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»Wir haben entweder Glück gehabt, oder ein Wunder ist geschehen«, sagte er. »Dieser Massenexodus - ich weiß nicht, wie ich es anders nennen soll - hat uns die meiste Arbeit abgenommen. In jeder anderen Stadt von der Größe Boulders hätten wir sonst ein ganzes Jahr gebraucht. Wir glauben, daß wir bis zum ersten Oktober noch etwa zwanzigtausend Seuchenopfer begraben müssen, und wahrscheinlich werden wir noch lange danach über die eine oder andere Leiche stolpern, aber ihr sollt wissen, die Arbeit geht zügig weiter, und ich glaube, wir müssen uns keine Sorgen mehr machen, daß von den noch unbegrabenen Toten Seuchen ausgehen werden.«

Fran drehte sich um, so daß sie den letzten Rest des Tages sehen konnte. Das Gold um die Gipfel verwandelte sich schon in ein weniger spektakuläres Zitronengelb. Sie verspürte plötzlich einen Anflug von Heimweh.

Es war fünf Minuten vor acht.

Wenn sie nicht in die Büsche ging, würde sie in die Hose machen. Sie ging hinter einen Strauch, kauerte sich hin und ließ strömen. Als sie zurückkam, saß Harold immer noch mit dem Walkie-talkie in der Hand auf dem Picknicktisch. Er hatte die Antenne herausgezogen.

»Harold«, sagte sie. »Es wird spät. Es ist schon nach acht.«

Er sah sie gleichgültig an. »Sie werden die halbe Nacht dort sein und sich auf die Schultern klopfen. Ich werde rechtzeitig den Stecker ziehen. Mach dir keine Sorgen.«

»Wann

Harolds Lächeln wurde breit und leer. »Sobald es ganz dunkel ist.«

Fran unterdrückte ein Gähnen, während AI Bundell selbstbewußt neben Stu trat. Es würde spät werden, und plötzlich wünschte sie sich, sie wären in der Wohnung, nur sie beide. Es lag nicht nur an der Müdigkeit und auch nicht nur am Gefühl von Heimweh. Sie wollte plötzlich nicht mehr in diesem Haus sein. Es gab keinen Grund für das Gefühl, aber es war stark. Sie wollte raus. Sie wollte sogar, dass alle rausgingen. Ich habe gerade meine fröhlichen Gedanken für den Abend verloren, dachte sie. Schwangerschaftsdepression, mehr nicht.

»Das Gesetzes-Komitee hat letzte Woche vier Sitzungen abgehalten«, sagte AI, »und ich will mich so kurz wie möglich fassen. Wir haben uns als System für eine Art Tribunal entschieden. Mitglieder werden durch eine Lotterie bestimmt, so wie früher junge Männer eingezogen wurden...«

»Zisch! Buuuh!« sagte Susan, was freundschaftliches Gelächter erntete.

AI lächelte. »Aber, wollte ich hinzufügen, der Dienst in diesem Tribunal dürfte für die Auserwählten wesentlich erträglicher sein als für diejenigen, die dienen mußten. Das Tribunal soll aus drei Erwachsenen bestehen - achtzehn und darüber -, die sechs Monate berufen werden. Ihre Namen werden aus einer großen Trommel gezogen, die die Namen aller Erwachsenen in Boulder enthält.«

Larry winkte mit der Hand. »Gibt es Ablehnungs- oder Entschuldigungsgründe?«

AI runzelte die Stirn ob dieser Unterbrechung und sagte: »Darauf wollte ich gerade kommen. Es müßte...«

Fran regte sich unbehaglich, und Sue Stern zwinkerte ihr zu. Fran zwinkerte nicht zurück. Sie hatte Angst - Angst vor ihrer eigenen unbegründeten Furcht, falls so etwas möglich war. Woher kam dieses erstickende Gefühl der Klaustrophobie? Sie wußte, man sollte gar nicht auf unbegründete Gefühle achten... jedenfalls in der alten Welt. Aber was war mit Tom Cullens Trance? Mit Leo Rockway?

Raus hier, schrie ihre innere Stimme plötzlich. Schaff sie alle hier raus!

Aber es war verrückt. Sie reckte sich noch einmal und beschloß, nichts zu sagen.

»...eine kurze Begründung der Person geben, die sich entschuldigen möchte, aber ich glaube nicht...«

»Jemand kommt«, sagte Fran plötzlich und stand auf. Es folgte eine Pause. Sie konnten alle Motorräder hören, die rasch auf der Baseline in ihre Richtung kamen. Hupen erklangen. Und plötzlich lief Frannies Panik über.

