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Deutschland im Jahre 1938, dachte sie. Die Nazis? Oh, das sind nette Leute. Sehr athletisch. Sie besuchen keine Nachtklubs, die Nachtklubs sind für die Touristen. Was machen sie? Sie machen Uhren.

War das ein fairer Vergleich, fragte sich Dayna unbehaglich und dachte an Jenny Engstrom, die sie so gerne hatte. Sie wußte es nicht... aber wahrscheinlich schon.

Sie prüfte die Birne in der Kuppel des Lichtmastes. Die war defekt. Sie schraubte sie aus, legte sie vorsichtig zwischen ihre Füße und schraubte ihre letzte neue ein. Gut, der Tag war ohnehin zu Ende. Es war...

Sie schaute nach unten und erstarrte.

Die Leute aus Indian Springs kamen von der Bushaltestelle. Alle sahen beiläufig nach oben, so wie Leute eben nach oben schauen, wenn sich oben etwas abspielt. Das Gratis-Zirkus -Syndrom. Dieses Gesicht, das zu ihr hochsah.

Dieses breite, lächelnde, erstaunte Gesicht.

Gott im Himmel, ist das Tom Cullen?

Salziger Schweiß lief ihr in die Augen, so daß sie doppelt sah. Als sie sich die Augen ausgewischt hatte, war das Gesicht verschwunden. Die Leute von der Bushaltestelle waren schon ein ganzes Stück die Straße hinuntergegangen, ließen ihre Frühstücksbehälter baumeln, sprachen und scherzten miteinander. Dayna suchte den Mann, den sie für Tom gehalten hatte, aber von hinten war er schwer zu erkennen...

Tom? Würden sie Tom schicken?

Sicherlich nicht. Das war so verrückt, das war fast...

Fast vernünftig.

Aber sie konnte es einfach nicht glauben.

»He, Jürgens!« schrie Jenny frech. »Bist du da oben eingeschlafen oder spielst du an dir rum?«

Dayna beugte sich über das niedrige Geländer der Plattform und schaute in Jennys nach oben gewandtes Gesicht. Sie zeigte ihr den Finger. Jenny lachte. Dayna schraubte die letzte Birne ein, und als sie es geschafft hatte, war auch schon Feierabend. Auf der Rückfahrt in die Garage war sie schweigsam und in sich gekehrt... so schweigsam, daß Jenny eine Bemerkung machte.

»Ich glaube, ich hab' einfach nichts zu sagen«, meinte Dayna halb lächelnd.

Das konnte nicht Tom Cullen gewesen sein.

Oder doch?

»Wach auf! Wach auf! Verdammt, wach auf, du Miststück!«

Sie erwachte aus einem trüben Schlaf, als sie einen Fußtritt in den Rücken bekam, der sie aus dem runden Bett auf den Fußboden schleuderte. Sie war sofort wach und blinzelte verwirrt. Lloyd stand vor ihr und sah sie mit kalter Wut an. Whitney Horgan. Ken DeMott. Ace High. Jenny. Aber auch Jennys gewöhnlich freundliches Gesicht war leer und kalt.

»Jen...?«

Keine Antwort. Dayna kam auf die Knie und war sich vage ihrer Nacktheit bewußt; die kalten Gesichter der Leute um sie herum nahm sie deutlicher wahr. Lloyds Gesichtsausdruck war der eines Mannes, der betrogen wurde und diesen Betrug entdeckt hatte.

»Zieh dich an, verdammt, du verlogene Schnüfflerin!«

Träume ich das?

Okay, es war also kein Traum. Vor Entsetzen verkrampfte sich ihr der Magen, aber sie hatte es geahnt. Sie waren dem Richter auf die Spur gekommen und jetzt ihr. Er hatte es ihnen gesagt. Sie sah auf die Uhr auf dem Nachttisch. Es war kurz nach vier Uhr morgens. Die Stunde der Gestapo, dachte sie.

»Wo ist er?« fragte sie.

