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Die anderen Posten waren paarweise bemannt, ein rundes Dutzend, angefangen von der winzigen Stadt Flora an der Route 3, sechzig Meilen von der Grenze von Washington entfernt, bis nach McDermitt an der Grenze Oregon-Nevada.

Ein alter Mann in einem blauweißen Fahrzeug mit Vierradantrieb. Alle Wachen hatten denselben Befehclass="underline" Töten, aber nicht den Kopf verletzen! Über dem Adamsapfel durfte es keine Verletzungen oder Blutergüsse geben.

»Ich will keine beschädigte Ware zurückschicken«, hatte Randy Flagg ihnen gesagt und sein gräßliches Lachen gebrüllt.

Der Snake River bildet die nördliche Grenze zwischen Oregon und Idaho. Wenn man dem Fluß von Ontario aus, wo die sechs Männer in ihrem Peterbilt saßen und um wertloses Geld pokerten, nach Norden folgt, kommt man der Stadt Copperfield zum Greifen nahe. Hier macht der Snake einen Bogen (Geologen nennen es eine USchleife), und in der Nähe von Copperfield wird er vom OxbowDamm gestaut. Und an jenem siebten September, an dem Stu Redman und seine Gruppe auf dem Colorado Highway 6 über tausend Meilen entfernt im Südosten dahinstapften, saß Bobby Terry in Copperfield im Five and Dirne, einen Stapel Comics neben sich, und überlegte, in welchem Zustand der Oxbow-Damm sein mochte und ob die Schleusentore geöffnet oder geschlossen waren. Draußen führte der Oregon Highway 86 an dem Kramladen vorbei. Er und sein Partner Dave Roberts (er schlief gerade in der Wohnung eins höher) hatten über den Damm schon ausführlich diskutiert. Es regnete seit einer Woche. Der Snake River führte Hochwasser. Wenn der alte Oxbow-Damm nun brach? Schlechte Karten. Eine gewaltige Wasserwand würde sich über Copperfield stürzen und den alten Bobby Terry und den alten Dave Roberts möglicherweise bis in den Pazifik spülen. Sie hatten den Damm auf Risse untersuchen wollen, es aber am Ende nicht gewagt. Flaggs Befehle waren unmißverständlich gewesen: Versteckt halten.

Dave hatte darauf hingewiesen, daß Flagg überall sein konnte. Er war ungeheuer mobil, und man munkelte schon darüber, wie er plötzlich in einem abgelegenen Kaff auftauchen konnte, wo nur ein paar Leute eine Stromleitung reparierten oder ein Armee-Depot auf Waffenbestände untersuchten. Er materialisierte sich wie ein Gespenst. Nur war er ein grimmiges schwarzes Gespenst in staubigen Stiefeln mit abgelaufenen Absätzen. Manchmal war er allein, und manchmal hatte er Lloyd Henreid bei sich - am Steuer eines großen fetten Daimler, schwarz wie ein Leichenwagen und fast ebenso lang. Manchmal ging er zu Fuß. Eben war er nicht da, im nächsten Augenblick war er es. An einem Tag war er in Los Angeles (so hieß es wenigstens), und einen Tag später tauchte er in Boise auf... zu Fuß.

Aber auch darauf hatte Dave hingewiesen - nicht einmal Flagg konnte an sechs verschiedenen Orten zugleich sein. Einer von ihnen konnte zu diesem verflixten Damm preschen, ihn sich ansehen und wieder zurückpreschen. Die Chancen standen tausend zu eins zu ihren Gunsten.

Gut, du fährst, hatte Bobby Terry zu ihm gesagt. Du hast meine Erlaubnis. Aber Dave hatte die Einladung mit einem ängstlichen Grinsen abgelehnt. Denn Flagg wußte vieles, auch wenn er nicht persönlich zur Stelle war. Manche behaupteten, er hätte unnatürliche Macht über die Raubtiere des Tierreichs. Eine Frau namens Rose Kingman sagte, sie hätte selbst gesehen, wie er einmal mit den Fingern schnippte, als ein paar Krähen auf Telefondrähten saßen, worauf ihm die Krähen auf die Schulter geflogen waren. So sagte Rose Kingman, und sie führte weiter aus, sie hätten unablässig »Flagg... Flagg... Flagg« gekrächzt.

Das war natürlich lächerlich, und das wußte er. Ein Trottel glaubte das vielleicht, aber Bobby Terrys Mutter Delores hatte nie einen Trottel großgezogen. Er wußte, wie Geschichten die Runde machten und zwischen dem Mund des Erzählers und dem Ohr des Zuhörers immer wilder wurden. Und mit welchem Vergnügen der dunkle Mann solche Geschichten ermutigen würde!

