»Lloyd?«
Er blieb stehen und drehte sich um. Ein leises Stöhnen entfuhr ihm. Flagg war immer noch halb im Lotussitz, aber jetzt schwebte er etwa zwanzig Zentimeter über dem Schreibtisch, den Blick immer noch heiter durchs Zimmer gerichtet.
»W-W-W-as?«
»Hast du noch den Schlüssel, den ich dir in Phoenix gegeben habe?«
»Ja.«
»Halte ihn bereit. Die Zeit rückt heran.«
»G-G-Gut.«
Er wartete, aber Flagg sagte nichts mehr. Er schwebte in der Dunkelheit wie ein Hindu-Fakir, der einen verwirrenden Trick vorführt, sah hinaus, lächelte gelöst.
Lloyd verschwand, so schnell er konnte, wie immer froh, daß er Leben und Verstand noch hatte.
Der Tag war ruhig in Vegas. Als Lloyd gegen zwei Uhr nachmittags zurückkam, roch er nach Benzin. Der Wind war stärker geworden, und um fünf fegte er über den Strip und erzeugte heulende, wehklagende Laute zwischen den Hotels. Die Palmen, die abstarben, weil sie im Juli und August nicht von der Stadt bewässert worden waren, bogen sich im Wind; ihre Wedel flatterten wie zerfetzte Kriegsfahnen. Seltsam geformte Wolken zogen am Himmel auf.
In der Cub Bar saßen Whitney Horgan und Ken DeMott, tranken Flaschenbier und aßen Sandwiches mit Eiersalat. Drei alte Damen - alle nannten sie die Unheimlichen Schwestern - hielten am Stadtrand Hühner, und niemand schien von den Eiern genug zu bekommen. Unter Whitney und Ken im Kasino kroch der kleine Dinny McCarthy fröhlich auf einem der Spieltische herum und spielte mit einer Armee Plastiksoldaten.
»Schau dir den kleinen Knirps an«, sagte Ken zärtlich. »Man hat mich gebeten, eine Stunde auf ihn aufzupassen. Ich würde eine ganze Woche auf ihn aufpassen. Bei Gott, ich wünschte, er wäre meiner. Meine Frau hatte nur einen, und der kam zwei Monate zu früh. Nach drei Tagen starb er im Brutkasten.« Er sah auf, als Lloyd hereinkam.
»He, Dinny!« rief Lloyd.
»Yoyd! Yoyd!« schrie Dinny. Er krabbelte zum Rand des Tischs, sprang herunter und lief ihm entgegen. Lloyd hob ihn hoch, schwenkte ihn herum und drückte ihn fest.
»Einen Kuß für Lloyd?« fragte er.
Dinny gab ihm einen schmatzenden Kuß.
»Ich hab' was für dich«, sagte Lloyd und nahm eine Handvoll eingewickelte Hershey's Kisses aus der Brusttasche. Dinny krähte vor Vergnügen und packte sie. »Lloyd?«
»Was, Dinny?«
»Warum riechst du wie ein Benzinfaß?«
Lloyd lächelte. »Ich habe Abfälle verbrannt, Kleiner. Nun geh wieder spielen. Wer ist denn jetzt deine Mom?«
»Angelina.« Er sprach es Antschejiinah aus. »Dann wieder Bonnie. Ich mag Bonnie. Aber ich mag auch Angelina.«
»Sag ihr nicht, daß Lloyd dir Süßigkeiten gegeben hat. Angelina würde Lloyd hauen.«
Dinny versprach, es ihr nicht zu erzählen, und kicherte bei dem Gedanken, daß Angelina Lloyd hauen könnte. Gleich darauf saß er wieder auf dem Spieltisch und dirigierte, den Mund voll Schokolade, seine Armee. Whitney kam in seiner weißen Schürze herbei und reichte Lloyd zwei Sandwiches und eine kalte Flasche Hamm's.
»Danke«, sagte Lloyd. »Sieht gut aus.«
»Das ist selbstgebackenes syrisches Brot«, sagte Whitney stolz. Lloyd kaute eine Weile. »Hat jemand ihn gesehen?« fragte er schließlich.
Ken schüttelte den Kopf. »Ich glaube, er ist wieder weg.«
Lloyd dachte darüber nach. Draußen heulte eine ungewöhnlich starke Bö, die sich in der Wüste einsam und verloren anhörte. Dinny hob einen Moment unruhig den Kopf und spielte dann weiter.
