Die Krähe grinste ihn an. Jetzt war er ganz sicher, daß sie grinste. Mit einem plötzlichen Ruck setzte sich der Richter auf und riß mit sicherem Griff den Gewehrkolben an die Schulter - es ging besser, als er sich hätte träumen lassen. Die Krähe schien plötzlich von einer Art Entsetzen gepackt. Sie flatterte mit den regennassen Flügeln und spritzte Wasser. Durch die Scheibe hörte der Richter sie ein gedämpftes Kräh! ausstoßen, und in diesem Augenblick hatte er die triumphierende Gewißheit: Es war der dunkle Mann, er hatte den Richter unterschätzt, und dafür würde er mit seinem elenden Leben bezahlen...
»NIMM DAS!« donnerte der Richter und drückte ab.
Aber der Abzug ließ sich nicht bewegen, denn er hatte nicht entsichert. Im nächsten Augenblick sah er nur noch Regen vor dem Fenster.
Der Richter ließ die Garand auf den Schoß sinken und kam sich dumm und albern vor. Er sagte sich, daß es doch nur eine Krähe gewesen war, eine vorübergehende Ablenkung an diesem trüben Abend. Wenn er die Scheibe weggepustet und dem Regen Zutritt verschafft hätte, müßte er jetzt die Mühe auf sich nehmen und in ein anderes Zimmer ziehen. Eigentlich war es Glück.
Aber in dieser Nacht schlief er schlecht, schrak mehrere Male hoch und sah in der Überzeugung zum Fenster, daß er dort ein gespenstisches Klopfen gehört hatte. Wenn die Krähe noch einmal dort landete, würde sie nicht entkommen. Er hatte das Gewehr entsichert.
Aber die Krähe kam nicht wieder.
Am nächsten Morgen war er weiter nach Westen gefahren; seine Arthritis war nicht schlimmer geworden, aber auch nicht besser, und kurz nach elf Uhr machte er Pause in einem kleinen Cafe. Während er sein Sandwich verzehrte und aus seiner Thermosflasche Kaffee trank, sah er eine große Krähe einen halben Block entfernt auf einem Telefondraht landen. Der Richter beobachtete sie fasziniert, die rote Thermosflasche auf halbem Weg zwischen Tisch und Mund. Es war natürlich nicht dieselbe Krähe. Es mußte inzwischen Millionen Krähen geben, alle fett und unverschämt. Dies war jetzt eine Krähenwelt. Aber er wurde trotzdem das Gefühl nicht los, daß es dieselbe Krähe war, und er verspürte eine Vorahnung von Unheil, eine schleichende, resignierte Erkenntnis, daß alles aus war. Er hatte keinen Hunger mehr.
Er fuhr weiter. Und ein paar Tage später, Viertel nach zwölf Uhr mittags, mittlerweile in Oregon und auf dem Highway 86 nach Westen unterwegs, fuhr er durch die Stadt Copperfield, ohne das Five -and-Dime, wo Bobby Terry ihn mit vor Fassungslosigkeit offenem Mund sah, auch nur eines Blickes zu würdigen. Die Garand lag neben ihm auf dem Sitz, entsichert, eine Schachtel Munition daneben. Der Richter hatte beschlossen, jede Krähe zu erschießen, die er sah.
Nur aus Prinzip.
»Schneller! Kannst du das verdammte Ding nicht schneller fahren?«
»Geh mir nicht auf den Wecker, Bobby Terry. Nur weil du geschlafen hast, mußt du mir nicht auf den Wecker gehen.«
Dave Roberts saß am Steuer des Willys International, der mit der Schnauze zur Straße neben dem Five and Dirne geparkt hatte. Bis Bobby Terry Dave geweckt und dieser sich angezogen hatte, hatte der alte Kerl mit seinem Scout schon einen Vorsprung von zehn Minuten gehabt. Es regnete in Strömen, die Sicht war schlecht. Bobby Terry hielt eine Winchester auf dem Schoß. In seinem Gürtel steckte ein 45er Colt.
Dave, der Cowboystiefel, Jeans, einen gelben Regenmantel und sonst nichts trug, sah ihn an.
»Du mußt ihn nur einholen«, sagte Bobby Terry. Er murmelte vor sich hin: »In den Bauch. Ich muß ihn in den Bauch treffen. Dann passiert dem Kopf nichts. Richtig.«
»Hör auf mit deinen Selbstgesprächen. Wer Selbstgespräche führt, spielt auch an sich selbst rum. Das ist meine Meinung.«
»Wo ist er?« fragte Bobby Terry.
