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»Und sterben.« Sie sah ihn bitter, fast haßerfüllt an, dann hilfesuchend zu Lucy. Aber Lucy war selbst betäubt und geistesabwesend und keine Hilfe.

»Wenn wir nicht gehen, sterben wir«, sagte Stu und tastete sich an den Worten entlang. »Sie hatte recht. Wenn wir warten, kommt der Frühling. Und dann? Wie wollen wir ihn aufhalten? Wir wissen es nicht. Wir haben keinen Schimmer. Noch nie gehabt. Wir hatten die Köpfe in den Sand gesteckt. Wir können ihn nicht aufhalten, nur, wie Glen sagt, Weiße Magie. Oder die Macht Gottes.«

Sie fing bitterlich an zu weinen.

»Frannie, nicht«, sagte er und wollte ihre Hand nehmen.

»Faß mich nicht an«, schrie sie. »Du bist ein toter Mann, du bist eine Leiche, also faß mich nicht an

Als die Sonne aufging, standen sie immer noch wie ein Stilleben um das Bett herum.

Stu und Frannie fuhren gegen elf Uhr zum Flagstaff Mountain. Sie parkten auf halber Höhe, und Stu brachte den Picknickkorb, während Fran die Tischdecke und eine Flasche Blue Nun trug. Das Picknick war ihre Idee gewesen, aber ein seltsames und verlegenes Schweigen herrschte zwischen ihnen.

»Hilf mir die Decke ausbreiten«, sagte sie. »Und paß auf Dornen auf.«

Sie standen auf einer kleinen, flach abfallenden Wiese etwa dreihundert Meter unterhalb des Sunrise Amphitheater. Boulder lag im blauen Dunst unter ihnen. Heute herrschte der Sommer wieder uneingeschränkt. Die Sonne schien mit Macht und Kraft. Im Gras zirpten Grillen. Ein Grashüpfer sprang hoch, und Stu fing ihn mit einer raschen Bewegung der rechten Hand. Er konnte sein ängstliches Kribbeln an den Fingern spüren.

»Spuck, und ich laß dich gehen«, sagte er, eine alte Kindheitsfloskel, und als er aufschaute, sah Fran ihn traurig an. Sie drehte mit rascher Präzision den Kopf und spie aus. Es tat ihm in der Seele weh, das zu sehen. »Fran...«

»Nein, Stu. Sprich nicht darüber. Nicht jetzt.«

Sie breiteten das weiße Tischtuch aus, das Fran aus dem Hotel Boulderado gemopst hatte, und Fran richtete mit knappen, ökonomischen Bewegungen (es gab ihm ein seltsames Gefühl zu sehen, wie sie sich so anmutig und geschmeidig bewegte, als hätte es nie eine Verletzung und einen verrenkten Rücken gegeben) das Essen: Gurken und grünen Salat mit Essig; Schinkensandwiches; den Wein; einen Apfelkuchen als Nachtisch.

»Für alle guten Gaben danken wir dir, amen«, sagte sie. Er setzte sich neben sie und nahm ein Sandwich und Salat. Er war nicht hungrig. Er war innerlich verletzt. Aber er aß.

Als sie beide ihr symbolisches Sandwich und den größten Teil des Salats gegessen hatten - das frische Grün war köstlich gewesen -, und ein Stück Apfelkuchen als Nachtisch, sagte sie: »Wann brecht ihr auf?«

»Zu Mittag«, sagte er. Er zündete sich eine Zigarette an und schützte dabei die Flamme mit den hohlen Händen.

»Wie lange braucht ihr, bis ihr dort seid?«

Er zuckte die Achseln. »Zu Fuß? Keine Ahnung. Glen ist nicht mehr der Jüngste. Ralph auch nicht, was das betrifft. Wenn wir dreißig Meilen am Tag schaffen, könnten wir ungefähr am ersten Oktober drüben sein.«

»Und wenn in den Bergen schon Schnee liegt? Oder in Utah?«

Er zuckte die Achseln und sah sie fest an.

»Noch Wein?« fragte sie.

»Nein. Davon bekomme ich Sodbrennen. Schon immer.«

Fran schenkte sich noch ein Glas ein und trank einen Schluck, »War sie Gottes Stimme, Stu? War sie das?«

»Frannie, ich weiß es nicht.«

»Wir haben von ihr geträumt, und sie existierte. Diese ganze Sache gehört zu einem albernen Spiel, weißt du das, Stuart? Hast du je das Buch Hiob gelesen?«

»Ich glaube, ich war nie sehr bibelfest.«

»Aber meine Mutter. Sie hat immer Wert darauf gelegt, daß mein Bruder und ich uns mit Religion beschäftigen. Warum hat sie uns nie gesagt. Soweit ich weiß, habe ich davon nur einen Vorteil gehabt: Ich konnte immer die Bibelfragen in >Jeopardy< beantworten. Erinnerst du dich noch an >Jeopardy<, Stu?«

