»... und sie hat mich angesehen. Sie kann nur flüstern, aber man kann sie deutlich verstehen.« Larry schluckte. Alle fünf standen jetzt im Vorraum. »Sie sagte, der Herr würde sie bei Sonnenaufgang zu sich holen. Aber sie müsse erst noch mit denjenigen von uns reden, die Gott noch nicht geholt hat. Ich habe sie gefragt, was sie meinte, und sie sagte, Gott hätte Nick und Susan geholt. Sie wußte es.« Er stöhnte heiser und fuhr sich mit den Händen durch das lange Haar. Lucy erschien am Ende des Flurs. »Ich habe Kaffee gemacht. Er steht hier, wenn ihr wollt.«
»Danke, Liebes«, sagte Larry.
Lucy sah unsicher aus. »Soll ich mit euch rein? Oder ist es geheim, wie das Komitee?«
Larry sah Stu an, der leise sagte: »Komm nur mit. Ich habe so eine Ahnung, als würden keine großen Enthüllungen mehr kommen.«
Frannies wegen gingen sie langsam durch den Flur zum Schlafzimmer.
»Sie wird es uns sagen«, sagte Ralph plötzlich. »Mutter wird es uns sagen. Kein Grund zur Ungeduld.«
Sie gingen zusammen hinein, und Mutter Abagail sah sie mit ihren hellen, sterbenden Augen an.
Fran wußte um die körperliche Verfassung der alten Frau, aber es war dennoch ein häßlicher Schock. Mutter Abagail bestand nur noch aus einer trockenen Membran von Haut und Sehnen, die die Knochen zusammenhielt. Im Zimmer roch es nicht einmal nach Fäulnis und bevorstehendem Tod; vielmehr herrschte ein trockener Geruch nach Dachboden vor... nein, ein Geruch nach Salon. Die halbe Infusionsnadel ragte aus ihrem Fleisch, weil sie einfach keinen Platz hatte.
Aber die Augen hatten sich nicht verändert. Sie waren sanft und gütig und menschlich. Das war eine Erleichterung, aber dennoch empfand Fran so etwas wie Entsetzen... nicht eigentlich Angst, aber vielleicht etwas Geheiligteres - Ehrfurcht. War es Ehrfurcht? Ein Gefühl des Kommenden. Kein Verhängnis, aber es war, als hinge eine entsetzliche Verantwortung wie ein Stein über ihren Köpfen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt.
»Setz dich, kleines Mädchen«, flüsterte Mutter Abagail. »Du hast Schmerzen.«
Larry führte sie zu einem Sessel, und Fran setzte sich mit einem dünnen, pfeifenden Seufzer der Erleichterung, obwohl sie wußte, selbst das Sitzen würde ihr nach einer Weile Schmerzen bereiten. Mutter Abagail sah sie immer noch mit diesen hellen Augen an. »Du bist schwanger«, flüsterte sie.
»Ja... wie...«
»Pssst...«
Schweigen senkte sich über den Raum, tiefes Schweigen. Fasziniert, hypnotisiert sah Fran die alte Frau an, die zuerst in ihren Träumen und dann in ihrem Leben aufgetaucht war.
»Schau aus dem Fenster, kleines Mädchen.«
Fran wandte den Kopf zum Fenster, wo Larry vor zwei Tagen gestanden und die versammelten Menschen beobachtet hatte. Sie sah keine erdrückende Dunkelheit, sondern ruhiges Licht. Es war nicht der Widerschein des Zimmers; es war das Licht des dämmernden Morgens. Sie sah das schwache, leicht verzerrte Bild eines Kinderzimmers mit karierten Vorhängen. Dort stand ein Kinderbett - aber es war leer. Dort stand ein Laufstall - leer. Ein Mobile aus hellen Plastikschmetterlingen - nur vom Wind bewegt. Grauen legte seine kalten Hände um ihr Herz. Die anderen sahen es ihrem Gesicht an, verstanden es aber nicht; sie sahen nur ein von der Straßenlaterne erhelltes Stück Rasen durch das Fenster.
»Wo ist das Baby?« fragte Fran heiser.
»Stuart ist nicht der Vater des Babys, kleines Mädchen. Aber sein Leben liegt in Stuarts und in Gottes Händen. Der Junge wird vier Väter haben. Wenn Gott ihn überhaupt atmen läßt.«
»Wenn er atmen...«
»Das hat Gott vor meinen Augen verborgen«, flüsterte sie.
Das leere Kinderzimmer war verschwunden. Fran sah nur Dunkelheit. Und jetzt ballte das Grauen die Hände zu Fäusten, und ihr Herz schlug dazwischen.
