»Wenn Sie keinen Krieg führen wollen, warum dann die Düsenflugzeuge und alles andere in Indian Springs?«
»Verteidigungsmaßnahmen«, sagte er prompt. »Wir machen Ähnliches in Searles Lake in Kalifornien und in der Edwards Air Force Base. Eine Gruppe arbeitet im Atomreaktor am Yakima Ridge in Washington. Deine Leute werden dasselbe tun... wenn sie nicht schon dabei sind.«
Dayna schüttelte ganz langsam den Kopf. »Als ich die Zone verließ, versuchten sie immer noch, den Strom wieder einzuschalten.«
»Und ich hätte ihnen gern zwei oder drei Techniker geschickt, wenn ich nicht wüßte, daß es Brad Kitchner schon gelungen ist. Gestern hatten sie noch einen kurzen Stromausfall, aber er hat das Problem sehr schnell gelöst. Es war eine Überlastung in der Arapahoe.«
»Woher wissen Sie das alles?«
»Ich habe so meine Methoden«, sagte Flagg freundlich. »Übrigens ist die alte Frau zurückgekommen. Die nette alte Frau.«
»Mutter Abagail?«
»Ja.« Seine Augen waren distanziert und verhangen; möglicherweise traurig. »Sie ist tot. Schade. Ich hatte wirklich gehofft, sie persönlich kennenzulernen. «
»Tot? Mutter Abagail ist tot?«
Der verhangene Blick wurde klar, und er lächelte sie an. »Überrascht dich das so sehr?«
»Nein. Aber es überrascht mich, daß sie zurückgekommen ist. Und es überrascht mich noch mehr, daß Sie es wissen.«
»Sie ist zurückgekommen, um zu sterben.«
»Hat sie noch etwas gesagt?«
Einen Augenblick verrutschte die Maske freundlicher Gelassenheit und zeigte schwarze und wütende Fassungslosigkeit.
»Nein«, sagte er. »Ich dachte, sie würde... würde sprechen. Aber sie starb im Koma.«
»Sind Sie sicher?«
Er lächelte wieder so strahlend wie die Sommersonne, die Bodennebel vertreibt.
»Vergiß es, Dayna. Laß uns über angenehmere Dinge reden, zum Beispiel deine Rückkehr in eure Zone. Ich bin sicher, daß du lieber dort sein möchtest als hier. Ich habe etwas, das du mitnehmen sollst.« Er griff in sein Hemd, zog einen Lederbeutel heraus und entnahm ihm drei Straßenkarten. Er reichte sie Dayna, die sie mit wachsender Verblüffung betrachtete. Die Karten zeigten die sieben westlichen Staaten. Bestimmte Regionen waren rot gekennzeichnet. Die handgeschriebene Legende unten auf jeder Karte wies sie als Gebiete aus, die wieder bevölkert waren.
»Sie möchten, daß ich die mitnehme?«
»Ja. Ich weiß, wo eure Leute sind, ihr sollt wissen, wo meine sind. Als Geste guten Willens und der Freundschaft. Und wenn du zurückgehst, sollst du ihnen folgendes sagen: Flagg will ihnen nichts Böses, und seine Leute wollen ihnen auch nichts Böses. Sag ihnen, sie sollen keine Spione mehr schicken. Wenn sie Leute zu uns schicken wollen, sollten sie es eine diplomatische Mission nennen... oder Studentenaustausch... oder was sie wollen. Aber sie sollen nicht heimlich kommen. Wirst du ihnen das sagen?«
Sie fühlte sich überrumpelt und durcheinander. »Natürlich. Ich werde es ihnen sagen, aber...«
»Das ist alles.« Er breitete wieder die leeren, offenen Handflächen aus. Sie sah etwas und beugte sich beunruhigt vor.
»Was siehst du?« Seine Stimme klang nervös.
»Nichts.«
Aber sie hatte etwas gesehen, und sie sah an seinem verkniffenen Gesichtsausdruck, daß er es gemerkt hatte. Flaggs Handflächen hatten keine Linien. Sie waren so glatt und leer wie die Haut am Bauch eines Kindes. Keine Lebenslinie, keine Liebeslinie, keine Ringe oder Schnörkel oder Schlingen. Nur... leer.
Sie sahen einander lange an.
Dann sprang Flagg auf die Füße und ging zum Schreibtisch. Auch Dayna stand auf. Sie glaubte inzwischen tatsächlich, daß er sie vielleicht gehen lassen würde. Er setzte sich auf die Schreibtischkante und zog das Sprechgerät zu sich.
