»Sicher.«
»Wie hieß der Typ noch? Der Sänger, der die Platte gemacht hat?«
»Das weiß ich nicht mehr«, sagte Larry. »Die Pop-Musik ist so schnell gekommen und gegangen.«
»Ja, aber er kommt mir irgendwie bekannt vor«, sagte sie und wrang den Lappen über der Spüle aus. »Komisch, wie einem so was auf der Zunge liegen kann, nicht?«
»Ja«, sagte Larry.
Stu klappte das Hauptbuch mit einem leisen Schnappen zu, und zu Larrys Erleichterung sah Fran nun ihn an, als er in die Küche kam. Ihr Blick fiel zuerst auf den Revolver an seiner Hüfte. Er trug ihn seit seiner Wahl zum Marshal und hatte eine Menge Witze darüber gemacht, daß er sich einmal in den Fuß schießen würde. Fran fand diese Witze überhaupt nicht komisch.
»Nun?« fragte Larry.
Stus Gesicht zeigte tiefe Verstörung. Er legte das Hauptbuch auf den Tisch und setzte sich. Fran wollte ihm eine Tasse Kaffee bringen, aber er schüttelte den Kopf. »Nein, danke, Liebes«, sagte er. Er sah Larry zerstreut, fast abwesend an. »Ich habe es ganz durchgelesen, und jetzt habe ich elende Kopfschmerzen. Ich bin es nicht gewöhnt, soviel zu lesen. Das letzte Buch, das ich auf einmal durchgelesen habe, war diese Kaninchengeschichte. Watership Down. Ich habe es für einen Neffen gekauft und einfach zu lesen angefangen ...«
Er schwieg einen Augenblick und dachte nach.
»Das habe ich auch gelesen«, sagte Larry. »Tolles Buch.«
»Da gab es diesen einen Kaninchenbau«, sagte Stu, »da hatten sie es alle gut. Sie waren groß und wohlgenährt, und sie lebten immer nur an einem Ort. Dort stimmte etwas nicht, aber kein Kaninchen wußte, was es war. Es schien, als wollten sie es nicht wissen. Nur... nur, wißt ihr, da war dieser Farmer...«
Larry sagte: »Er ließ den Bau in Ruhe, damit er jederzeit ein Kaninchen für den Kochtopf bekam, wenn er eins wollte. Oder er hat sie verkauft. Jedenfalls hatte er seine eigene kleine Kaninchenfarm.«
»Ja. Und da gab es ein Kaninchen, es hieß Silverweed, und es machte Gedichte über den glänzenden Draht - die Schlinge, in der der Farmer sie gefangen hat, vermute ich. Darüber machte Silverweed Gedichte.« Er schüttelte langsam, müde und ungläubig den Kopf. »Und daran erinnert Harold mich. An das Kaninchen Silverweed.«
»Harold ist krank«, sagte Fran.
»Ja.« Stu zündete sich eine Zigarette an. »Und gefährlich.«
»Was sollen wir tun? Ihn verhaften?«
Stu klopfte auf das Hauptbuch. »Er und diese Cross planen etwas, das ihnen im Westen einen freundlichen Empfang garantiert. Aber in diesem Buch steht nicht, was es ist.«
»Es werden eine Menge Leute erwähnt, nach denen er nicht gerade verrückt ist«, sagte Larry.
»Werden wir ihn verhaften?« fragte Fran noch einmal.
»Ich weiß es einfach nicht. Ich möchte es vorher im Komitee besprechen. Was liegt denn für morgen vor, Larry?«
»Nun, die Sitzung gliedert sich in zwei Hälften, öffentliche Angelegenheiten und private. Brad will über sein Elektrogeräte-Team sprechen. AI Bundell will einen vorläufigen Bericht des JustizKomitees abgeben. Mal sehen... George Richardson über Sprechzeiten in Dakota Ridge, dann Chad Norris. Danach gehen sie, und wir sind unter uns.«
»Wenn wir AI Bundell bitten, noch zu bleiben, und ihn über diese Sache mit Harold informieren, können wir sicher sein, daß er den Mund hält?«
»Da bin ich ganz sicher«, sagte Fran.
Stu sagte verdrossen: »Ich wünschte, der Richter wäre hier. Dem Mann habe ich vertraut.«
Sie schwiegen einen Augenblick, dachten an den Richter und fragten sich, wo er heute nacht sein würde. Von unten konnte man Joe hören, der »Sister Kate« wie Tom Rush spielte.
»Aber wenn es nun mal AI sein muß, na gut. Ich sehe sowieso nur zwei Möglichkeiten. Wir müssen die beiden aus dem Verkehr ziehen. Aber ich will sie nicht einsperren, verdammt.«
»Was bleibt dann?« fragte Larry.