Mutter Abagail flüsterte: »Der Dämon hat seine Braut gerufen, und er will ihr ein Kind zeugen. Wird er dein Kind leben lassen?«
»Hören Sie auf«, stöhnte Frannie. Sie legte die Hände vors Gesicht. Stille, tiefe Stille lag wie Schnee im Raum. Glen Batemans Gesicht war ein alter trüber Scheinwerfer. Lucy strich mit der rechten Hand unablässig über den Kragen ihres Bademantels. Ralph hielt den Hut in der Hand und zupfte zerstreut an der Feder. Stu sah zu Frannie, konnte aber nicht zu ihr gehen. Jetzt nicht. Er mußte kurz an die Frau bei der Versammlung denken, die hastig Augen, Ohren und Mund bedeckt hatte, als der dunkle Mann erwähnt worden war.
»Mutter, Vater, Frau, Mann«, flüsterte Mutter Abagail. »Auf der anderen Seite der Fürst der hohen Stätten, der Herr des dunklen Morgens. Ich habe in meinem Stolz gesündigt. Ihr habt alle im Stolz gesündigt. Wißt ihr nicht, daß geschrieben steht, ihr sollt nicht in die Fürsten und Herren dieser Welt euren Glauben setzen?«
Sie sahen sie an.
»Elektrisches Licht ist nicht die Antwort, Stu Redman, CB-Funk auch nicht, Ralph Brentner. Soziologie macht ihm kein Ende, Glen Bateman. Und deine Buße um ein Leben, das längst ein versiegeltes Buch ist, wird es nicht aufhalten können, Larry Underwood. Und dein Sohn wird es auch nicht aufhalten, Fran Goldsmith. Der böse Mond ist aufgegangen. Ihr seid nichts vor dem Antlitz des Herrn.«
Nacheinander sah sie jeden an. »Gott wird es fügen, wie er es für richtig hält. Ihr seid nicht der Töpfer, ihr seid der Ton. Vielleicht ist der Mann im Westen das Rad, auf das ihr geflochten werdet. Ich darf es nicht wissen.«
Eine Träne, erstaunlich in dieser sterbenden Wüste, stahl sich aus ihrem linken Auge und rollte ihr über die Wange.
»Mutter, was sollen wir tun?« fragte Ralph.
»Kommt näher, ihr alle. Meine Zeit läuft ab. Ich gehe heim in die Herrlichkeit, und nie war ein Mensch dazu mehr bereit als ich. Kommt nahe zu mir.«
Ralph setzte sich auf die Bettkante. Larry und Glen stellten sich ans Fußende. Fran verzog das Gesicht, als sie aufstand, und Stu zog den Stuhl neben Ralph. Sie setzte sich wieder und nahm seine Hand mit ihren kalten Fingern.
»Gott hat euch nicht zusammengebracht, damit ihr ein Komitee oder eine Gemeinschaft gründet«, sagte sie. »Er hat euch hergeführt, um euch weiterzuschicken, auf eine Suche. Er möchte, daß ihr versucht, diesen Dunklen Fürsten, diesen Mann ferner Meilen, zu vernichten.«
Tickendes Schweigen. Mutter Abagail seufzte.
»Ich habe gedacht, Nick sollte euch führen, aber er hat Nick genommen - obwohl mir scheint, daß Nick nicht ganz verschwunden ist. Nein, ganz und gar nicht. Nun mußt du führen, Stuart. Und wenn es Gottes Wille ist, Stuart zu nehmen, dann mußt du führen, Larry. Und wenn er dich nimmt, dann fällt es Ralph zu.«
»Sieht aus, als wäre ich das fünfte Rad am Wagen«, sagte Glen.
»Was...«
»Führen?« fragte Fran kalt. »Führen? Wohin führen...?«
»Nach Westen, kleines Mädchen«, sagte Mutter Abagail. »Nach Westen. Du sollst nicht gehen. Nur die vier.«
»Nein!« Trotz ihrer Schmerzen war sie aufgesprungen. »Was sagen Sie da? Daß die vier sich in seine Hände geben sollen? Herz, Seele und Mut der Freien Zone?« Ihre Augen funkelten. »Damit er sie ans Kreuz schlagen und nächsten Sommer hier ungehindert einmarschieren kann, um uns alle umzubringen? Ich will nicht, dass mein Mann Ihrem Mördergott geopfert wird. Der Teufel soll ihn holen.«
»Frannie!« keuchte Stu.
»Mördergott! Mördergott!« fauchte sie. »Millionen - vielleicht Milliarden Tote durch die Seuche. Millionen danach. Wir wissen nicht einmal, ob unsere Kinder leben werden. Hat er immer noch nicht genug? Soll es immer so weitergehen, bis die Erde den Ratten und Insekten gehört? Er ist ein Dämon, und Sie sind seine Hexe!«
»Hör auf, Frannie.«
»Kein Problem. Ich bin fertig. Ich will gehen. Bring mich nach Hause, Stu. Nicht ins Krankenhaus, sondern nach Hause.«