Er dachte, er würde Selbstmord begehen. Er hatte jetzt keine andere Möglichkeit mehr, sagte er sich, alle standen jetzt gegen ihn, und genauso sollte es sein. Wenn man die Hand biß, die einen fütterte, mußte man damit rechnen, daß sich diese Hand zur Faust ballte. So ging das Leben; das war Gerechtigkeit. Er hatte drei große Benzinkanister hinten im Geländewagen. Er würde alle über sich schütten und dann ein Streichholz anzünden. Das hatte er verdient. Aber er hatte es nicht getan. Warum, wußte er nicht. Eine Kraft, die mächtiger als der Schmerz seines Bedauerns und seiner Einsamkeit war, hatte ihn daran gehindert. Ihm schien, als wäre selbst der Feuertod nach Art eines buddhistischen Mönchs keine ausreichende Strafe für ihn. Er hatte geschlafen. Und als er erwacht war, hatte er festgestellt, daß sich im Schlaf ein neuer Gedanke in sein Gehirn geschlichen hatte, und dieser Gedanke war:
WIEDERGUTMACHUNG
War das möglich? Er wußte es nicht. Aber wenn er etwas fand... etwas GROSSES... und es dem dunklen Mann in Las Vegas brachte, konnte es dann nicht möglich sein? Und selbst wenn WIEDERGUTMACHUNG unmöglich war, vielleicht war SÜHNE es nicht. Wenn es stimmte, bestand immer noch die Möglichkeit, daß er zufrieden sterben konnte.
Aber was? Was war groß genug für WIEDERGUTMACHUNG oder SÜHNE? Keine Tretminen oder Flammenwerfer, keine Handgranaten oder automatische Waffen. Das alles war nicht gross genug. Er wußte, daß es für Versuchszwecke zwei große Jagdbomber gab, und er wußte auch, wo sie standen (sie waren ohne Wissen des Kongresses gebaut und aus einem geheimen Fonds bezahlt worden), aber er konnte sie nicht nach Vegas schaffen, und selbst wenn er es könnte, gab es niemanden, der sie fliegen könnte. Wie sie aussahen, brauchten sie eine Besatzung von mindestens zehn Mann, wenn nicht mehr.
Er war wie ein Infrarot-Gerät, das in der Dunkelheit Hitze registrieren kann und die Hitzequellen als vage rote Teufelsgestalten wiedergibt. Auf seltsame Weise war er in der Lage, die Dinge aufzuspüren, die in dieser Öde lagerten, in der früher so viele militärische Projekte durchgeführt worden waren. Er hätte nach Westen fahren können, direkt zum Projekt Blau, wo das Ganze angefangen hatte. Aber die kalte Seuche war nicht nach seinem Geschmack, und auf seine wirre, wenn auch nicht ganz unlogische Weise glaubte er, daß sie auch nicht nach Flaggs Geschmack sein würde. Einer Seuche war es einerlei, wen sie umbrachte. Es wäre besser für die Menschen gewesen, wenn die Initiatoren von Projekt Blau diese Tatsache nicht vergessen hätten.
Er war daher von Indian Springs nach Nordwesten gefahren, wo in der sandigen Einöde Nellis Airforce Range lag, und hatte sein Fahrzeug zum Stehen gebracht, als er auf einen hohen Stacheldrahtzaun mit folgenden Schildern stieß: US REGIERUNGSGELÄNDE KEIN ZUTRITT und BEWAFFNETE POSTEN und SCHARFE WACHHUNDE und DRAHT FÜHRT STARKSTROM. Aber der Strom war so tot wie die scharfen Wachhunde und die bewaffneten Posten, und der Mülleimermann fuhr weiter und korrigierte hin und wieder den Kurs. Etwas zog ihn an. Er wußte nicht, was es war, aber es mußte etwas Großes sein. Groß genug.
Die Goodyear-Ballonreifen seines Geländewagens rollten und rollten und trugen Müll durch ausgetrocknete Flußbetten und über Hänge, die so felsig waren, daß sie aussahen wie der halb bloßgelegte Rücken eines Stegosaurus. Es war windstill und trocken. Die Temperatur mochte an die vierzig Grad betragen. Das einzige Geräusch war das Röhren des modifizierten Studebaker-Motors des Geländewagens.
Er fuhr einen Hügel hinauf, sah, was unten vor ihm lag, und schaltete einen Moment auf Leerlauf, damit er besser sehen konnte. Unten sah er Gebäude, deren Metalldächer in der Hitze flimmerten und wie Quecksilber aussahen. Nissenhütten und Häuser aus Hohlziegeln. Hier und da standen Fahrzeuge auf den vom Staub zugewehten Straßen. Das ganze Areal war durch drei Stacheldrahtzäune gesichert, und er sah die Isolatoren aus Porzellan, die in Abständen an den Drähten angebracht waren. Es waren nicht die kleinen Isolatoren, die knöchelgroßen, die einen leichten Geh-wegStromschlag verteilten; es waren riesige, so gross wie eine geballte Faust.
