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»Wir werden uns anhören, was sie zu sagen hat.«

»Gut. Dann hör du es für uns beide an. Ich gehe.«

»Kleines Mädchen.«

»Nennen Sie mich nicht so

Ihre Hand schoß vor und umklammerte Frannies Handgelenk. Fran erstarrte. Sie machte die Augen zu. Sie riß den Kopf zurück.

»Nein. N-N-Nein... O MEIN GOTT - STU...«

»Halt! Halt!« brüllte Stu. »Was machen Sie mit ihr?«

Mutter Abagail antwortete nicht. Der Augenblick wurde länger, schien sich zu einem Stück Unendlichkeit zu dehnen, dann ließ die alte Frau los.

Langsam, wie betäubt, massierte Fran das Handgelenk, das Mutter Abagail ergriffen hatte, obwohl keine Rötung darauf hindeutete, dass Druck angewendet worden war. Plötzlich wurden Frannies Augen ganz groß.

»Liebes?« fragte Stu ängstlich.

»Weg«, murmelte Fran.

»Wovon... wovon redet sie?« Stu sah die anderen erschüttert und flehentlich an. Glen schüttelte nur den Kopf. Sein Gesicht war weiss und angespannt, aber nicht ungläubig.

»Die Schmerzen... das Reißen. Meine Rückenschmerzen. Sie sind weg.« Sie sah Stu benommen an. »Sie sind ganz weg. Sieh doch.«

Sie bückte sich und berührte die Zehen leicht: einmal, dann zweimal. Dann bückte sie sich zum dritten Mal und preßte die Handfläche auf den Boden, ohne die Knie anzuwinkeln.

Sie richtete sich wieder auf und sah Mutter Abagail in die Augen.

»Ist das die Bestechung Gottes? Wenn ja, kann er seine Heilung zurücknehmen. Ich habe lieber die Schmerzen, wenn ich dafür Stu behalten kann.«

»Gott besticht nicht, Mädchen«, flüsterte Mutter Abagail. »Er setzt nur ein Zeichen und läßt die Menschen es nehmen, wie sie wollen.«

»Stu geht nicht nach Westen«, sagte Fran, aber jetzt mischte sich Unsicherheit in ihre Angst.

»Setz dich«, sagte Stu. »Wir werden uns anhören, was sie zu sagen hat.«

Fran setzte sich erschrocken, fassungslos, verwirrt. Ihre Hände betasteten immer wieder den Rücken.

»Geht nach Westen«, flüsterte Mutter Abagail. »Nehmt weder Nahrung noch Wasser mit. Geht noch heute und in den Kleidern, die ihr am Leibe tragt. Geht zu Fuß. Ich weiß, daß einer von euch das Ziel nicht erreichen wird, aber ich weiß nicht, wer derjenige ist, der fallen wird. Ich weiß, daß die anderen vor diesen Mann Flagg gebracht werden, der überhaupt kein Mann ist, sondern ein übernatürliches Wesen. Ich weiß nicht, ob es Gottes Wille ist, daß ihr ihn besiegt. Ich weiß nicht, ob es Gottes Wille ist, daß ihr Boulder jemals wiederseht. Das zu sehen ist mir nicht vergönnt. Aber er ist in Las Vegas, und dort müßt ihr hingehen, und dort werdet ihr euer letztes Gefecht austragen. Ihr werdet gehen, und ihr werdet nicht verzagen, denn ihr könnt euch auf des Herrn starken und ewigen Arm stützen. Ja. Mit Gottes Hilfe werdet ihr bestehen. «

Sie nickte.

»Das ist alles. Ich habe meinen Teil gesagt.«

»Nein«, flüsterte Fran. »Das kann nicht sein.«

»Mutter«, sagte Glen krächzend. Er räusperte sich. »Mutter, uns ist nicht >gegeben< zu verstehen, wenn Sie wissen, was ich meine. Wir... wir sind nicht mit Ihrer Nähe zu dieser Art oberster Instanz gesegnet. Das ist uns nicht gegeben. Fran hat recht. Wenn wir da rübergehen, werden wir wahrscheinlich von den ersten Posten totgeschlagen, denen wir begegnen.«

»Habt ihr keine Augen? Ihr habt gerade gesehen, wie Gott Fran durch mich von ihrem Leiden geheilt hat. Glaubt ihr, sein Plan ist es, daß ihr von den niedersten Häschern des Dunklen Fürsten erschossen und getötet werdet?«

»Aber Mutter...«

»Nein.« Sie hob die Hand und tat seine Worte mit einem Winken ab.

»Es ist nicht meine Sache, mit euch zu streiten oder euch zu überzeugen, sondern nur, euch Gottes Plan mit euch verständlich zu machen. Hör zu, Glen.«

Plötzlich kam die Stimme von Glen Bateman aus Mutter Abagails Mund, die ihnen allen Angst machte, Fran so sehr, daß sie sich kreischend an Stu drückte.

