Larry, wenn du wüßtest...
Nadines Stimme.
Wenn es sein muß, falle ich auf die Knie und flehe dich an.
Das wäre eine weitere Chance gewesen, Mord und Zerstörung zu verhindern ... eine, von der er nie einem Menschen erzählen konnte. Hatten sie es schon damals ins Auge gefaßt? Wahrscheinlich. Sie mochten noch nicht an das mit einem Walkie-talkie gekoppelte Dynamit gedacht haben, aber einen Plan hatten sie auf jeden Fall gehabt.
Flaggs Plan.
Ja - im Hintergrund stand immer Flagg, der dunkle Marionettenspieler, der bei Harold und Nadine und Charlie Impening die Fäden zog, vielleicht auch bei vielen anderen. Die Leute in der Zone würden Harold auf der Stelle lynchen, aber es war Flaggs Werk... und Nadines. Und wer hatte sie zu Harold geschickt, wenn nicht Flagg? Aber bevor sie zu ihm gegangen war, hatte sie sich an Larry gewandt. Und er hatte sie fortgeschickt.
Wie hätte er ja sagen können? Er hatte eine Verantwortung Lucy gegenüber. Das war wichtiger als alles andere gewesen, nicht nur Lucys, auch seinetwegen - er hatte nur zu genau gewußt, dass höchstens noch zwei oder drei Ausrutscher nötig waren, und er wäre als Mensch endgültig erledigt gewesen. Deshalb hatte er sie fortgeschickt, und er vermutete, daß Flagg mit der Arbeit von gestern abend zufrieden war... wenn er überhaupt Flagg hieß. Oh, Stu lebte noch und sprach für das Komitee - er war der Mund, den Nick nie benutzen konnte. Auch Glen lebte, und Larry hielt ihn für den Kopf des Komitees. Aber Nick war das Herz des Komitees und Sue zusammen mit Frannie dessen moralisches Gewissen gewesen. Ja, dachte er verbittert, alles in allem hat der Drecksack gute Arbeit geleistet. Wenn sie je nach drüben gelangen sollten, müßte er Harold und Nadine ihren verdienten Lohn zukommen lassen.
Er wandte sich vom Fenster ab und spürte ein dumpfes Klopfen in den Schläfen. Richardson fühlte Mutter Abagails Puls. Laurie beschäftigte sich mit den IV-Flaschen an ihrem T-förmigen Ständer. Dick Ellis stand daneben. Lucy saß an der Tür und sah Larry an.
»Wie geht es ihr?« fragte Larry George.
»Unverändert«, sagte Richardson.
»Wird sie die Nacht überleben?«
»Kann ich nicht sagen, Larry.«
Die Frau auf dem Bett war ein mit dünner, aschgrauer Haut überzogenes Skelett. Sie wirkte geschlechtslos. Fast alle Haare waren ausgefallen. Ihre Brüste waren verschwunden. Sie hatte den Mund geöffnet und atmete röchelnd. Sie kam Larry vor wie eine der Mumien von Yucatän, die er auf Bildern gesehen hatte - nicht verwest, sondern geschrumpft; konserviert; trocken; ohne Alter. Ja, das war sie jetzt, keine Mutter, sondern eine Mumie. Abgesehen vom rasselnden Seufzen ihrer Atmung, die Wind glich, der durch Strohstoppeln wehte. Wie konnte sie noch am Leben sein, fragte sich Larry... und welcher Gott konnte ihr das auferlegen? Zu welchem Zweck? Es mußte ein Witz sein, ein großer kosmischer Lachschlager. George sagte, er habe von ähnlichen Fällen gehört, aber noch nie von einem so extremen, und er hätte nie geglaubt, einen zu Gesicht zu bekommen. Irgendwie... verzehrte sie sich selbst. Lange nachdem sie an Unterernährung hätte sterben müssen, hatte ihr Körper noch funktioniert. Er hatte eigene Substanz aufgezehrt, die nie hätte aufgezehrt werden dürfen. Lucy hatte sie auf das Bett gehoben und erstaunt berichtet, sie habe kaum mehr als ein Kastendrachen gewogen, ein Kinderspielzeug, das der leiseste Windhauch fortwehen konnte.
Und jetzt meldete sich Lucy aus ihrer Ecke an der Tür und erschreckte sie alle: »Sie will uns etwas sagen.«
Laurie sagte unsicher: »Sie liegt in einem tiefen Koma, Lucy. Vielleicht erlangt sie nicht einmal mehr das Bewußtsein...«
»Sie ist zurückgekommen, um uns etwas zu sagen. Und Gott wird sie nicht sterben lassen, bevor sie es gesagt hat.«
»Aber was könnte das sein, Lucy?« fragte Dick sie.