Von Osten führte eine zweispurige Asphaltstraße zum Wachlokal, das wie eine betonierte Tablettenschachtel aussah. Hier hingen keine netten kleinen Schilder mit Aufschriften wie LASSEN SIE IHRE KAMERA VOM WACHHABENDEN ÜBERPRÜFEN und WENN ES IHNEN BEI UNS GEFALLEN HAT, SAGEN SIE ES IHREM KONGRESSABGEORDNETEN. Das einzig sichtbare Schild war rot auf gelb, die Farben der Gefahr, kurz und bündig AUSWEISPAPIERE UNVERLANGT VORZEIGEN.
»Danke«, flüsterte Mülleimer. Er hatte keine Ahnung, bei wem er sich bedankte. »Oh, danke... danke.« Sein sechster Sinn hatte ihn an diesen Ort geführt, aber er hatte schon immer gewußt, daß es ihn gab. Irgendwo.
Er legte den Vorwärtsgang ein und fuhr den Hang hinab. Zehn Minuten später war er auf dem Zufahrtsweg zum Wachgebäude. Die Straße war durch eine schwarzweiß gestreifte Schranke gesperrt, und Müll stieg aus, um sie zu inspizieren. Solche Anlagen hatten immer große Generatoren, die im Notfall eingeschaltet wurden. Er bezweifelte zwar, ob nach drei Monaten auch noch nur ein einziger Generator funktionierte, aber er mußte sich vergewissern, ob alles außer Betrieb war, bevor er hineinging. Was er brauchte, lag direkt vor ihm. Er durfte nicht übereilt handeln und gebraten werden wie ein Stück Fleisch im Mikrowellenherd.
Hinter zehn Zentimeter dickem kugelsicherem Glas saß eine Mumie in Uniform und starrte an ihm vorbei.
Müll duckte sich unter der Schranke an der Einfahrts-Seite des Wachhauses hindurch und ging zur Tür des kleinen Betongebäudes. Er faßte an die Tür, und sie ließ sich öffnen. Das war gut. Wenn in so einer Anlage auf die Notaggregate umgeschaltet wurde, schloß sich alles automatisch. Wenn man gerade beim Kacken war, wurde man auf der Toilette eingesperrt, bis die Krise vorüber war. Aber wenn das Notstromaggregat versagte, entriegelte sich alles wieder. Der tote Wachposten roch trocken, süß und interessant, wie Zimt und Zucker auf Toast. Er war nicht aufgetrieben oder verwest; er war ganz einfach vertrocknet. Am Hals sah man noch die schwarzen Verfärbungen, das charakteristische Merkmal von Captain Trips. In der Ecke hinter ihm stand ein automatisches Browning-Gewehr. Der Mülleimermann nahm es und ging wieder nach draußen. Er stellte die Waffe auf Einzelfeuer, machte sich am Visier zu schaffen und drückte sie gegen die knochige rechte Schulter. Er zielte auf einen der Porzellanisolatoren und drückte ab. Es folgte ein lauter Knall, wie Händeklatschen, und aufregender Korditgeruch. Der Isolator explodierte nach allen Seiten, aber es gab keine purpurweiße Flamme von Starkstrom. Der Mülleimermann lächelte. Er ging summend zum Tor und untersuchte es. Es war ebensowenig verschlossen wie die Tür des Wachlokals. Er stieß es ein Stück auf und kauerte sich nieder. Unter dem Pflaster war eine Tretmine. Er wußte nicht, woher er das wußte, aber er wußte es. Sie war vielleicht scharf; vielleicht nicht.
Er ging zu seinem Geländewagen zurück, legte den Gang ein und fuhr durch die Schranke. Diese brach mit einem lauten Knacken, und die breiten Ballonreifen des Fahrzeugs fuhren darüber hinweg. Die Wüstensonne brannte herunter. Die seltsamen Augen des Mülleimermanns leuchteten vor Freude.
Vor dem Tor stieg er aus dem Geländewagen aus und legte den Gang wieder ein. Der führerlose Wagen rollte vorwärts und stieß das Tor ganz auf. Mülleimermann hastete in das Wachlokal. Er kniff die Augen zu, aber es erfolgte keine Explosion. Das war gut; sie hatten tatsächlich voll und ganz abgeschaltet. Das Notsystem hatte vielleicht einen Monat funktioniert, vielleicht zwei, aber letztendlich hatten Hitze und fehlende regelmäßige Wartung es erledigt. Trotzdem mußte er vorsichtig sein.