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Dann sah er sie an, lächelte freundlich, ging auf sie zu, und ihr entsetzter Gedanke war: Mein Gott, er ist in meinem Alter!

Randy Flagg hatte dunkles, zerzaustes Haar. Sein Gesicht war hübsch und wettergegerbt, als würde er viel Zeit im Wüstenwind verbringen. Seine Gesichtszüge waren beweglich und sensibel, die Augen strahlten vor Freude wie die eines kleinen Kindes mit einem großen und wunderschönen Geheimnis.

»Dayna!« sagte er. »Hallo.«

»H-H-Hallo.« Mehr brachte sie nicht heraus. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein, aber daraufwar sie nicht vorbereitet. Ihr Verstand ging k.o. auf die Matte. Flagg lächelte über ihre Verwirrung. Dann breitete er die Hände aus, aus wollte er sich entschuldigen. Er trug ein verblichenes Paisleyhemd mit abgewetztem Kragen, Nietenjeans und ein Paar sehr alte Cowboystiefel mit abgelaufenen Absätzen.

»Was hast du erwartet? Einen Vampir?« Sein Lächeln wurde breiter und verlangte fast, daß sie zurücklächelte. »Einen Gestaltwandler? Was haben sie dir über mich erzählt

»Sie haben Angst«, sagte sie. »Lloyd... hat geschwitzt wie ein Schwein.« Sein Lächeln verlangte immer noch ein Lächeln als Antwort; sie mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, es ihm zu verweigern. Sie war auf seinen Befehl mit Fußtritten aus dem Bett gejagt worden. Sie war zu ihm gebracht worden, um... was? Zu gestehen? Alles zu sagen, was sie über die Freie Zone wußte? Sie glaubte nicht, daß es viel gab, was er nicht schon wußte.

»Lloyd«, sagte Flagg und lachte leutselig. »Lloyd hat in Phoenix Schlimmes erlebt, als die Grippe grassierte. Er spricht nicht gern darüber. Ich habe ihn vor dem sicheren Tod gerettet und...« Sein Lächeln wurde noch entwaffnender, wenn das überhaupt möglich war, »und vor einem schlimmeren Schicksal als dem Tod. Er assoziiert dieses Erlebnis in hohem Maße mit mir, obwohl seine Situation nicht mein Tun war. Glaubst du mir?«

Sie nickte langsam. Sie glaubte ihm und fragte sich, ob Lloyds ständiges Duschen etwas mit seinem schlimmen Erlebnis in Phoenix zu tun hatte. Darüber hinaus empfand sie etwas für ihn, das sie im Zusammenhang mit Lloyd Henreid nie für möglich gehalten hätte: Mitleid.

»Gut, setz dich, meine Liebe.«

Sie sah sich fragend um.

»Auf den Fußboden. Der Fußboden ist gut. Wir müssen miteinander reden und die Wahrheit sagen. Lügner sitzen auf Stühlen, darum verzichten wir darauf. Wir sitzen einander gegenüber wie Freunde auf zwei Seiten eines Lagerfeuers. Setz dich, Mädchen.« Seine Augen sprühten förmlich vor unterdrückter Heiterkeit, und es sah aus, als wollte er bersten vor mühsam zurückgehaltenem Lachen. Er setzte sich, kreuzte die Beine, sah zu ihr hoch, und sein Ausdruck schien zu sagen: Du wirst mich doch nicht allein auf dem Fußboden dieses lächerlichen Büros sitzen lassen, oder?

Nach kurzer Überlegung setzte sie sich. Sie kreuzte die Beine und legte die Hände locker auf die Knie. Sie spürte das beruhigende Gewicht des Messers.

»Du bist hergeschickt worden, um zu spionieren, meine Liebe«, sagte er. »Ist das eine zutreffende Beschreibung der Situation?«

»Ja.« Es hatte keinen Zweck zu leugnen.

»Und du weißt, was in Kriegszeiten gewöhnlich mit Spionen geschieht?«

»Ja.«

Sein Lächeln wurde strahlend wie ein Sonnenaufgang. »Ist es dann nicht ein Glück, daß zwischen deinen und meinen Leuten kein Krieg ist?«

Sie sah ihn völlig überrascht an.

»Du weißt doch, daß keiner ist«, sagte er freundlich.

»Aber... Sie...« Tausend wirre Gedanken schössen ihr durch den Kopf. Indian Springs. Die Shrikes. Der Mülleimermann mit seinem Entlaubungsmittel und den Zippos. Wie die Unterhaltungen immer verstummten, wenn der Name des Mannes genannt wurde oder er selbst auftauchte. Und dieser Anwalt Eric Strellerton, der mit ausgebranntem Gesicht durch die MojaveWüste wanderte.