»Hört zu«, sagte sie, »alle!«

Überraschte, besorgte Gesichter drehten sich zu ihr um.

»Frannie, bist du...« Stu wollte auf sie zukommen. Sie schluckte. Ihr war, als hätte sie eine schwere Last auf der Brust, die sie erstickte. »Wir müssen hier raus. Auf... der Stelle.«

Es war acht Uhr fünfundzwanzig. Das letzte Licht war vom Himmel verschwunden. Es war Zeit. Harold setzte sich etwas gerader hin und hielt das Walkie-talkie an den Mund. Sein Daumen ruhte leicht auf der Sendetaste. Es würde sie alle zur Hölle sprengen, wenn er sie drückte und sagte...

»Was ist das?«

Nadines Hand an seinem Arm lenkte ihn ab; sie deutete in die Nacht. Tief unten schlich eine helle Lichterkette die Baseline hinauf. In der Ferne hörten sie das entfernte Dröhnen von vielen Motorrädern. Harold verspürte leichte Unruhe, schüttelte sie ab.

»Laß mich«, sagte er. »Jetzt ist es soweit.«

Ihre Hand fiel von seiner Schulter. Ihr Gesicht war ein weißer Fleck in der Dunkelheit. Harold drückte die Sendetaste.

Sie wußte nicht, ob die Motorräder oder ihre Worte die anderen in Bewegung setzten. Aber sie bewegten sich nicht schnell genug. Das würde ihr immer auf der Seele liegen; sie bewegten sich nicht schnell genug.

Stu war als erster draußen; das Dröhnen wurde ohrenbetäubend. Sie kamen mit gleißenden Scheinwerfern über die Brücke, die den ausgetrockneten Wasserlauf an Ralphs Haus überspannte. Stu griff nach der Waffe.

Hinter ihm ging die Tür auf, und er drehte sich in Erwartung von Frannie um. Sie war es nicht; es war Larry.

»Was ist los, Stu?«

»Ich weiß nicht. Aber wir sollten uns besser bereithalten.«

Dann fuhren die Motorräder in die Einfahrt, und Stu entspannte sich etwas. Er sah Dick Vollman, den jungen Gehringer, Teddy Weizak und andere, die er kannte. Jetzt konnte er sich eingestehen, was seine größte Angst gewesen war: daß die grellen Scheinwerfer und brüllenden Motoren die Vorhut von Flaggs Streitkräften sein könnten, daß der Krieg begonnen hatte.

»Dick«, rief Stu. »Was denn?«

»Mutter Abagail!« brüllte Dick über den Motorradlärm hinweg. Immer mehr Motorräder fuhren auf den Hof, und die Mitglieder des Komitees drängten aus dem Haus. Es war ein Karneval aufblitzender Scheinwerfer und kreisender Schatten.

»Was?« schrie Larry. Hinter ihm und Stu tauchten Glen, Ralph und Chad Norris auf und drängten Larry und Stu die Stufen hinunter.

»Sie ist zurückgekommen!« Dick mußte brüllen, um sich über die Motorfäder Gehör zu verschaffen. »Aber sie ist in schrecklicher Verfassung! Wir brauchen einen Arzt... mein Gott, wir brauchen ein Wunder!«

George Richardson schob sich nach vorn. »Die alte Frau? Wo?«

»Los doch, Doc!« rief Dick ihm zu. » Keine Fragen! Aber um Himmels willen, machen Sie schnell!«

Richardson stieg hinter Dick auf das Motorrad. Dick fuhr einen engen Kreis und schlängelte sich zwischen den anderen Maschinen hindurch.

Stu sah Larry in die Augen. Larry sah so bestürzt aus, wie Stu zumute war... aber eine Wolke zog in Stus Kopf auf, und plötzlich hatte er das schreckliche Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe.

»Nick, komm! Komm doch!« schrie Fran und packte ihn an der Schulter. Nick stand mit starrem Gesicht im Wohnzimmer.

Er konnte nicht sprechen, aber er wußte es plötzlich. Er wußte es. Es kam von nirgendwo, von überall.

Etwas war im Schrank.

Er versetzte Frannie einen gewaltigen Stoß.

»Nick...«

GEH!! gestikulierte er.

Sie ging. Er ging an den Schrank, riß die Tür auf, wühlte in dem Haufen Sachen darin und betete zu Gott, daß er nicht zu spät kam.