - und Sue wird mit Dayna reden.
Nick sagte, es könnte ein paar Tage erfordern, mit Tom zu arbeiten, und Stu sagte, damit wäre wohl das Thema angeschnitten, wann man sie schicken sollte. Larry sagte, man könnte sie nicht zusammen schicken, sonst würden sie möglicherweise alle zusammen erwischt werden. Er führte weiter aus, daß sowohl der Richter wie auch Dayna sicher vermuten würden, daß wir mehr als einen Spion geschickt hätten, aber wenn sie keine Namen wüßten, könnten sie auch nichts ausplaudern. Fran meinte, plaudern wäre kaum das richtige Wort, wenn man überlegte, was der Mann im Westen mit ihnen anstellen konnte - wenn es ein Mann war. Glen: »Ich an deiner Stelle würde nicht alles so schwarz sehen, Fran. Wenn wir unserem Gegenspieler auch nur ein Minimum an Intelligenz unterstellen, wird er wissen, daß wir unseren Agenten - so könnte man sie wohl nennen - keine Informationen mitgeben, die wir als seinen Interessen dienlich betrachten. Er wird wissen, daß ihm Folter wenig nützen wird.«
Fran: »Du meinst, er wird ihnen wahrscheinlich die Köpfe streicheln und sie ermahnen, es nicht noch mal zu tun? Ich könnte mir denken, er foltert sie einfach aus dem Grund, weil ihm Folter gefällt. Was sagst du dazu?«
Glen: »Ich glaube, dazu kann ich nicht viel sagen.«
Stu: »Die Entscheidung wurde getroffen, Frannie. Wir waren uns alle einig, daß wir unsere Leute in eine gefährliche Situation schicken, und wir wissen auch alle, daß uns die Entscheidung nicht leichtgefallen ist.«
Glen schlug vor, daß wir uns vorbehaltlich auf folgenden Zeitplan einigen: Der Richter bricht am 26. August auf, Dayna am 27. und Tom am 28.; keiner weiß von den anderen, jeder benützt eine andere Straße. Damit bliebe auch genügend Zeit, mit Tom zu arbeiten, fügte er hinzu.