Keiner hatte die Krähe bemerkt, die auf einen Telefondraht auf der anderen Straßenseite geflattert war.
Dave Roberts trat einen Schritt vor, um die Sache zu beenden. Als er sich in Bewegung setzte, feuerte Bobby Terry vom Beifahrersitz des Willys. Die Kugel traf Roberts am Hals und riß diesen größtenteils weg. Ein Blutschwall ergoß sich vorn über Roberts' Jacke und vermischte sich mit dem Regen. Er drehte sich zu Bobby Terry um; seine Kiefer arbeiteten in stummem, sterbendem Erstaunen, die Augen quollen aus den Höhlen. Er machte zwei schlurfende Schritte vorwärts, und das Erstaunen verschwand aus seinem Gesicht. Alles verschwand daraus. Er fiel tot um. Regen trommelte und putschte auf den Rücken seiner Wetter Jacke.
»O Scheiße, sieh dir das an!« schrie Bobby Terry völlig verzweifelt.
Der Richter dachte: Meine Arthritis ist weg. Wenn ich am Leben bliebe, würde ich die ganze Zunft in Erstaunen versetzen. Das Heilmittel gegen Arthritis ist eine Kugel in den Bauch. O Gott, sie haben mich hier erwartet. Ob Flagg es ihnen gesagt hat? Das muss er, Gott schütze die anderen, die das Komitee ausgeschickt hat.
Die Garand lag auf der Straße. Er bückte sich danach und spürte, wie ihm die Gedärme aus dem Leib quellen wollten. Ein seltsames Gefühl. Nicht sehr angenehm. Nicht darauf achten. Er packte das Gewehr. War es entsichert? Ja. Er hob es langsam auf. Es schien tausend Pfund zu wiegen.
Endlich nahm Bobby Terry den fassungslosen Blick von Daves Leiche und sah, daß der Richter gerade auf ihn schießen wollte. Der Richter saß auf der Straße. Seine Jacke war von der Brust bis zum Saum rot von Blut. Er hatte den Lauf der Garand aufs Knie gelegt. Bobby schoß, verfehlte aber. Die Garand entlud sich mit einem Donnerhall; zersplittertes Glas spritzte Bobby Terry ins Gesicht. Er hielt sich für tödlich getroffen und schrie auf. Dann sah er, daß die linke Hälfte der Windschutzscheibe verschwunden und er noch im Rennen war.
Der Richter korrigierte mühsam und verschob den Lauf der Garand auf seinem Knie um etwa zwei Grad. Bobby Terry, der mittlerweile völlig die Nerven verloren hatte, schoß dreimal in schneller Folge. Die erste Kugel riß ein Loch in die Seite des Scout. Die zweite traf den Richter über dem rechten Auge. Ein Fünfundvierziger ist eine große Waffe und kann auf kurze Entfernung Unangenehmes bewirken. Diese Kugel zertrümmerte dem Richter den Schädel und wirbelte die Knochensplitter in den Scout. Sein Kopf flog nach hinten, und Bobby Terrys dritte Kugel traf den Richter einen halben Zentimeter unter der Unterlippe und schlug ihm die Zähne in den Mund, von wo er sie mit seinem letzten Atemzug einsaugte. Kinn und Unterkiefer zersplitterten. Sein Finger krümmte sich im Todeskampf um den Abzug der Garand, aber die Kugel sauste in den weißen, verregneten Himmel.
Stille senkte sich herab.
Regen prasselte auf die Dächer von Scout und Willys. Auf die Jacken der beiden Toten. Das waren die einzigen Geräusche, bis die Krähe mit heiserem Krächzen vom Telefonkabel startete. Das schreckte Bobby Terry aus seiner Lähmung. Langsam stieg er aus, immer noch den rauchenden 45er in der Hand.
»Ich habe es geschafft!« sagte er selbstbewußt in den Regen.
»Kaltgemacht. Man glaubt es nicht. Schießerei am O.K. Corral. In die vollen. Der olle Bobby Terry hat ihm den Arsch weggeschossen.«
Aber dann dämmerte ihm mit wachsendem Entsetzen, daß er dem Richter nicht nur den Arsch weggeschossen hatte.
Der Richter war sterbend in den Scout zurückgesunken. Jetzt packte Bobby Terry ihn an den Aufschlägen seiner Jacke, riß ihn hoch und sah in das, was von den Zügen des Richters übriggeblieben war. Eigentlich nur die Nase. Und um ehrlich zu sein, auch die war in keinem besonders guten Zustand.
Es hätte irgendwer sein können.
Und in einer Vision des Grauens hörte Bobby Terry Flagg sagen: Ich will ihn unbeschädigt zurückschicken.
