Er hielt sie fest. »Ist Larry deshalb heute morgen so niedergeschlagen? Und ich dachte, weil ich ihn geschlagen habe. Frannie, wie hättest du es wissen können? Wie hättest du es denn wissen können?«
»Wir hätten! Wir hätten es wissen müssen!« Sie legte die Stirn an seine schützende Schulter. Weitere bittere Tränen. Er hielt sie, ungeschickt gebeugt, da sich das Krankenhausbett ohne Strom nicht verstellen ließ.
»Ich will nicht, daß du dir Vorwürfe machst, Frannie. Es ist passiert. Glaub mir, kein Mensch - abgesehen von Sprengstoffspezialisten - hätte aus ein paar Drahtschnipseln und einem leeren Karton auf so etwas schließen können. Wenn sie ein paar Stangen Dynamit oder eine Sprengkapsel dort liegen lassen hätten, wäre das etwas anderes gewesen. Aber das haben sie nicht. Ich mache dir keine Vorwürfe, und kein Mensch in der Freien Zone wird dir welche machen.«
Während er sprach, fanden langsam und mit Verspätung zwei Dinge in ihrem Verstand zusammen.
Die drei waren die einzigen drinnen ...es ist wie ein Wunder. Mutter Abagail... sie ist zurückgekommen... sie ist in einer schrecklichen Verfassung... wir brauchen ein Wunder!
Sie zog sich unter Schmerzen ein Stück hoch, damit sie Stu ins Gesicht sehen konnte. »Mutter Abagail«, sagte sie. »Wir wären alle drinnen gewesen, wenn sie nicht gekommen wären, um uns zu sagen...«
»Es ist wie ein Wunder«, wiederholte Stu. »Sie hat uns das Leben gerettet. Auch wenn sie...« Er verstummte.
»Stu?«
»Sie hat uns durch ihre Rückkehr das Leben gerettet, Frannie. Das Leben gerettet.«
»Ist sie tot?« fragte Fran. Sie packte seine Hand, hielt sie fest. »Stu, ist sie auch tot?«
»Sie ist gegen Viertel nach sieben in die Stadt zurückgekommen. Larry Underwoods Junge führte sie an der Hand. Er konnte nicht sprechen, du weißt ja, daß er stumm wird, wenn er sich aufregt, aber er hat sie zu Lucy gebracht.
Dann ist sie einfach zusammengebrochen.« Stu schüttelte den Kopf. »Mein Gott, wie hat sie es nur geschafft, so weit zu laufen... was hat sie nur gegessen... was hat sie die ganze Zeit gemacht? Ich will dir was sagen, Fran. Es gibt mehr Dinge auf dieser Welt - und außerhalb -, als ich mir in Arnette je habe träumen lassen. Ich glaube, diese Frau ist von Gott. Oder war es.«
Sie machte die Augen zu. »Sie ist gestorben, nicht wahr? In der Nacht. Sie ist zurückgekommen, um zu sterben.«
»Sie ist noch nicht tot. Sie müßte es sein, und George Richardson sagt, daß sie bald sterben wird, aber sie ist noch nicht tot.« Er sah sie offen und unverhohlen an. »Und ich habe Angst. Sie hat uns durch ihre Rückkehr das Leben gerettet, aber ich habe Angst vor ihr, und ich habe Angst davor, warum sie zurückgekommen ist.«
»Was meinst du damit, Stu? Mutter Abagail würde nie jemand ein Leid...«
»Mutter Abagail tut, was ihr ihr Gott befiehlt«, sagte er schroff. »Der Gott, der seinen eigenen Jungen ermordet hat, wie ich gehört habe.«
»Stu!«
Das Feuer in seinen Augen erlosch. »Ich weiß nicht, warum sie zurückgekommen ist oder ob sie uns überhaupt noch etwas zu sagen hat. Ich weiß es einfach nicht. Vielleicht wird sie sogar sterben, ohne das Bewußtsein wiederzuerlangen. George hält das für wahrscheinlich. Aber ich weiß, daß die Explosion... und Nicks Tod... und ihre Rückkehr... das alles hat den Leuten die Augen geöffnet. Sie reden von ihm. Sie wissen, daß Harold die Explosion ausgelöst hat, aber sie glauben, daß er Harold dazu veranlaßt hat. Verdammt, das glaube ich auch. Viele sagen, Flagg ist auch dafür verantwortlich, dass Mutter Abagail in diesem Zustand zurückgekommen ist. Ich weiß es nicht. Mir kommt es vor, als wüßte ich überhaupt nichts. Aber ich habe Angst. Als würde es ein böses Ende nehmen. Die hatte ich vorher nicht, aber jetzt.«
»Aber wir sind noch da«, sagte sie fast flehentlich. »Wir und das Baby. Oder nicht?«
Er antwortete lange nicht. Sie glaubte nicht, daß er antworten würde. Und dann sagte er: »Ja. Aber wie lange noch?«