»Wir kriegen ihn. Wenn du es nicht nur geträumt hast. Dann möchte ich nicht in deiner Haut stecken, Bruder.«
»Ich habe es nicht geträumt. Das war der Scout. Aber wenn er nun abbiegt?«
»Wo abbiegt? Bis zur Interstate gibt es nur Feldwege. Auf denen kommt er keine zehn Meter weit, ohne bis zu den Stoßstangen im Schlamm steckenzubleiben, mit oder ohne Allradantrieb. Nur die Ruhe, Bobby Terry.«
Bobby Terry sagte kläglich: »Ich kann nicht. Ich muß mich immer fragen, wie es ist, wenn man in der Wüste an einem Telefonmast zum Trocknen aufgehängt wird.«
»Laß das! Sieh dort! Siehst'n? Wir schnuppern ihm schon am Arsch!«
Vor ihnen war es - wahrscheinlich vor Minuten - zu einem Frontalzusammenstoß zwischen einem Chevy und einem schweren Buick gekommen, die im Regen die Straße versperrten wie die Knochen unbegrabener Mastodons.
Rechts waren frische Reifenspuren auf der Böschung zu sehen.
»Das ist er«, sagte Dave. »Die Spuren sind keine fünf Minuten alt.«
Er zog den Willys an den verunglückten Fahrzeugen vorbei, und sie holperten rüttelnd über die Böschung. Dave steuerte an derselben Stelle wieder auf die Straße wie zuvor der Richter, und sie sahen beide das schlammige Fischgrätenmuster der Reifen des Scout auf dem Asphalt. Auf dem nächsten Hügel sahen sie den Scout gerade über die Kuppe verschwinden.
»Hip-hip-hurrah!« rief Dave Roberts. »Nichts wie hinterher!«
Er trat das Gas durch, und der Willys beschleunigte langsam auf sechzig.
Vor der Windschutzscheibe hing ein silberner Regenschleier, mit dem die Scheibenwischer nicht einmal annähernd fertig wurden. Auf der Hügelkuppe sahen sie den Scout wieder, näher. Dave betätigte die Lichthupe. Augenblicke später leuchteten die Bremslichter des Scout auf.
»Na gut«, sagte Dave. »Wir geben uns freundlich. Damit er aussteigt. Dreh nicht wieder durch, Bobby Terry. Wenn wir das richtig machen, kriegen wir eine Suite im MGM Grand in Vegas. Versauen wir's, reißt er uns den Arsch auf. Also bau keine Scheiße. Laß ihn aussteigen.«
» O Gott, hätte er nicht durch Robinette fahren können?« jammerte Bobby Terry. Seine Hände umklammerten die Winchester. Dave schlug ihm auf die Hand. »Und das Gewehr nimmst du auch nicht mit.«
»Aber...«
»Schnauze! Lächle, verdammt noch mal!«
Bobby Terry fing an zu grinsen. Es war, als würde man einen mechanischen Jahrmarktclown grinsen sehen.
»Du bist zu nichts zu gebrauchen«, knurrte Dave. »Ich mach's. Bleib in dem verdammten Wagen sitzen.«
Sie waren jetzt auf Höhe des Scout, der mit zwei Rädern auf der Straße und mit zweien auf der weichen Böschung stand. Lächelnd stieg Dave aus. Er hatte die Hände in den Taschen seiner gelben Wetterjacke. In der linken Tasche steckte eine 38er Police Special. Der Richter kletterte vorsichtig aus dem Scout. Er trug ebenfalls eine gelbe Wetterjacke. Er ging behutsam, wie ein Mann, der eine zerbrechliche Vase trägt. In seinen Gelenken wütete die Arthritis wie ein Rudel Tiger. Er trug die Garand in der linken Hand.
»He, Sie wollen mich damit doch nicht erschießen?« fragte der Mann aus dem Willys mit einem freundlichen Grinsen.
»Wohl nicht«, sagte der Richter. Er sprach über das unablässige Zischen des Regens hinweg. »Sie müssen in Copperfield gewesen sein.«
»Das waren wir. Ich heiße Dave Roberts.« Er streckte die rechte Hand aus.
»Mein Name ist Farris«, sagte der Richter und streckte ebenfalls die rechte Hand aus. Er sah zum Beifahrerfenster des Willys und erblickte Bobby Terry, der sich herauslehnte und mit beiden Händen einen Fünfundvierziger auf ihn richtete. Regen tropfte vom Lauf. Sein totenblasses Gesicht war immer noch zu diesem mechanischen Jahrmarktsgrinsen verzerrt.
»Verdammt«, murmelte der Richter und zog die Hand in dem Augenblick aus Roberts' regenfeuchtem Griff, als Roberts durch die Tasche seiner Wetterjacke schoß. Die Kugel pflügte sich unterhalb des Magens durch den Leib des Richters, drehte sich, drückte sich platt und trat neben der Wirbelsäule wieder aus und hinterließ ein Loch, das so groß wie eine Untertasse war. Die Garand fiel ihm aus der Hand auf den Boden; er selbst wurde in die offene Fahrertür des Scout geschleudert.