»Ich werde Lloyd sagen, daß er bei deinem Motorrad das Öl wechseln und neue Zündkerzen einsetzen soll«, sagte er und drückte auf den Knopf. »Ich sage ihm auch, er soll es volltanken lassen. Heute gibt es keine Sorgen wegen Ölknappheit mehr, hm? Es gibt alles im Überfluß. Aber es gab Zeiten - ich erinnere mich noch daran, und du wahrscheinlich auch, Dayna, als es ausgesehen hat, als würde die ganze Welt wegen einer Knappheit an bleifrei Super in einem Feuerball aufgehen.« Er schüttelte den Kopf. »Die Menschen sind sehr, sehr dumm.« Er drückte den Daumen auf die Sprechanlage. »Lloyd?«
»Ja, zur Stelle.«
»Sorg bitte dafür, daß Daynas Motorrad gewartet und aufgetankt und vor das Hotel gebracht wird. Sie wird uns verlassen.«
»Ja.«
Flagg schaltete aus. »Das war's, meine Liebe.«
»Ich kann... einfach gehen?«
»Ja, Ma'am. Es war mir ein Vergnügen.« Er hob die Hand und deutete auf die Tür... Handfläche nach unten.
Sie ging zur Tür. Sie hatte kaum den Knauf berührt, als er sagte:
»Da wäre noch etwas. Nur... eine Kleinigkeit.«
Dayna drehte sich zu ihm um. Er grinste sie an, und es war ein freundliches Grinsen, aber einen Sekundenbruchteil erinnerte er sie an eine riesige schwarze Bulldogge, deren Zunge zwischen spitzen weißen Zähnen hervorhängt, mit denen sie einen Arm abreißen könnte, als sei er ein Wischlappen.
»Das wäre?«
»Noch einer von euren Leuten ist hier«, sagte Flagg. Sein Lächeln wurde breiter. »Wer könnte das sein?«
»Wie in aller Welt soll ich das wissen?« fragte Dayna, und ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf: Tom Cullen!... Kann er es wirklich gewesen sein?
»Komm schon, Mädchen. Ich dachte, wir hätten alles geregelt.«
»Wirklich«, sagte sie. »Betrachten Sie es einmal unvoreingenommen, dann werden Sie sehen, daß ich absolut ehrlich bin. Das Komitee hat mich geschickt... und den Richter... und wer weiß wie viele andere... und sie waren sehr vorsichtig. Damit wir einander nicht verpetzen können, falls etwas... Sie wissen schon, passiert.«
»Falls wir beschließen, ein paar Fingernägel auszureißen?«
»Okay, ja. Susan Stern hat sich an mich gewandt. Wahrscheinlich hat Larry Underwood... er ist ja auch im Komitee...«
»Ich weiß, wer Mr. Underwood ist.«
»Ja. Nun, ich denke, daß er mit dem Richter gesprochen hat. Aber was die anderen betrifft...« Sie schüttelte den Kopf. »Es könnte jeder sein. Möglicherweise hat jedes der sieben Mitglieder des Komitees einen Spion rekrutiert. «
»Ja, das könnte sein, ist es aber nicht. Es ist nur noch einer, und du weißt, wer es ist.« Er grinste noch breiter, und jetzt bekam sie Angst. Es war ein unnatürliches Grinsen. Es erinnerte sie an toten Fisch, verunreinigtes Wasser, die Oberfläche des Mondes, durch ein Teleskop gesehen. Sie hatte das Gefühl, als wäre ihre Blase schlaff und voll heißer Flüssigkeit.
»Du weißt es«, wiederholte Flagg.
»Nein, ich...«
Flagg beugte sich wieder über das Sprechgerät. »Ist Lloyd schon weg?«
»Nein, ich bin noch da.« Eine teure Gegensprechanlage, ausgezeichnete Verständigung.
»Warte noch mit Daynas Motorrad«, sagte er. »Wir müssen noch etwas ...« Er sah sie mit nachdenklich leuchtenden Augen an, »... miteinander klären.«
»Okay.«
Mit einem Klick schaltete sich die Sprechanlage aus. Flagg lächelte und sah sie mit gefalteten Händen an. Er sah sie sehr lange an. Dayna fing an zu schwitzen. Seine Augen schienen größer und dunkler zu werden. Als würde man in sehr tiefe, sehr alte Brunnen sehen. Sie versuchte wegzuschauen, aber diesmal konnte sie es nicht.