An diesem Tag, dem dritten September, kurz vor Sonnenaufgang, machten sich die Leute langsam - fast ziellos - auf den Weg zum Table Mesa Drive zu Larrys und Lucys Haus. Einzeln, zu zweit oder zu dritt. Sie setzten sich auf Treppenstufen der Häuser, auf deren Türen Harold sein X gemalt hatte. Sie saßen auf dem Bordstein oder auf dem Rasen, der am Ende dieses langen Sommers braun und vertrocknet war. Sie unterhielten sich wortkarg und gedämpft. Sie rauchten ihre Zigaretten und ihre Pfeifen. Brad Kitchner war unter ihnen, einen dick verbundenen Arm in der Schlinge. Auch Candy Jones war da, und Rieh Moffat hatte in einer Zeitungstasche zwei Flaschen Black Velvet mitgebracht. Norman Kellogg saß neben Tommy Gehringer, hatte die Ärmel aufgekrempelt und zeigte die kräftigen, sonnengebräunten und mit Sommersprossen übersäten Oberarme. Der junge Gehringer hatte die Ärmel in Nachahmung hochgekrempelt. Harry Dunbarton und Sandy DuChiens saßen auf einer Wolldecke und hielten Händchen. Dick Vollman, Chip Hobart und der sechzehnjährige Tony Donahue saßen in einem überdachten Gang ein wenig von Larrys Haus entfernt und ließen eine Flasche Canadian Club kreisen, den sie mit warmem Seven-Up hinunterspülten. Patty Kroger saß bei Shirley Hammett. Zwischen ihnen stand ein Picknickkorb. Der Korb war gut gefüllt, aber sie aßen kaum etwas. Gegen acht Uhr war die Straße voll von Menschen, die alle zum Haus sahen. Vor dem Haus stand Larrys Fahrrad, daneben George Richardsons schwere Kawasaki 650.
Larry beobachtete sie durch das Schlafzimmerfenster. Hinter ihm, in seinem und Lucys Bett, lag Mutter Abagail, bewußtlos. Der trockene Krankengeruch, der von ihr ausging, stieg ihm in die Nase, und er hätte kotzen mögen - aber er haßte es zu kotzen -, doch er rührte sich nicht. Dies war seine Buße, daß er mit dem Leben davongekommen war, während Nick und Susan sterben mußten. Hinter sich hörte er leise Stimmen, die Totenwache an ihrem Bett. George würde bald ins Krankenhaus fahren, um nach seinen anderen Patienten zu sehen. Es waren nur noch sechzehn. Drei waren entlassen worden. Und Teddy Weizak war gestorben. Larry selbst war völlig unverletzt geblieben.
Der gute alte Larry-behält den Kopf, während alle anderen um ihn herum ihren verlieren. Die Explosion hatte ihn quer über die Einfahrt und in ein Blumenbeet geschleudert, aber er hatte keinen einzigen Kratzer abbekommen. Um ihn herum hatte es zerfetzte Trümmer geregnet, aber er selbst war nicht getroffen worden. Nick war gestorben, Susan war gestorben, aber er war unverletzt. Ja, der gute alte Larry Underwood.
Totenwache drinnen. Totenwache draußen. Den ganzen Block entlang. Mindestens sechshundert Leute. Harold, du solltest mit ein paar Handgranaten kommen und den Rest erledigen. I. Er war Harold durch das ganze Land gefolgt; er war einer Spur von leeren Payday-Packungen und klugen Improvisationen gefolgt. In Wells hätte Larry um ein Haar seine Finger verloren, als er sich Benzin verschaffen wollte. Harold hatte einfach das Entlüftungs ventil gesucht und einen Siphon benutzt. Es war Harold gewesen, der vorgeschlagen hatte, die Besetzung der Komitees mit wachsender Bevölkerungszahl zu verstärken. Harold, der vorgeschlagen hatte, das Ad-hoc-Komitee als Ganzes zu akzeptieren. Der kluge Harold. Harold und sein Hauptbuch. Harold und sein Grinsen.
Stu hatte gut reden, daß niemand aus ein paar Drahtschnipseln auf einem Hockeytisch hätte erkennen können, was Harold und Nadine vorhatten. Larry genügte diese Argumentation einfach nicht. Er hatte Harolds brillantes Improvisationstalent ja selbst erlebt. Ein Beispiel davon stand mit Riesenbuchstaben fast sechs Meter hoch auf einem Scheunendach geschrieben, um Himmels willen! Er hätte es erkennen müssen. Inspektor Underwood war großartig, wenn es galt, einer Spur von Payday-Packungen zu folgen, aber wenn es um Dynamit ging, ließ er gewaltig nach. Mehr noch: Inspektor Underwood war ein ausgesprochenes Arschloch.