Er lächelte und sagte: »Und hier kommt Ihr Gastgeber, Alex Trebeck.«

»Ja, genau der. Es ging immer umgekehrt. Zuerst erhielt man die Antwort, dann mußte man die Frage dazu finden. Was die Bibel anbetraf, kannte ich alle Fragen. Hiob war wie eine Wette zwischen Gott und dem Teufel. Der Teufel sagte: >Natürlich betet er dich an. Es geht ihm gut. Aber wenn du ihm lange genug ins Gesicht pißt, wird er dir abschwören. < Und Gott nahm die Wette an. Er hat sie gewonnen.« Sie lächelte betrübt. »Gott gewinnt immer. Ich wette, Gott ist Fan der Boston Celtics.«

»Vielleicht ist es eine Wette«, sagte Stu, »aber es geht um das Leben der Leute dort unten. Und um das des Kleinen in dir. Wie hat sie ihn genannt? Den Jungen?«

»Nicht einmal für ihn konnte sie mir Hoffnung machen«, sagte Fran.

»Wenn sie das getan hätte... nur das... wäre es wenigstens ein bißchen leichter gewesen, dich gehen zu lassen.«

Stu wußte nicht, was er sagen sollte.

»Es wird langsam Mittag«, sagte Fran. »Hilf mir einpacken, Stuart.«

Zusammen mit der Tischdecke legten sie das halbgegessene Frühstück und den Rest Wein in den Korb zurück. Stu betrachtete die Stelle und dachte, daß nur noch ein paar Krumen Zeugnis von ihrem Picknick ablegten... und auch die würden bald die Vögel fressen. Als er aufsah, schaute Frannie ihn weinend an. Er ging zu ihr.

»Ist schon gut. Das ist die Schwangerschaft. Ich muß immerfort weinen. Ich kann nichts dafür.«

»Schon recht«, sagte Stu.

»Schlaf mit mir, Stu.«

»Hier? Jetzt?«

Sie nickte und lächelte ein wenig. »Es wird schon gehen. Wenn wir auf die Dornen achten.«

Sie breiteten die Tischdecke wieder aus.

Am Ende der Baseline Road bat sie ihn, vor dem Haus anzuhalten, das bis vor vier Tagen noch Nick und Ralph gehört hatte. Die gesamte Rückfront des Hauses war weggesprengt worden. Trümmer lagen im Garten. Ein zertrümmert er Radiowecker lag auf einer zerfetzten Hecke. In der Nähe war das Sofa, das Fran unter sich begraben hatte. Auf der hinteren Treppe war ein Blutfleck. Sie sah ihn gebannt an.

»Ist das Nicks Blut? Könnte das sein?«

»Frannie, was soll das?« fragte Stu unbehaglich.

»Könnte es sein?«

»Herrgott, ich weiß nicht. Wahrscheinlich schon.«

»Leg die Hand darauf, Stu.«

»Frannie, bist du übergeschnappt?«

Die Stirnfalte furchte ihre Stirn, die Ich-will-Falte, die ihm erstmals in New Hampshire aufgefallen war.

»Leg die Hand darauf!«

Widerstrebend legte Stu die Hand auf den Fleck. Er wußte nicht, ob es Nicks Blut war oder nicht (und vermutete, eher nicht), aber die Geste verursachte ihm ein unheimliches, schauderndes Gefühl.

»Und jetzt schwöre mir, daß du zurückkommen wirst.«

Die Stufe schien an dieser Stelle zu warm zu sein; er wollte die Hand wegnehmen.

»Fran, wie kann ich...«

»Man kann nicht alles Gott überlassen«, zischte sie. »Nicht alles. Schwöre, Stu, schwöre es mir.«

»Frannie, ich schwöre, daß ich es versuchen will.«

»Das wird mir genügen müssen, oder?«

»Wir müssen zu Larry.«

»Ich weiß.« Aber sie hielt ihn nur noch fester. »Sag, daß du mich liebst.«

»Das weißt du doch.«

»Ich weiß es, aber sag es. Ich will es hören.«

Er hielt sie an den Schultern. »Fran, ich liebe dich.«

»Danke«, sagte sie und legte die Wange an seine Schulter. »Ich glaube, jetzt kann ich mich verabschieden. Ich glaube, jetzt kann ich dich gehen lassen.«

Sie umarmten einander in dem verwüsteten Vorgarten.

60

Sie und Lucy standen vor Larrys Haus und erlebten den undramatischen Anfang der Suche. Die vier standen einen Augenblick auf dem Gehweg, ohne Gepäck, ohne Schlafsäcke und ohne besondere Ausrüstung... wie befohlen. Alle trugen derbe Wanderschuhe.