Выбрать главу

»Sehr gern«, sagte sie und lächelte. Als sie die Hand auf seinen Unterarm legte, verspürte er ein Kribbeln wie einen elektrischen Schlag. Sie sah ihn unverwandt an. »Vielen Dank.«

Er fummelte den Haustürschlüssel ins Schloß und dachte: Jetzt wird sie mich gleich fragen, warum ich meine Tür abschließe, und ich werde murmeln und stottern und nach einer Antwort suchen und wie ein Trottel dastehen.

Aber Nadine fragte nicht.

Er kochte das Essen nicht; das übernahm sie.

Harold hatte schon den Punkt erreicht, wo er es für unmöglich hielt, eine halbwegs vernünftige Mahlzeit aus Dosen zu bereiten, aber Nadine gelang es recht gut. Plötzlich erinnerte er sich voll Abscheu daran, mit welcher Arbeit er den Tag verbracht hatte, und er bat sie, sich zwanzig Minuten allein zu beschäftigen (wahrscheinlich war sie aus rein weltlichen Gründen hier, beschwichtigte er sich verzweifelt), während er duschte.

Als er zurückkam - er hatte sich geschrubbt und mit zwei Eimern Wasser geduscht -, machte sie sich schon in der Küche zu schaffen. Auf dem Gaskocher sprudelte fröhlich das Wasser. Als er die Küche betrat, schüttete sie eine halbe Tasse Hörnchen in den Topf. In einer Pfanne auf dem anderen Brenner brutzelte etwas; er roch französische Zwiebelsuppe, Rotwein und Pilze. Sein Magen knurrte. Die ekelhafte Arbeit des Tages hatte plötzlich ihre Macht über seinen Appetit verloren.

»Riecht phantastisch«, sagte er. »Es wäre nicht nötig gewesen, aber ich will mich nicht beschweren.«

»Es ist Filet Stroganoff«, sagte sie und wandte sich ihm lächelnd zu.

»Es ist selbstverständlich nur ein Notbehelf, fürchte ich. Dosenfleisch gehört nicht zu den empfohlenen Zutaten, wenn sie das Gericht in den besten Restaurants der Welt zubereiten, aber...« Sie zuckte die Achseln und wies damit auf die Unzulänglichkeiten hin, unter denen sie alle zu leiden hatten.

»Nett, daß Sie das tun.«

»Gern geschehen.« Sie sah ihn wieder mit diesem fragenden Blick an, wandte sich ihm halb zu, und der seidige Stoff der Bluse straffte sich über ihren Brüsten und brachte sie reizvoll zur Geltung. Er spürte, wie ihm heiße Röte den Hals emporkroch und bemühte sich krampfhaft, keine Erektion zu bekommen. Er fürchtete, seine Willenskraft würde für diese Aufgabe nicht ausreichen. Er fürchtete sogar, sie würde nicht einmal annähernd ausreichen. »Wir werden gute Freunde sein«, sagte sie.

»Wir... werden?«

»Ja.« Sie wandte sich wieder dem Herd zu, schien das Thema abgeschlossen zu haben und ließ Harold in einem wahren Dschungel von Möglichkeiten zurück.

Danach beschränkte sich ihre Unterhaltung ausschließlich auf Triviales... Klatsch der Freien Zone, mehr nicht. Aber davon gab es schon genügend. Einmal, beim Essen, versuchte er noch einmal, sie zu fragen, was sie hergeführt hatte, aber sie lächelte nur und schüttelte den Kopf. »Ich sehe einen Mann gern essen.«

Einen Moment dachte Harold, sie würde von einem anderen sprechen, aber dann merkte er, daß sie ihn meinte. Und er aß; er nahm drei Portionen Stroganoff, und das Dosenfleisch beeinträchtigte den Geschmack nach Harolds Meinung überhaupt nicht. Die Unterhaltung schien wie von selbst zu laufen und ließ ihm Zeit, den Löwen in seinem Bauch zu füttern und sie dabei anzusehen.

Für eine bemerkenswerte Frau hatte er sie gehalten? Sie war wunderschön.

Reif und wunderschön. Ihr Haar, das sie zu einem losen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, damit sie leichter kochen konnte, war mit weißen Strähnen durchsetzt, nicht grauen, wie er zuerst gedacht hatte. Sie hatte ernste, dunkle Augen, und wenn sie ohne Bedenken in seine eigenen sahen, wurde Harold schwindlig. Ihre Stimme klang tief und vertraulich. Ihr Klang beeinflußte ihn allmählich auf eine Weise, die unangenehm und doch zugleich auf beinahe quälende Weise erfreulich war.

Als sie mit dem Essen fertig waren, wollte er aufstehen, aber sie kam ihm zuvor. »Kaffee oder Tee?«

»Wirklich, ich könnte...«

»Sie könnten, aber Sie werden nicht. Kaffee, Tee... oder mich?« Sie lächelte, aber es war nicht das Lächeln von jemand, der eine oberflächliche frivole Bemerkung gemacht hat (»frivoles Gerede« hätte seine gute alte Mom gesagt und mißbilligend den Mund verkniffen), sondern ein leises, träges Lächeln, so vollmundig wie ein Sahnehäubchen auf einem cremigen Dessert. Und wieder dieser fragende Blick.

