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Derweil rollte sein Geländewagen gemütlich auf die Wellblechmauer einer Hütte zu. Der Mülleimermann folgte ihm in den Stützpunkt und holte ihn gerade ein, als die Reifen auf den Bordstein einer Straße polterten, die ein Schild als Illinois Street auswies. Er schaltete wieder in den Leerlauf, worauf der Geländewagen stehenblieb. Er stieg ein, legte den Gang ein und fuhr zur Vorderfront des Gebäudes.

Es war eine Mannschaftsunterkunft. Das schattige Innere war ebenfalls von einem Zucker-und-Zimt-Geruch erfüllt. Zwischen den etwa fünfzig Betten lagen ungefähr zwanzig tote Soldaten. Der Mülleimermann ging durch den Gang an ihnen vorbei und wußte nicht, wohin er ging. Hier gab es nichts für ihn, oder? Früher waren diese Toten gewissermaßen Waffen gewesen, aber die Supergrippe hatte sie neutralisiert.

Aber ganz hinten im Gebäude war etwas, das ihn interessierte. Ein Schild. Er trat näher heran, um es zu lesen. Die Hitze hier drinnen war enorm. Sein Kopf tat weh und schien anzuschwellen. Aber als er vor dem Schild stand, mußte er lächeln. Ja, hier war es. Irgendwo in der Nähe war das, was er suchte.

Auf dem Schild war die Karikatur eines Mannes unter der Karikatur einer Dusche zu sehen. Er seifte sich eifrig seine Genitalien ein, die fast ganz von Seifenschaum bedeckt waren. Darunter stand zu lesen: NICHT VERGESSEN! ES LIEGT IN IHREM EIGENEN INTERESSE, SICH TÄGLICH ZU DUSCHEN!

Darunter sah Müll ein gelbschwarzes Emblem mit drei spitzwinkligen Dreiecken, die nach unten zeigten.

Das Symbol für radioaktive Strahlung.

Der Mülleimermann lachte wie ein Kind und klatschte in der Stille in die Hände.

69

Whitney Horgan fand Lloyd in seinem Zimmer, wo er auf dem großen runden Bett lag, das er noch bis vor kurzem mit Dayna Jürgens geteilt hatte. Auf seiner nackten Brust balancierte er einen großen Gin Tonic. Er betrachtete feierlich sein Bild im Deckenspiegel.

»Komm rein«, sagte er, als er Whitney sah. »Mach keine Umstände, verdammt. Du brauchst nicht klopfen, Dummkopf.« Es hörte sich wie »Dummoff« an.

»Bist du besoffen, Lloyd?« fragte Whitney mißtrauisch.

»Nein. Noch nicht. Aber das kommt noch.«

»Ist er hier?«

»Wer? Der furchtlose Führer?« Lloyd setzte sich auf. »Er muss irgendwo sein. Der Mitternachtsstreuner.« Er lachte und legte sich zurück.

Whitney sagte mit leiser Stimme: »Sei vorsichtig, es ist nicht gut, was du sagst.«

»Scheiß drauf.«

»Vergiß nicht, was mit Heck Drogan passiert ist. Und Strellerton.«

Lloyd nickte. »Du hast recht. Die Wände haben Ohren. Die verdammten Wände haben Ohren. Hast du den Spruch schon mal gehört?«

»Ja, ein- oder zweimal. Hier stimmt es wirklich, Lloyd.«

»Darauf kannst du dich verlassen.« Lloyd richtete sich plötzlich auf und warf den Drink durchs Zimmer. Das Glas zerbarst. »Der ist für die Putzfrau, stimmt's, Whitney?«

»Alles in Ordnung, Lloyd?«

»Mir geht es ausgezeichnet. Willst du einen Gin Tonic?«

Whitney zögerte einen Augenblick. »Nein. Ich mag ihn nicht ohne Zitrone.«

»Herrgott, sag deshalb nicht nein. Ich habe Zitrone. Die muß man aus einer kleinen Flasche quetschen.« Lloyd ging zur Bar und hielt eine Plastikflasche hoch. »Sieht aus wie das linke Ei von Meister Proper. Komisch, was?«

»Schmeckt es wie Zitrone?«

»Natürlich«, sagte Lloyd mürrisch. » Was meinst du denn, wie es schmeckt? Kartoffelchips? Was ist jetzt? Sei ein Mann und trink einen mit mir.«

»Nun... okay.«

»Wir trinken sie am Fenster und genießen die Aussicht.«

»Nein«, sagte Whitney schroff und hastig. Lloyd blieb auf dem Weg zur Bar stehen, sein Gesicht war blaß geworden. Er sah Whitney an, und ihre Blicke trafen sich einen Moment.

