Plötzlich war Frannie neben Stu; ihr Gesicht war fahl, die Augen weit aufgerissen. Sie klammerte sich an ihn. »Stu... Nick ist noch da drin... etwas... etwas...«
»Frannie, wovon redest du?«
»Tod!« schrie sie ihn an. »Ich spreche vom Tod, und NICK IST IMMER NOCH DA DRIN!«
Er zog eine Handvoll Schals und Handschuhe zur Seite und spürte etwas. Ein Schuhkarton. Er griff danach, und in diesem Augenblick tönte wie eine grausige Totenbeschwörung Harold Lauders Stimme daraus.
»Was ist mit Nick?« schrie Stu und packte sie an den Schultern.
»Wir müssen ihn rausholen - Stu - etwas wird passieren - etwas Schreckliches...«
AI Bundell rief: »Was, zum Teufel, geht hier vor, Stuart?«
»Keine Ahnung«, sagte Stu.
»Stu, bitte, wir müssen Nick da rausholen!« kreischte Frannie.
In diesem Augenblick flog das Haus hinter ihnen in die Luft.
Als Harold die Sendetaste gedrückt hatte, verschwanden die statischen Geräusche und machten einer weichen dunklen Stille Platz. Leere, die nur darauf wartete, daß er sie ausfüllte. Mit gekreuzten Beinen saß Harold auf dem Picknicktisch und konzentrierte sich.
Dann hob er den Arm, und oben an seinem Arm ragte ein Finger aus der Faust hervor, und in diesem Moment war er wie Bäbe Ruth, alt und fast verbraucht, der auf die Stelle zeigt, wo er einen Home-Run machen will, es allen Spöttern und Lästermäulern im Yankee-Stadion zeigt und ihnen ein für allemal das Maul stopft.
Mit fester aber leiser Stimme sprach er in das Gerät: »Hier spricht Harold Emery Lauder. Ich tue dies aus freiem Willen.«
Bei Hier spricht sprühte ein blauweißer Funke. Bei Harold Emery Lauder schoß eine Flamme hoch. Bei ich tue dies hörten sie einen schwachen, gedämpften Knall, wie von einem in eine Blechdose gesteckten Kanonenschlag, und als er aus freiem Willen gesagt und das jetzt nutzlose Walkie-talkie weggeschleudert hatte, sahen sie am Fuße des Flagstaff Mountain eine Rose aus Feuer erblühen.
»Treffer, Treffer, eine volle Breitseite, Ende und aus«, sagte Harold leise.
Nadine klammerte sich an ihn, wie Fran sich vor Sekunden an Stu geklammert hatte. »Wir müssen sicher sein. Wir müssen sicher sein, daß wir sie erwischt haben.«
Harold sah sie an und deutete auf die blühende Rose der Zerstörung. »Glaubst du im Ernst, daß jemand das überlebt haben kann?«
»Ich... ich weiß n-n-nicht... oh, Harold, ich bin...« Nadine wandte sich ab, umklammerte den Magen und fing an zu würgen. Es war ein tiefes, gleichmäßiges, gurgelndes Geräusch. Harold beobachtete sie mit verhaltener Verachtung.
Schließlich drehte sie sich keuchend und blaß wieder zu ihm um und wischte sich den Mund mit einem Kleenex-Tuch ab. Schrubbte sich den Mund. »Was jetzt?«
»Jetzt fahren wir nach Westen, denke ich«, sagte Harold. »Es sei denn, du möchtest da runter und feststellen, wie die Stimmung in der Gemeinde ist.«
Nadine erschauerte.
Harold glitt vom Picknicktisch und zuckte zusammen, weil Nadeln in seine Füße stachen, als sie den Boden berührten. Sie waren eingeschlafen.
»Harold...« Sie wollte ihn berühren, aber er riß sich los. Ohne sie auch nur anzusehen, fing er an, das Zelt abzubrechen.
»Ich dachte, wir wollten bis morgen warten«, sagte sie ängstlich.
»Klar doch«, höhnte er. »Damit zwanzig oder dreißig von ihnen sich auf ihre Motorräder schwingen, ausschwärmen und uns fangen. Hast du je gesehen, was sie mit Mussolini gemacht haben?«
Sie zuckte zusammen. Harold rollte das Zelt zusammen und verschnürte es.