Harolds Gedanken wirbelten durcheinander, und er erwiderte mit fast wahnwitziger Lässigkeit: »Die beiden letzteren«, und hatte alle Mühe, ein pubertäres Kichern zu unterdrücken.

»Nun, fangen wir mit Tee für zwei an«, sagte Nadine und ging zum Gaskocher.

Kaum hatte sie ihm den Rücken zugedreht, schoß Harold heißes Blut in den Kopf und machte sein Gesicht zweifellos so purpurn wie rote Bete. Ein schöner Schwerenöter bist du! schalt er sich hektisch. Du hast dich wie ein blöder Narr benommen und eine völlig unschuldige Bemerkung falsch interpretiert, und damit hast du wahrscheinlich eine gute Gelegenheit verpatzt. Geschieht dir recht. Geschieht dir völlig recht!

Als sie die dampfenden Teetassen zum Tisch trug, hatte Harolds hektische Röte etwas nachgelassen und er hatte sich wieder besser unter Kontrolle. Das Schwindelgefühl hatte sich unvermittelt in Verzweiflung verwandelt, und ihm war (nicht zum ersten Mal), als wären sein Körper und Geist kantiperkantaper in den Wagen einer riesigen Achterbahn aus reinsten Gefühlen gestoßen worden. Es gefiel ihm nicht, aber er konnte die Fahrt nicht mehr anhalten. Wenn sie sich überhaupt für mich interessiert hat, dachte er (und wieso sollte sie denn, fügte er düster hinzu), habe ich das wahrscheinlich durch meinen Pennälerwitz gründlich kaputtgemacht. Nun, so etwas war ihm schon früher passiert, und er konnte wohl mit dem Wissen leben, daß er es wieder geschafft hatte. Sie sah ihn mit diesen beunruhigend offenen Augen über den Rand der Teetasse an und lächelte wieder, und das Quentchen Gelassenheit, das er hatte aufbringen können, zerstob augenblicklich wieder.

»Kann ich irgendwas für Sie tun?« fragte er. Es hörte sich wie eine tumbe Zweideutigkeit an, aber etwas mußte er ja sagen, denn es mußte ja auch einen Grund geben, weshalb sie hier war. Er spürte, wie sein eigenes Lächeln in seiner Verwirrung von den Lippen verschwand.

»Ja«, sagte sie und stellte entschlossen die Teetasse ab. »Ja, das können Sie. Vielleicht können wir etwas füreinander tun. Können wir ins Wohnzimmer gehen?«

»Klar.« Seine Hände zitterten, als er die Tasse auf den Tisch stellte und sich erhob; fast hätte er etwas verschüttet. Als er ihr ins Wohnzimmer folgte, sah er, wie glatt der Stoff der Hose an ihren Gesäßbacken klebte. Er hatte einmal gelesen, daß das glatte Aussehen der Hose einer Frau an der Stelle unterbrochen ist, wo der Slip durchdrückt, wahrscheinlich in einem der Magazine, die er in seinem Schlafzimmerschrank hinter den Schuhkartons versteckt hatte, und in den Magazinen stand weiter, wenn eine Frau wirklich glatt und nahtlos aussehen wollte, mußte sie einen Tanga oder gar nichts drunter tragen.

Er schluckte; versuchte es wenigstens. Ein dicker Kloß schien ihm im Hals zu stecken.

Das Wohnzimmer war düster, nur vom Licht erhellt, das durch die heruntergelassenen Jalousien hereinfiel. Es war nach halb sieben; draußen ging der Abend in die Dämmerung über. Harold trat an eines der Fenster, um die Jalousie hochzuziehen und mehr Licht hereinzulassen, aber sie legte die Hand auf seinen Arm. Er drehte sich mit trockenem Mund zu ihr um.

»Nein, laß sie unten. Das ist intimer.«

»Intimer?« krächzte Harold. Seine Stimme war wie die eines altersschwachen Papageis.

»Damit ich das machen kann«, sagte sie und kam sanft in seine Arme.

Sie hatte den Körper frei und offen an seinen gepreßt, das erste Mal, daß ihm so etwas geschah, und sein Erstaunen war total. Durch ihre blaue Seidenbluse und sein weißes Baumwollhemd spürte er die beiden Brüste einzeln an seinem Leib. Ihr Bauch lag fest und doch verletzlich an seinem und wich nicht vor seiner Erektion zurück. Sie roch angenehm, vielleicht Parfüm, vielleicht ihr eigener Geruch, der ihm wie ein Geheimnis vorkam, das dem Zuhörer plötzlich offenbart wird. Seine Hände fanden ihr Haar und wühlten sich hinein.