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Er zog kräftig an seiner Zigarette und drückte sie aus. Dann legte er einen Arm um sie. »Warum reden wir eigentlich über diese ganze Scheiße?«

»Ich weiß es nicht... wie sieht es draußen in Indian Springs aus?«

Lloyd strahlte. Das Projekt Indian Springs war sein Baby. »Gut. Echt gut. Bis zum ersten Oktober haben drei Jungs ihre Ausbildung an den Skyhawks, vielleicht sogar schon früher. Hank Rawson macht sich ganz hervorragend. Und dieser Mülleimermann ist ein wahres Genie. In mancher Hinsicht ist er nicht so helle, aber wenn es um Waffen geht, ist er unglaublich.«

Sie hatte den Mülleimermann zweimal gesehen. Jedesmal war es ihr kalt über den Rücken gelaufen, als er sie mit seinen trüben Augen ansah, und sie hatte sichtliche Erleichterung empfunden, als er den Blick wieder abwandte. Ganz offensichtlich sahen viele andere - Lloyd, Hank Rawson, Ronnie Sykes, der Rattenmann - in ihm eine Art Maskottchen, einen Glücksbringer. Sein lädierter Arm war eine scheußliche Masse von frisch verheiltem verbrannten Gewebe, und vor zwei Tagen war ihr abends etwas Eigenartiges aufgefallen. Hank Rawson sprach. Er steckte eine Zigarette in den Mund, zündete ein Streichholz an und sprach zu Ende, bevor er sich die Zigarette ansteckte und das Streichholz löschte. Dayna sah, wie der Mülleimermann auf die Streichholzflamme starrte, wie er den Atem anzuhalten schien. Er schien sich mit seiner ganzen Existenz auf diese winzige Streichholzflamme zu konzentrieren. Es war, als würde ein Verhungernder eine Mahlzeit mit neun Gängen vor sich sehen. Dann hatte Hank das Streichholz ausgeschnippt und den schwarzen Stummel in den Aschenbecher geworfen. Der Augenblick war vorbei gewesen.

»Er kann also gut mit Waffen umgehen?« fragte sie Lloyd.

»Großartig. Die Skyhawks haben Luft-Boden-Raketen unter den Tragflächen. Shrike-Raketen. Ist es nicht komisch, wie sie den ganzen Mist nennen? Kein Mensch wußte, wie man die gottverdammten Dinger an den Flugzeugen anbringt. Kein Mensch wußte, wie man sie scharf macht und zündet. Wir haben schon einen ganzen Tag gebraucht, um uns zu überlegen, wie man sie aus den Halterungen im Arsenal herausbekommt. Und Hank sagte: >Wir sollten Mülli holen, wenn er wieder hier ist, vielleicht kommt er damit zurecht.<«

»Wenn er wieder hier ist?«

»Er ist ein komischer Kerl. Diesmal ist er schon fast eine Woche hier in Vegas, aber er wird bald wieder verschwinden.«

»Wohin geht er denn?«

»In die Wüste. Er nimmt einen Landrover und fährt einfach los. Er ist ein komischer Kauz, das kann ich dir sagen. Auf seine Art ist Müll genauso unheimlich wie der Boß. Westlich von hier liegt nur Wüste und gottverlassene Öde. Ich muß es wissen. Ich habe da in einem Höllenloch namens Brownsville Station im Knast gesessen. Ich weiss nicht, wovon er da draußen lebt, aber er schafft es. Er sucht neues Spielzeug und bringt immer etwas mit zurück. Ungefähr eine Woche nachdem ich mit ihm aus L.A. zurückgekommen war, schleppte er ein paar >Maschinengewehre, die immer treffen<. Das letzte Mal brachte er Tellerminen, Tretminen, Splitterminen und einen Kanister voll Parathion. Er sagte, er habe jede Menge Parathion gefunden. Außerdem genug Entlaubungsmittel, um den ganzen Staat Colorado so kahl wie ein Hühnerei zu machen.«

»Wo findet er das?«

»Überall«, sagte Lloyd schlicht. »Er riecht es, Süße. Das Ganze ist gar nicht so verwunderlich. Große Teile von West-Nevada und OstKalifornien haben den guten alten Vereinigten Staaten gehört. Dort haben sie ihre Spielsachen getestet, einschließlich Atombomben. Eines Tages wird er auch noch so eine anschleppen.«

Er lachte. Dayna fühlte sich plötzlich kalt, schrecklich kalt.

»Auch die Supergrippe hat irgendwo da draußen angefangen«, sagte Lloyd. »Darauf wette ich jeden Betrag. Vielleicht findet Mülli die Stelle. Ich sagte dir ja, er kann so was riechen. Der Boß sagt, man soll ihm seinen Willen lassen, und er soll fahren, wohin er will. Das macht er. Kennst du schon sein neuestes Lieblingsspielzeug?«

»Nein«, sagte Dayna. Sie war nicht sicher, ob sie es wissen wollte, aber weshalb war sie denn hier?