»Und wir berühren uns nicht mehr. Das ist vorbei. Es hat Flagg gebracht, was er wollte. Wir haben das Komitee der Freien Zone ausgelöscht. Sie sind erledigt. Vielleicht gelingt es ihnen noch, den Strom einzuschalten, aber als funktionierende Gruppe sind sie erledigt. Er wird mir eine Frau besorgen, neben der du aussiehst wie ein Kartoffelsack, Nadine. Und du... du bekommst ihn. Glückliche Zeiten, was? Aber wenn ich in deinen Hush Puppies stecken würde, würde ich darin ganz schön zittern.«
»Harold... bitte...« Ihr war elend, sie weinte. Er konnte ihr Gesicht im trüben Feuerschein sehen, und sie tat ihm leid. Er drängte das Gefühl aus seinem Herzen wie einen unerwünschten Trunkenbold, der sich in eine nette kleine Vorstadtkneipe gewagt hat, wo jeder jeden kennt. Die nicht wiedergutzumachende Tatsache des Mordens war ihr auf ewig ins Herz gebrannt - das sah man überdeutlich in ihren Augen. Na und? In seines auch. Es würde für alle Zeiten darauf liegen, schwer wie Steine.
»Gewöhn dich daran«, sagte Harold brutal. Er warf das Zelt hinten auf das Motorrad und band es fest. »Für die da unten ist alles vorbei und für uns auch und für alle, die an der Seuche gestorben sind. Gott ist auf einen himmlischen Angelausflug gegangen, und er wird lange fortbleiben. Es ist völlig dunkel. Der dunkle Mann sitzt jetzt auf dem Fahrersitz. Er. Also gewöhn dich daran.«
Sie gab einen winselnden, stöhnenden Kehllaut von sich.
»Komm schon, Nadine. Dies ist seit zwei Minuten kein Schönheitswettbewerb mehr. Hilf mir, diese Scheiße zusammenzupacken. Ich möchte vor Sonnenaufgang noch hundert Meilen hinter uns bringen.«
Sie drehte der Zerstörung den Rücken zu - einer Zerstörung, die aus dieser Höhe fast nebensächlich wirkte - und half ihm, die restliche Ausrüstung in den Satteltaschen und auf dem Gepäckträger zu verstauen. Fünfzehn Minuten später hatten sie die Feuer-Rose hinter sich gelassen und fuhren in der kalten und stürmischen Dunkelheit nach Westen.
Für Fran Goldsmith endete dieser Tag schmerzlos und unkompliziert. Sie spürte einen warmen Luftzug am Rücken und flog plötzlich durch die Nacht. Sie war aus den Sandalen geschleudert worden.
Wasne Scheiße, dachte sie.
Sie landete auf der Schulter, landete hart, hatte aber immer noch keine Schmerzen. Sie lag in dem Graben, der vor Ralphs Grundstück von Norden nach Süden verlief.
Vor ihr landete ein Stuhl, ganz korrekt auf seinen vier Beinen. Sein Bezug war eine schwelende Masse.
Wasne SCHEISSE?
Etwas flog auf die Sitzfläche des Stuhls und rollte zu Boden. Etwas, das tropfte. Mit schwachem und klinischem Entsetzen sah sie, dass es ein Arm war.
Stu? Stu! Was ist passiert?
Konstanter, dröhnender, brüllender Lärm hüllte sie ein, und allerorten regneten Sachen herunter. Steine. Zerborstene Balken. Ziegel. Ein spinnwebartig zersplitterter Glasblock (war der Bücherschrank in Ralphs Wohnzimmer nicht aus solchen Blöcken zusammengesetzt gewesen?). Ein Motorradhelm, der hinten ein schreckliches, tödliches Loch hatte. Sie sah alles ganz klar... Viel zu klar. Vor ein paar Sekunden war es draußen noch dunkel gewesen ...
Oh, Stu, mein Gott, wo bist du? Was ist passiert? Nick? Larry?
Leute schrien. Der dröhnende Lärm hörte nicht auf. Es war jetzt heller als um die Mittagszeit. Jeder Kieselstein warf einen Schatten. Immer noch regneten Sachen ringsum hernieder. Vor ihrer Nase schlug ein Brett, aus dem ein Sechs -Zoll-Nagel ragte, auf dem Rasen auf.
- das Baby! -
Und dann auf den Fersen ein anderer Gedanke, eine Wiederholung ihrer bösen Vorahnung: Harold hat es getan, Harold hat es getan, Harold...
Etwas traf sie an den Kopf, Hals und Rücken. Ein riesiges Ding stürzte auf sie wie ein gepolsterter Sarg.