»Ja, okay«, sagte Lloyd. »Tut mir leid. Das war geschmacklos.«

»Schon gut.«

Aber es war nicht gut, und sie wußten es. Die Frau, die Flagg als seine »Braut« vorgestellt hatte, war am Vortag gesprungen. Lloyd erinnerte sich daran, daß Ace High gesagt hatte, Dayna könne gar nicht vom Balkon springen, weil die Fenster sich nicht öffnen ließen. Aber das Penthouse hatte ein Sonnendach. Sie mußten geglaubt haben, daß von den wirklich Reichen - meistens Araber - niemand springen würde.

Er machte Whitney einen Gin Tonic, und sie setzten sich und tranken eine Weile schweigend. Draußen ging die Sonne rot leuchtend unter. Schließlich sagte Whitney so leise, daß es kaum zu hören war:

»Glaubst du wirklich, daß sie gesprungen ist?«

Lloyd zuckte die Achseln. »Was spielt das für eine Rolle. Klar. Ich glaube, daß sie gesprungen ist. Würdest du das nicht auch, wenn du mit ihm verheiratet wärst? Hast du schon ausgetrunken?«

Whitney betrachtete sein Glas und stellte erstaunt fest, daß es tatsächlich leer war. Er gab es Lloyd, der es zur Bar trug. Lloyd schenkte reichlich Gin ein, und Whitney war bald ziemlich betrunken. Wieder tranken sie eine Weile schweigend und betrachteten den Sonnenuntergang.

»Was hörst du von diesem Cullen?« fragte Whitney schließlich.

»Nichts. Nullo. Finito. Ich höre nichts. Und Barry hört auch nichts. Nicht von der Route 40, von Route 30, von Route 2. und 74 oder der 1-15. Nichts von den Nebenstraßen. Dabei werden sie alle überwacht. Er ist irgendwo draußen in der Wüste, und wenn er nachts unterwegs ist und weiß, wo Osten ist, wird er durchkommen. Was spielt das für eine Rolle? Was kann er ihnen erzählen ?«

»Das weiß ich nicht.«

»Ich auch nicht. Laßt ihn laufen, das ist meine Meinung.«

Whitney fühlte sich unbehaglich. Lloyd war wieder gefährlich nahe dran, den Boß zu kritisieren. Er selbst begann den Alkohol zu spüren, und darüber war er froh. Vielleicht fand er bald den Mut zu sagen, warum er gekommen war.

»Ich will dir was sagen«, meinte Lloyd und beugte sich nach vorne.

»Er kippt bald. Hast du den Spruch schon mal gehört? Wir sind in der achten Spielrunde, und er ist am-Kippen. Und niemand ist auf der Reservebank, der an seine Stelle treten könnte.«

»Lloyd, ich...«

»Noch einen?«

»Meinetwegen.«

Lloyd machte ihnen frische Drinks. Er reichte Whitney einen, und als Whitney trank, durchlief ihn ein leichter Schauer. Es war fast purer Gin.

»Er ist bereits am Kippen«, fuhr Lloyd fort. »Erst Dayna, dann dieser Cullen. Seine eigene Frau - wenn sie das war - geht hin und springt vom Dach. Glaubst du etwa, daß ihr doppelter Rittberger vom Terrassendach auf dem Spielplan stand?«

»Wir sollten nicht darüber sprechen.«

»Und der Mülleimermann. Sieh doch mal, was der alles ganz allein geschafft hat. Wenn man solche Freunde hat, braucht man dann noch Feinde? Das möchte ich gern wissen.«

»Lloyd...«

Lloyd schüttelte den Kopf. »Ich begreife das Ganze nicht. Es lief alles so gut. Bis zu dem Abend, an dem er ankam und uns erzählte, daß die alte Dame drüben in der Freien Zone gestorben ist. Er sagte, das letzte Hindernis sei jetzt aus dem Weg geräumt. Aber gerade seit dem Zeitpunkt ist fast alles schiefgegangen. «

»Lloyd, wir sollten wirklich nicht...«

»Ich weiß nicht mehr, was Sache ist. Wir können sie im nächsten Frühjahr wahrscheinlich mit Landstreitkräften erledigen. Aber wer weiß, was sie bis zum nächsten Frühjahr selbst auf die Beine gestellt haben? Wir wollten sie schlagen, bevor sie uns ei ne komische Überraschung bereiten können, aber das geht jetzt nicht mehr. Und, Gott im Himmel, wir müssen noch an Mülli denken. Er ist irgendwo draußen in der Wüste, und ich bin verdammt sicher ...«

»Lloyd«, sagte Whitney mit leiser, erstickter Stimme. »Hör mir zu.«

Lloyd beugte sich vor. »Was? Was ist los, altes Haus?«

»Ich wußte nicht, ob ich überhaupt den Mut haben würde, dich zu fragen«, sagte Whitney. Er umklammerte das Glas krampfhaft. »Ich und Ace High und Ronnie Sykes und Jenny Engstrom. Wir hauen ab. Willst du mitkommen? Mein Gott, ich muß verrückt sein, dir das zu sagen, wo du doch seine rechte Hand bist.«