»Ich glaube, er ist noch irgendwo in der Nähe«, sagte Lloyd schließlich. »Ich weiß nicht, warum, aber ich bin ganz sicher... Ich glaube, er ist in der Nähe und wartet auf etwas. Ich weiß nur nicht, auf was.«
Whitney sagte mit leiser Stimme: »Glaubst du, daß er es aus ihr herausgekriegt hat?«
»Nein«, sagte Lloyd und beobachtete Dinny. »Das glaube ich nicht. Irgendwie ist die Sache für ihn schiefgelaufen. Sie... sie hat Glück gehabt oder schneller gedacht als er. Und das kommt nicht oft vor.«
»Auf lange Sicht spielt es keine Rolle«, sagte Ken, aber er sah dennoch besorgt aus.
»Nein, sicher nicht.« Lloyd lauschte eine Weile dem Wind. »Vielleicht ist er wieder nach L.A.« Aber das glaubte er nicht, und man sah es seinem Gesicht an.
Whitney ging in die Küche zurück und holte noch eine Runde Bier. Sie tranken schweigend, erfüllt von beunruhigenden Gedanken. Zuerst der Richter und nun die Frau. Beide tot. Und keiner hatte geredet. Keiner war unversehrt geblieben, wie er es befohlen hatte. Es war, als hätten die alten Yankees mit Mantle und Marris und Ford die beiden Eröffnungsspiele der FootballMeisterschaft verloren; es war kaum zu glauben - und beängstigend.
Der Wind wehte die ganze Nacht hindurch.
63
Am späten Nachmittag des 10. September spielte Dinny in dem kleinen Park nördlich des Hotel- und Kasinobezirks der Stadt. Angelina Hirschfield, seine »Mutter« für diese Woche, saß auf einer Parkbank und unterhielt sich mit einem jungen Mädchen, das vor etwa fünf Wochen nach Las Vegas gekommen war, ungefähr zehn Tage später als Angie selbst.
Angie Hirschfield war siebenundzwanzig. Das Mädchen war zehn Jahre jünger und trug heute Jeans und eine kurze Matrosenbluse, die nichts der Phantasie überließ. Der Reiz ihres straffen jungen Körpers stand in einem fast obszönen Kontrast zu ihrem kindlichen Schmollmund und dem leeren Gesichtsausdruck. Ihre Konversation war monoton und scheinbar endlos: Rock-Stars, Sex, ihr lausiger Waffenreinigungsjob in Indian Springs, Sex, ihr Diamantring, Sex, Fernsehsendungen, die sie so sehr vermißte, und Sex. Angie wünschte sich, sie würde mit jemand gehen und Sex machen, damit sie selbst ihre Ruhe hatte. Und sie hoffte, daß Dinny mindestens dreißig war, bevor dieses Mädchen seine »Mutter« wurde.
In diesem Augenblick schaute Dinny auf, lächelte und rief: »Tom! He, Tom!«
Auf der anderen Seite des Parks schlurfte ein großer, kräftiger Mann mit strohblondem Haar vorbei, dessen Frühstücksdose ihm beim Gehen gegen das Knie schlug.
»Sieht aus, als war' der Kerl besoffen«, sagte das Mädchen zu Angie.
Angie lächelte. »Nein, das ist Tom. Er ist nur...«
Aber Dinny war schon losgerannt und rief: »Tom! Warte! Tom!«
Tom drehte sich grinsend um. »Dinny! He-he!«
Dinny sprang an Tom hoch. Tom ließ den Vesperkoffer fallen und nahm Dinny hoch. Wirbelte ihn herum.
»Flugzeug machen, Tom! Flugzeug machen!«
Tom packte Dinny an den Handgelenken und wirbelte ihn herum, schneller und schneller. Die Fliehkraft hob den Körper des Jungen, bis seine Beine parallel zum Boden waren. Er jauchzte vor Vergnügen. Nach zwei oder drei weiteren Umdrehungen setzte Tom ihn vorsichtig ab.
Dinny lachte, wankte und versuchte, das Gleichgewicht zu halten.
»Noch mal, Tom! Bitte, noch mal!«
»Nein, dann mußt du brechen. Und Tom muß jetzt nach Hause. Meine Fresse, ja.«
»Okay, Tom. Tschüs.«
Angie sagte: »Ich glaube, von allen Leuten in der Stadt mag Dinny am liebsten Lloyd Henreid und Tom Cullen. Tom Cullen ist einfältig, aber...« Sie sah das Mädchen an und verstummte. Das Mädchen betrachtete Tom mit schmalen, nachdenklichen Augen.
»Ist er mit einem anderen Mann gekommen?« fragte sie.
»Wer? Tom? Nein, soweit ich weiß, ist er ganz allein gekommen. Vor anderthalb Wochen. Er war bei den anderen Leuten in der Zone, aber sie haben ihn weggejagt. Ihr Verlust ist unser Gewinn, möchte ich sagen.«
»Und ist er wirklich nicht mit einem Tauben gekommen? Einem Taubstummen?«
»Einem Taubstummen? Nein. Er ist allein gekommen. Dinny liebt ihn über alles.«