Herr im Himmel, dies konnte irgendwer sein. Es war, als hätte er absichtlich genau das Gegenteil von dem getan, was der Wandelnde Geck befohlen hatte. Zwei Treffer direkt ins Gesicht. Sogar die Zähne waren weg.
Regen prasselte, prasselte.
Hier drüben war es aus. Er wagte nicht, nach Osten zu gehen, und er wagte nicht, im Westen zu bleiben. Er würde entweder mit nacktem Rücken einen Telefonmast reiten... oder Schlimmeres.
Gab es Schlimmeres?
Solange dieses grinsende Gespenst hier herrschte, hatte Bobby Terry daran nicht den geringsten Zweifel. Was also war zu tun? Er strich sich mit den Händen durchs Haar, betrachtete das verwüstete Gesicht des Richters und versuchte zu denken. Süden. Das war die Lösung. Süden. Keine Grenzposten mehr. Nach Mexiko, und wenn es dann nicht weit genug war, nach Guatemala oder Panama oder vielleicht sogar ins elende Brasilien. Nur raus aus diesem Schlamassel. Kein Osten, kein Westen, nur Bobby Terry, der vor dem Wandelnden Geck so weit weglaufen mußte, wie seine Siebenmeilenstiefel ihn trugen...
Ein neues Geräusch im verregneten Nachmittag.
Bobby Terrys Kopf fuhr hoch.
Der Regen, ja, der auf die Dächer der beiden Wagen trommelte, und das Schnurren von zwei Motoren im Leerlauf, und... Ein seltsames klackendes Geräusch, wie abgelaufene Absätze, die rasch über den Asphalt der Nebenstraße stapften.
»Nein«, flüsterte Bobby Terry.
Er drehte sich langsam um.
Das klackende Geräusch wurde schneller. Ein schnelles Gehen, ein Traben, ein Laufen, Rennen, Sprint, und dann hatte Bobby Terry sich ganz umgedreht, zu spät, er kam, Flagg kam auf ihn zu wie ein schreckliches Ungeheuer aus dem schlimmsten Gruselfilm, der je gedreht wurde. Die Wangen des dunklen Mannes waren fröhlich gerötet, und seine Augen blinzelten vergnügt und kameradschaftlich, ein hungriges, gefräßiges Grinsen entblößte riesige Zähne, die wie Grabsteine aussahen, wie Haifischzähne, und er hielt die Hände vor sich gestreckt, und in seinem Haar hingen glänzende schwarze Krähenfedern.
Nein, wollte Bobby Terry sagen, aber es kam nichts heraus.
»HE, BOBBY TERRY, DU HAST ES VERPATZT!« bellte der dunkle Mann und stürzte sich auf den unglücklichen Bobby Terry. Es gab Schlimmeres als Kreuzigung. Es gab Zähne.
62
Dayna Jürgens lag nackt auf dem riesigen Doppelbett, lauschte dem gleichmäßigen Rauschen des Wassers in der Duschkabine und betrachtete ihr Bild in dem großen runden Deckenspiegel, der genau die gleiche Form und Größe hatte wie das Bett, das er reflektierte. Sie fand, daß der weibliche Körper immer am besten aussieht, wenn er ausgestreckt flach auf dem Rücken liegt, der Bauch flach, die Brüste natürlich aufrecht und nicht von der Schwerkraft nach unten gezogen. Es war neun Uhr dreißig am Morgen des 8. September. Der Richter war seit achtzehn Stunden tot, Bobby Terry - zu seinem Unglück - erst seit beträchtlich kürzerer Zeit.
Die Dusche lief und lief.
Der Mann muß wohl an Waschzwang leiden, dachte sie. Was ist nur los mit ihm, daß er sich jedesmal mehr als eine geschlagene halbe Stunde duschen muß?
Sie mußte wieder an den Richter denken. Wer hätte das gedacht? In gewisser Weise war es eine brillante Idee gewesen. Wer hätte einen so alten Mann verdächtigt?
Nun, Flagg ganz offensichtlich. Irgendwie hatte er bestimmt gewußt, wann und vermutlich auch wo der Richter auftauchen würde. Eine lange Postenkette überwachte die gesamte Grenze zwischen Oregon und Idaho, und die Männer hatten den strikten Befehl, ihn zu töten, sobald sie seiner ansichtig wurden.
Aber irgend etwas mußte schiefgegangen sein. Seit gestern abend liefen die Männer der Sicherheitsabteilung hier in Las Vegas mit käsigen Gesichtern und gesenkten Blicken herum. Whitney Horgan, sonst ein sehr guter Koch, hatte etwas serviert, das wie Hundefutter aussah und so angebrannt war, daß es nach nichts schmeckte. Der Richter war tot, aber etwas war schiefgegangen.