Aber dennoch lief ihm bei diesen Geschichten ein atavistischer kleiner Schauer über den Rücken, als wäre an jeder ein Körnchen Wahrheit. Einige sagten, er konnte Wölfe rufen oder seine Seele in den Körper einer Katze versetzen. Ein Mann in Portland behauptete, er würde ein Wiesel oder einen Fischotter oder etwas Unaussprechliches in seinem zerschlissenen Pfadfinderrucksack, den er auf Reisen bei sich hatte, mit sich herumtragen. Alles natürlich dummes Zeug. Aber... wenn er nun tatsächlich mit den Tieren sprechen konnte, wie ein satanischer Dr. Doolittle? Und wenn er oder Dave entgegen seinen Befehlen zum Damm fuhren und gesehen wurden?

Die Strafe für Ungehorsam war Kreuzigung.

Bobby Terry sagte sich, der alte Damm würde ohnehin nicht brechen.

Er schnippte eine Kent aus der Packung auf dem Tisch, zündete sie an und verzog das Gesicht bei dem heißen, trockenen Geschmack. In sechs Monaten würde man die verdammten Zigaretten überhaupt nicht mehr rauchen können. War vielleicht ganz gut. Die Scheißdinger waren sowieso der Tod.

Er seufzte und nahm ein anderes Comic-Heft vom Stapel. Ein alberner Mist mit dem Titel Teenage Ninja Mutant Turtles. Die Ninja Turtles - Schildkröten - waren angeblich »Helden im Rückenpanzer«. Er schleuderte Raphael, Donatello und ihre gehirnamputierten Freunde quer durch das Geschäft, und das Comic-Heft, in dem sie lebten, flatterte wie ein Zelt auf die Registrierkasse. Wenn man etwas wie Teenage Mutant Ninja Turtles sah, dachte er, wollte man gerne glauben, daß die Welt es verdient hatte, vor die Hunde zu gehen.

Er nahm das nächste Heft, Batman - das war wenigstens noch ein Held, an den man irgendwie glauben konnte -, und wandte sich gerade der ersten Seite zu, als er draußen den blauweißen Scout Richtung Westen vorbeifahren sah. Die breiten Reifen spritzten schlammiges Regenwasser hoch.

Mit offenem Mund starrte Bobby Terry auf die Stelle, wo er vorbeigefahren war. Er konnte kaum glauben, daß der Wagen, den sie alle suchten, eben seinen Posten passiert hatte. Insgeheim hatte er diesen Job die ganze Zeit für eine Scheißbeschäftigungstherapie gehalten.

Er lief zur Tür und riß sie auf. Er rannte auf die Straße und hielt noch den Batman-Comic in der Hand. Vielleicht war das Ganze nur eine Halluzination gewesen. Allein beim Gedanken an Flagg konnte man Halluzinationen haben.

Aber es war keine. Er sah noch das Dach des Scout, als dieser hinter dem nächsten Hügel aus der Stadt verschwand. Bobby lief durch den leeren Kramladen und rief, was die Lungen hergaben, nach Dave.

Der Richter hielt verbissen das Lenkrad fest und tat so, als würde es keine Arthritis geben, und wenn doch, als hätte er sie nicht oder, wenn er sie schon hatte, als würde er sie bei feuchtem Wetter nicht spüren. Weiter wollte er nicht gehen, denn der Regen war eine Tatsache, eine nackte Tatsache, wie sein Vater gesagt hätte, und es gab keine Hoffnung außer dem Mount Hope.

Der Rest seiner abschweifenden Überlegungen brachte ihn auch nicht weiter.

Drei Tage lang fuhr er schon durch den Regen. Manchmal war er nur ein Nieseln, aber meistens nicht mehr und nicht weniger als ein guter, solider Wolkenbruch. Auch das war eine nackte Tatsache. Die Straßen waren stellenweise unterspült, und einige würden im nächsten Frühjahr schlicht unpassierbar sein. Er hatte Gott schon mehrmals während dieser Expedition für den Scout gedankt.

Die ersten drei Tage auf der I-80 hatten ihn überzeugt, daß er die Westküste keinesfalls vor dem Jahr 2000 erreichen würde, wenn er nicht Nebenstraßen benutzte. Die Interstate war über lange Strecken geradezu unheimlich leer gewesen; stellenweise konnte er sich im zweiten Gang durch den liegengebliebenen Verkehr schlängeln. Aber häufig hatte er auch die hintere Stoßstange eines Wagens auf den Haken der Seilwinde des Scout nehmen und diesen von der Straße ziehen müssen, um sich eine Lücke zu schaffen, durch die er schlüpfen konnte.