»Mutter Abagail nennt ihn den Vasallen des Teufels«, sagte die kräftige Männerstimme, die irgendwie in der verbrauchten Brust der alten Frau ihren Ursprung nahm und durch den zahnlosen Mund herauskam. »Vielleicht ist er nur der letzte Zauberer rationalen Denkens, der die Werkzeuge der Technologie gegen uns sammelt. Vielleicht ist er mehr, etwas Dunkleres. Ich weiß nur, er ist. Und ich glaube nicht mehr, daß Soziologie oder Psychologie oder sonst eine -ologie ihn aufhalten können. Ich glaube, das kann nur weiße Magie.«

Glens Mund stand offen.

»Ist das die Wahrheit, oder sind dies die Worte eines Lügners?« sagte Mutter Abagail.

»Ich weiß nicht, ob es stimmt oder nicht, aber es sind meine Worte«, sagte Glen erschüttert.

»Habt Vertrauen. Ihr alle. Vertrauen. Larry... Ralph... Stu... Glen... Frannie. Besonders du, Frannie. Vertrauen... und gehorcht dem Wort Gottes.«

»Haben wir denn eine Wahl?« fragte Larry bitter.

Sie sah ihn erstaunt an. »Eine Wahl? Es gibt immer eine Wahl. Das ist Gottes Art, immer. Euer Wille ist frei. Macht was ihr wollt. Euch sind keine Fußfesseln angelegt. Aber... das will Gott von euch.«

Wieder diese Stille, wie tiefer Schnee. Schließlich unterbrach Ralph sie. »In der Bibel steht, was David mit Goliath gemacht hat«, sagte er. »Ich werde gehen, wenn Sie sagen, daß es richtig ist, Mutter.«

Sie nahm seine Hand.

»Ich«, sagte Larry. »Ich auch. Okay.« Er seufzte und hielt die Hände an die Stirn, als hätte er Kopfschmerzen. Glen machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber bevor er es konnte, hörten sie einen tiefen Seufzer aus der Ecke, und ein Poltern.

Es war Lucy, die sie alle vergessen hatten. Sie war in Ohnmacht gefallen.

Die Dämmerung berührte den Rand der Welt.

Sie saßen um Larrys Küchentisch und tranken Kaffee. Es war zehn vor fünf, als Fran durch den Flur kam und unter der Tür stehenblieb. Sie hatte ein verweintes Gesicht, aber sie hinkte nicht mehr beim Gehen. Sie war tatsächlich geheilt. »Ich glaube, sie stirbt«, sagte Fran.

Sie gingen hinein; Larry hatte den Arm um Lucy gelegt. Mutter Abagails Atem klang hohl und rasselnd und erinnerte in schrecklicher Weise an die Supergrippe. Schweigend und voll Ehrfurcht versammelten sie sich um das Bett. Ralph war überzeugt, daß am Ende etwas geschehen, daß sich ihnen das Wunder Gottes unverhüllt und deutlich offenbaren würde. Sie würde mit einem Blitz gen Himmel fahren. Oder sie würden ihre Seele sehen, die in einen Strahlenkranz verwandelt durch das Fenster himmelwärts stieg. Aber am Ende starb sie einfach.

Sie tat noch einen einzigen Atemzug, den letzten von Millionen. Sie sog ihn ein, hielt ihn, stieß ihn wieder aus. Dann hob sich ihre Brust nicht mehr.

»Sie ist tot«, murmelte Stu.

»Gott sei ihrer Seele gnädig«, sagte Ralph, der keine Angst mehr hatte. Er faltete ihr die Hände über der dünnen Brust und benetzte sie mit seinen Tränen.

»Ich werde gehen«, sagte Glen plötzlich. »Sie hatte recht. Weiße Magie. Mehr bleibt uns nicht.«

»Stu«, flüsterte Frannie. »Bitte, Stu, sag nein.«

Sie sahen ihn an - alle.

Nun mußt du führen, Stuart.

Er dachte an Arnette, an den alten Wagen mit Charles D. Campion und seiner Todesfracht, der wie eine böse Büchse der Pandora in Bill Hapscombs Zapfsäulen gefahren war. Er dachte an Denninger und Deitz und wie er sie in Gedanken mit den lächelnden Ärzten verglichen hatte, die ihn und seine kranke Frau - und vielleicht auch sich selbst - über ihren Zustand belogen und belogen und belogen hatten. Und ganz besonders dachte er an Frannie. Und an Mutter Abagail, die gesagt hatte: Das will Gott von euch.

»Frannie«, sagte er. »Ich muß gehen.«