Er hat ihn nur angesehen.

»Haben wir eure sogenannte Freie Zone angegriffen? In irgendeiner Weise feindselig gehandelt?«

»Nein... aber...«

»Und habt ihr uns angegriffen?«

»Natürlich nicht.«

»Nein. Und wir haben auch keine diesbezüglichen Pläne. Sieh her!«

Er hob plötzlich die Hand und formte sie zu einem Kreis. Als sie hindurchsah, konnte sie die Wüste jenseits des Panoramafensters sehen.

»Die große westliche Wüste!« rief er. »Das große Scheiß-Drauf!

Nevada! Arizona! New Mexico! Kalifornien! Gruppen meiner Leute sind in Washington, in der Gegend von Seattle, und in Portland, Oregon. Je eine Handvoll in Idaho und New Mexico. Wir sind so weit verstreut, daß wir dieses Jahr nicht einmal mehr an eine Volkszählung denken können! Wir sind viel verwundbarer als eure Freie Zone. Die Freie Zone ist wie ein gut organisierter Bienenstaat, eine Gemeinschaft. Wir hier sind bestenfalls ein lockerer Bund mit mir als nominellem Oberhaupt. Es ist Platz für uns beide. Und auch im Jahr 2190 wird noch Platz für uns beide sein. Das heißt, wenn die Babys überleben, was wir hier frühestens in fünf Monaten wissen. Wenn das der Fall ist und die Menschheit weiterexistiert, sollen unsere Großväter es austragen, wenn sie Groll hegen. Oder deren Großväter. Aber was, in Gottes Namen, haben wir für einen Grund zu kämpfen?«

»Keinen«, murmelte sie. Sie war wie betäubt. Und empfand noch etwas anderes... war es Hoffnung! Sie sah ihm in die Augen. Sie schien den Blick nicht abwenden zu können. Sie würde nicht verrückt werden. Er würde sie nicht in den Wahnsinn treiben. Er war... ein sehr vernünftiger Mann.

»Wir haben weder wirtschaftliche Gründe zu kämpfen noch technologische. Unsere politischen Ansichten sind anders, aber das ist nebensächlich, zumal die Rockies zwischen uns liegen...«

Er hypnotisiert mich!

Mit einer gewaltigen Anstrengung wandte sie die Augen von seinen ab und betrachtete über seine Schulter den Mond. Flaggs Lächeln wurde dünner; ein Schatten der Veränderung schien über sein Gesicht zu huschen. Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Als sie ihn wieder ansah (diesmal wachsamer), lächelte er wieder freundlich.

»Sie haben den Richter töten lassen«, sagte sie schroff. »Sie wollen etwas von mir, und wenn Sie es haben, werden Sie auch mich töten lassen.«

Er sah sie geduldig an. »Entlang der ganzen Grenze zwischen Idaho und Oregon waren Wachen aufgestellt, die den Auftrag hatten, nach Richter Farns Ausschau zu halten, das stimmt. Aber nicht, ihn zu töten. Ihr Befehl lautete, ihn zu mir zu bringen. Ich war bis gestern in Portland. Ich wollte mit ihm reden, wie ich jetzt mit dir rede: ruhig, gelassen und vernünftig. Zwei meiner Posten haben ihn in Copperfield, Oregon, gestellt. Er stieg aus und schoß, verwundete einen meiner Männer tödlich und erschoß den anderen auf der Stelle. Der Verwundete tötete den Richter, bevor er selbst starb. Es tut mir leid, daß es so geschehen ist, mehr als du wissen oder begreifen kannst.« Seine Augen wurden dunkler, und das glaubte sie ihm sogar... aber wahrscheinlich nicht so, wie er sie glauben machen wollte. Und dann spürte sie wieder diese Kälte.

»Die Leute haben es mir anders erzählt.«

»Du kannst ihnen glauben oder mir, Liebe. Aber vergiß nicht, ich gebe ihnen die Befehle.«

Er war so überzeugend... so verdammt überzeugend. Er schien fast harmlos zu sein - aber das stimmte nicht, oder? Der Eindruck rührte nur daher, daß er ein Mensch war... oder etwas, das wie ein Mensch aussah. Das brachte so viel Erleichterung mit sich, daß sie sich zu einer dummen Pute machen ließ. Er besaß eine Präsenz und die Gabe eines Politikers, einem sämtliche Befürchtungen zu zerstreuen... aber das machte er alles auf eine Weise, die sie äußerst beunruhigend fand.