»Flammenwerfer.«

»Was sind Flammenwärter?«

»Nicht Wärter, Werfer. In Indian Springs hat er fünf Stück nebeneinander aufgestellt wie Formel-Eins-Rennwagen.« Lloyd lachte. »Die wurden in Vietnam eingesetzt. Die Jungs nannten sie Zippos. Sie sind mit Napalm gefüllt. Mülli liebt sie.«

»Schön«, murmelte sie.

»Als Müll diesmal zurückkam, haben wir ihn nach Springs gebracht. Er hat sich die Shrikes angesehen, gesummt und gemurmelt, und sie innerhalb von sechs Stunden montiert und scharf gemacht. Ist das zu glauben? Techniker der Air Force müssen sie schätzungsweise neunzig Jahre dafür ausbilden. Aber sie sind eben nicht Müll. Er ist ein Genie.«

Du meinst, ein Fachidiot. Ich wette, ich weiß, woher seine Brandwunden stammen.

Lloyd sah auf die Uhr und richtete sich auf. »Da wir gerade von Indian Springs reden, ich muß hinfahren. Die Zeit reicht nur noch zum Duschen. Kommst du mit?«

»Diesmal nicht.«

Als die Dusche wieder rauschte, zog sie sich an. Bisher war es ihr immer gelungen, sich an- oder auszuziehen, wenn er nicht im Zimmer war, und so sollte es auch bleiben.

Sie schnallte sich das Messer um den Arm und schob es in die Klammer mit der Feder. Eine rasche Bewegung des Handgelenks, und sie hätte eine Zehnzollklinge in der Hand.

Nun, dachte sie, als sie die Bluse anzog, ein paar Geheimnisse muss ein Mädchen schon haben.

Am Nachmittag arbeitete sie in einem Trupp, der die Straßenlaternen wartete. Die Arbeit bestand darin, mit einem simplen Gerät zu prüfen, ob die Birnen noch intakt waren, und sie gegebenenfalls auszuwechseln, wenn sie ausgebrannt oder zur Zeit der Grippe in L. A. von Vandalen zertrümmert worden waren. Sie arbeiteten mit vier Leuten und benutzten einen Kirschenpflücker mit ausfahrbarer Plattform, mit dem sie von einer Laterne zur anderen und von Straße zu Straße rollten.

Am späten Nachmittag stand Dayna auf der Plattform des Kirschenpflückers, löste die Plexiglaskugel von einer der Straßenlaternen und überlegte, wie sympathisch ihr die Leute eigentlich waren, mit denen sie zusammenarbeitete, besonders Jenny Engstrom, eine energische und hübsche ehemalige Nachtklubtänzerin, die jetzt den Kirschenpflücker fuhr. Als Mädchen war sie der Typ, den Dayna gern als beste Freundin gehabt hätte, und sie wunderte sich darüber, daß Jenny auf der Seite des dunklen Mannes stand. Sie wunderte sich so sehr, daß sie es nicht wagte, Jenny um eine Erklärung zu bitten.

Die anderen waren auch in Ordnung. Sie fand, daß der Anteil der Dummen in Vegas größer war als in der Zone, aber keiner hatte Reißzähne, und sie verwandelten sich auch nicht in Fledermäuse, wenn der Mond aufging. Die Leute hier arbeiteten viel härter als die in der Zone. In der Freien Zone sah man die Leute zu jeder Tageszeit im Park Spazierengehen, und viele dehnten ihre Mittagspause auf zwei Stunden aus. So etwas passierte hier nicht. Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags arbeitete hier jeder, entweder in Indian Springs oder bei den Wartungstrupps hier in der Stadt. Und auch die Schule hatte wieder angefangen. In Vegas waren ungefähr zwanzig Kinder im Alter von vier (das war Daniel McCarthy, der Liebling aller, den die meisten Dinny nannten) bis fünfzehn. Sie hatten zwei Leute mit Lehrbefähigung gefunden, und an fünf Tagen in der Woche fand der Unterricht statt. Lloyd, der die Schule schon verlassen hatte, nachdem er die vorletzte Klasse zweimal wiederholt hatte, betonte immer wieder seinen Stolz auf die Bildungsmöglichkeiten, die es hier gab. Die Apotheken waren geöffnet und wurden nicht bewacht. Die Leute gingen ständig ein und aus... aber sie nahmen nichts Schlimmeres mit als ein paar Aspirin oder eine Flasche Gelusil. Ein Drogenproblern gab es im Westen nicht. Wer gesehen hatte, was mit Hector Drogan passiert war, kannte die Strafe für Sucht. Es gab keine Rieh Moffats. Alle waren freundlich und ehrlich. Und es war vernünftig, nichts Stärkeres als Flaschenbier zu trinken.