»Ich weiß nicht«, sagte Lucy. »Aber ich habe Angst davor, es zu hören. Das weiß ich. Das Sterben ist nicht vorbei. Es hat erst angefangen. Zumindest fürchte ich das.«
Es folgte ein längeres Schweigen, das George Richardson schließlich brach. »Ich muß ins Krankenhaus. Laurie, Dick, ich brauche euch beide.«
Du willst uns doch nicht mit dieser Mumie alleinlassen? hätte Larry beinahe gefragt, und er biß sich auf die Lippen, damit er es nicht aussprach.
Die drei gingen zur Tür, und Lucy holte ihnen die Mäntel. Heute abend hatte es unter fünfzehn Grad, eine Motorradfahrt in Hemdsärmeln wäre unangenehm gewesen.
»Können wir etwas für sie tun?«, fragte Larry George leise.
»Lucy kennt sich mit dem IV-Tropf aus«, sagte George. »Sonst könnt ihr nichts tun. Weißt du...« Er sprach nicht zu Ende. Natürlich wußten es alle. Es lag ja auf dem Bett, oder?
»Gute Nacht, Larry, Lucy«, sagte Dick.
Sie gingen. Larry trat wieder ans Fenster. Draußen waren alle aufgestanden und sahen her. Lebte sie noch? War sie tot? Lag sie im Sterben? War sie womöglich von der Kraft Gottes genesen. Hatte sie etwas gesagt?
Lucy legte ihm einen Arm um die Hüfte, und er zuckte zusammen.
»Ich liebe dich«, sagte sie.
Er tastete nach ihr, hielt sie fest. Er senkte den Kopf und zitterte hilflos.
»Ich liebe dich«, sagte sie ruhig. »Schon gut. Versuch nicht, es zurückzuhalten.«
Er weinte. Seine Tränen waren so heiß und hart wie Gewehrkugeln.
»Lucy...«
»Pssst.« Ihre Hände um seinen Nacken, ihre tröstenden Hände.
»Oh, Lucy, mein Gott, was hat das alles nur zu bedeuten?« rief er, und sie hielt ihn so fest sie konnte, sie wußte es nicht, noch nicht, und Mutter Abagail atmete noch immer schwer hinter ihnen aus ihrem tiefen Koma heraus.
George fuhr im Schrittempo die Staße entlang und verkündete immer wieder dieselbe Botschaft: Ja, sie lebt noch. Aber die Prognose ist ungünstig. Nein, sie hat nichts gesagt und wird es wahrscheinlich auch nicht mehr. Ihr solltet nach Hause gehen. Wenn etwas geschieht, erfahrt ihr es.
Als sie zur Ecke kamen, beschleunigten sie und bogen in Richtung Krankenhaus ab. Der Auspufflärm der Motorräder knatterte und hallte zurück, prallte auf Häuser und davon ab und verschwand schließlich im Nichts.
Die Leute gingen nicht nach Hause. Sie blieben noch eine Weile stehen, nahmen ihre Gespräche wieder auf und prüften jedes Wort, das George gesagt hatte. Prognose? Was konnte das bedeuten? Koma. Gehirntod. Wenn ihr Gehirn tot war, konnte man nichts mehr machen. Man könnte genausogut versuchen, mit einer Dose Erbsen zu sprechen wie mit einem Menschen, dessen Gehirn tot ist. Nun, jedenfalls wenn es sich um eine natürliche Situation handelte, aber hier war kaum noch etwas natürlich, oder?
Sie setzten sich wieder. Es wurde dunkel. Im Haus, in dem die alte Frau lag, wurde eine Coleman-Lampe angezündet. Sie würden später nach Hause gehen und lange schlaflos liegen.
Zögernd kamen die Gespräche auf den dunklen Mann. Wenn Mutter Abagail starb, bedeutete das, daß er stärker war? Was meinst du damit, »nicht unbedingt«?
Nun, ich halte ihn ganz einfach für den Satan.
Ich glaube, er ist ein Antichrist. Wir leben jetzt schon wie im Buch der Offenbarung... wie könnt ihr daran zweifeln? »Und die sieben Schalen des Zorns wurden ausgegossen...« Das hört sich ganz nach der Supergrippe an.
Ach, Quatsch, die Leute haben gesagt, Hitler war der Antichrist. Wenn diese Träume wiederkommen, bringe ich mich um. In meinem war ich in einer U-Bahn-Station und er war der Fahrscheinverkäufer, aber ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Ich hatte Angst. Ich lief in den U-Bahn-Tunnel. Dann konnte ich hören, wie er mich verfolgte. Und näherkam.
In meinem bin ich in den Keller gegangen, um ein Glas eingemachte Melonenscheiben zu holen, und sah ihn beim Heizofen stehen... nur ein Schemen. Und ich wußte, daß er es war.