Fran antwortete. »Verbannung.«
Larry drehte sich zu ihr um. Stu nickte langsam und zog an der Zigarette.
»Ihn einfach wegjagen?« fragte Larry.
»Ihn und sie«, sagte Stu.
»Aber wird Flagg sie einfach so nehmen?« fragte Frannie. Da sah Stu zu ihr auf. »Liebes, das ist nicht unser Problem.«
Sie nickte und dachte: Oh, Harold, ich habe nicht gewollt, daß es so endet. In einer Million Jahre wollte ich nicht, daß es so endet.
»Eine Ahnung, was er im Schilde führen könnte?« fragte Stu. Larry zuckte die Achseln. »Dazu müßte man die Meinung des ganzen Komitees hören, Stu. Aber ein paar Sachen fallen mir ein.«
»Zum Beispiel?«
»Das Kraftwerk. Sabotage. Ein Anschlag auf dich und Frannie. Die beiden fallen mir zuerst ein.«
Fran sah blaß und entsetzt drein.
Larry fuhr fort: »Er hat es zwar nicht offen ausgesprochen, aber ich glaube, er hat sich nur an der Suche nach Mutter Abagail beteiligt, weil er gehofft hat, er könnte dich allein erwischen und umbringen.«
Stu sagte: »Die Chance hatte er.«
»Vielleicht hat er Schiß gekriegt.«
»Könnt ihr denn nicht aufhören?« fragte Fran dumpf. »Bitte.«
Stu stand auf und ging ins Wohnzimmer zurück. Dort war ein CB an eine Die-Hard-Batterie angeschlossen. Nach einigen Bemühungen erreichte er Brad Kitchner.
»Brad, alter Junge! Stu Redman. Hör zu. Kannst du ein paar Leute zusammentrommeln, die heute nacht das Kraftwerk bewachen?«
»Klar«, sagte Brads Stimme. »Aber warum, in Gottes Namen?«
»Eine heikle Angelegenheit, Bradley. Ich habe hie und da munkeln hören, daß jemand dort was anstellen könnte.«
Brads Antwort ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Stu nickte dem Mikro zu und lächelte. »Ich kann dich verstehen. Es ist nur für heute abend, vielleicht für morgen, soweit ich es beurteilen kann. Dann haben wir die Sache wahrscheinlich ausgebügelt.«
Brad sagte ihm, er könne zwölf Leute vom Kraftwerkskomitee auftreiben, ohne weiter als zwei Blocks zu laufen, und jeder einzelne würde es gerne mit jedem Unruhestifter aufnehmen. »Geht es um Rieh Moffat?«
»Nein, nicht Rieh. Hör mal, ich erzähl' dir alles später, okay?«
»Okay, Stu. Ich lasse Wachen aufstellen.«
Stu schaltete das CB-Gerät aus und ging in die Küche zurück. »Die Leute fragen nicht einmal nach, und das macht mir Angst. Der alte kahle Soziologe hat recht. Wir könnten uns hier wie Könige etablieren, wenn wir wollten.«
Fran legte ihre Hand auf seine. »Du mußt mir etwas versprechen. Ihr beide. Versprecht mir, daß wir es in der Sitzung morgen abend ein für allemal klären. Ich will, daß es vorbei ist.«
Larry nickte. »Verbannung. Ja. Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber ich halte das für die beste Lösung. Nun, jetzt nehme ich Lucy und Leo und gehe nach Hause.«
»Wir sehen uns morgen, Stu.«
»Ja.« Er ging hinaus.
Bevor es am Morgen des 2. September dämmerte, stand Harold am Rand des Sunrise Amphitheater und schaute nach unten. Die Stadt lag im Dunkeln. Nadine schlief hinter ihm in dem kleinen Zwei-MannZelt, das sie sich zusammen mit anderer Camping-Ausrüstung besorgt hatten, als sie aus der Stadt geschlichen waren.
Wir werden zurückkommen. Mit Streitwagen.
Aber insgeheim zweifelte Harold daran. In mehr als einer Hinsicht lag Finsternis über ihm. Die elenden Dreckskerle hatten ihm alles genommen - Frannie, seine Selbstachtung, sein Hauptbuch und jetzt auch noch seine Hoffnung. Er sah seinen Niedergang kommen. Der Wind wehte heftig, zerzauste sein Haar und schlug die straffe Zeltplane unablässig wie Maschinengewehrfeuer flatternd hin und her. Hinter ihm stöhnte Nadine im Schlaf. Es war ein furchteinflößender Laut. Harold dachte, daß sie so schlimm wie er dran war, vielleicht schlimmer. Die Laute, die sie im Schlaf von sich gab, waren nicht die eines Menschen, der glückliche Träume hatte.