»In der Nähe«, sagte Lloyd böse. Sein Gesicht war blaß und glänzend. Im offenen V seines Hemdkragens sah Dayna das Amulett. »Du wirst sehr bald wünschen, daß er weit weg wäre.«

»Lloyd?«

»Was ist?«

»Ich habe dir eine Geschlechtskrankheit angehängt. Ich hoffe, er fault dir ab.«

Er trat sie gegen das Brustbein; sie fiel auf den Rücken.

»Ich hoffe, er fault dir ab, Lloyd.«

»Halt's Maul und zieh dich an.«

»Raus mit euch. Ich zieh' mich nicht vor Männern an.«

Wieder trat Lloyd sie, diesmal an den Bizeps des rechten Oberarms. Die Schmerzen waren entsetzlich, ihr Mund verzog sich zu einem zitternden Bogen, aber sie schrie nicht.

»Steckst in der Scheiße, Lloyd, was? Hast mit Mata Hari geschlafen?« Sie grinste ihn mit Tränen des Schmerzes in den Augen an.

»Komm, Lloyd«, sagte Whitney Horgan. Er sah Mordlust in Lloyds Augen, trat rasch auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Wir gehen ins Wohnzimmer. Jenny kann aufpassen, wenn sie sich anzieht.«

»Und wenn sie nun aus dem Fenster springt?«

»Die Gelegenheit wird sie nicht haben«, sagte Jenny. Ihr breites Gesicht war tot und leer, und jetzt merkte Dayna zum ersten Mal, daß sie eine Pistole an der Hüfte trug.

»Sie könnte es ohnehin nicht«, sagte Ace High. »Die Fenster hier oben sehen nur so aus, wußtet ihr das nicht? Mancher, der an den Tischen viel verloren hat, möchte gern tief springen, und das wäre keine gute Reklame für das Hotel. Deshalb lassen sie sich nicht öffnen.« Sein Blick fiel auf Dayna, und in seinen Augen lag ein Anflug von Mitleid. »Und du, Baby, bist jetzt wirklich die große Verliererin.«

»Komm, Lloyd«, wiederholte Whitney. »Wenn du jetzt nicht hier rauskommst, machst du vielleicht etwas, was du später bereuen wirst.«

»Okay.« Sie gingen gemeinsam zur Tür, und Lloyd drehte sich noch einmal um. »Er wird dir ganz schön einheizen, Miststück.«

»Du warst der beschissenste Liebhaber, den ich je hatte, Lloyd«, sagte sie freundlich.

Er wollte sie anspringen, aber Whitney und Ken DeMott hielten ihn fest und schoben ihn durch die Tür. Die Doppeltüren schlössen sich mit einem leisen, klickenden Geräusch.

»Zieh dich an, Dayna«, sagte Jenny.

Dayna stand auf und rieb den purpurnen Bluterguß am Arm.

»Gefallen dir solche Leute?« fragte sie. »Mit solchen Leuten steckst du unter einer Decke? Mit Leuten wie Lloyd Henreid?«

»Du hast mit ihm geschlafen, nicht ich.« Zum erstenmal war ihr eine Gefühlsregung anzumerken. Wütende Mißbilligung. »Findest du es schön, hierherzukommen und die Leute auszuspionieren? Du verdienst alles, was dir bevorsteht. Und dir steht eine Menge bevor, Schwester.«

»Ich hatte meine Gründe, mit ihm zu schlafen.« Sie zog ihren Slip an. » Und auch für das Spionieren.«

»Warum hältst du nicht einfach den Mund?«

Dayna drehte sich um und sah Jenny an. »Was glaubst du, geht hier vor, Mädchen? Warum bilden sie in Indian Springs Leute an Düsenmaschinen aus? Glaubst du, daß Flagg mit diesen ShrikeRaketen auf der nächsten Kirmes seinem Mädchen eine Puppe schießen will?«

Jenny verkniff die Lippen. »Das geht mich nichts an.«

»Geht es dich auch nichts an, wenn sie die Jets dazu verwenden, nächstes Frühjahr über die Rockies zu fliegen und alle umzubringen?«

»Hoffentlich machen sie das. Ihr oder wir, das sagt er. Und ich glaube ihm.«

»Hitler haben sie auch geglaubt. Aber du glaubst ihm nicht. Du hast nur Schiß vor ihm.«

»Zieh dich an, Dayna.«