Jetzt erreichte er das Ende des Gangs. Direkt vor ihm lag ein großer Lastenaufzug, dessen Türen einladend offenstanden. Er war gross genug, den Wagen aufzunehmen, aber es gab natürlich keinen Strom. Müll war über die Treppe nach unten gegangen, und auf diesem Weg hatte er auch den Flaschenzug nach unten transportiert. Verglichen mit dem Sprengkopf war der Flaschenzug leicht. Er wog nur etwa hundertfünfzig Pfund. Dennoch war es Schwerarbeit gewesen, ihn fünf Treppenfluchten nach unten zu schleppen.
Wie sollte er den Sprengkopf die Treppen hinaufbekommen?
Eine motorgetriebene Winde, flüsterte sein Verstand.
Er saß auf dem Fahrersitz, leuchtete mit der Taschenlampe die Umgebung ab und nickte. Klar, das war die Lösung. Mit einer Winde hochziehen. Oben einen Motor aufstellen und ihn notfalls Treppenabsatz für Teppenabsatz hochziehen. Aber wo konnte er eine fünfzehn Meter lange Kette auf treiben?
Wahrscheinlich nirgends. Aber er konnte Teile von Ketten zusammenschweißen. Konnte das klappen? Würden die Schweißstellen halten? Schwer zu sagen. Und selbst wenn, was war mit den Biegungen der Treppe?
Er sprang herunter und strich in der stillen Dunkelheit zärtlich mit einer Hand über die glatte, tödliche Oberfläche des Sprengkopfs. Liebe findet immer einen Weg.
Er ließ den Sprengkopf auf dem Wagen und stieg die Treppen hoch, um geeignetes Material zu suchen. In einer solchen Anlage mußte es von allem etwas geben. Er würde finden, was er brauchte.
Nach der zweiten Treppe blieb er stehen, um zu verschnaufen. Plötzlich überlegte er: Habe ich Strahlung abbekommen? Dieses Zeug hatte zwar eine Ummantelung, eine Ummantelung aus Blei. Aber in den Filmen im Fernsehen trugen die Leute, die mit radioaktivem Zeug umgingen, immer Schutzanzüge und beschichtete Streifen, die sich verfärbten, wenn die Dosis zu hoch wurde. Denn die Strahlung war nicht zu hören. Nicht zu sehen. Sie lagerte sich einfach im Fleisch und in den Knochen ab. Man wußte erst, daß man krank war, wenn man anfing zu kotzen und die Haare zu verlieren und alle paar Minuten aufs Klo rennen mußte.
Würde ihm das auch passieren?
Er stellte fest, daß es ihm gleichgültig war. Er wollte diese Bombe nach oben schaffen. Irgendwie würde es ihm gelingen. Irgendwie würde er sie nach Las Vegas bringen. Er mußte die schreckliche Tat wiedergutmachen, die er in Indian Springs angerichtet hatte. Wenn er sterben mußte, um zu sühnen, dann würde er sterben.
»Mein Leben für dich«, flüsterte er in der Dunkelheit und stieg weiter die Treppe hinauf.
71
Am Abend des 17. September, kurz vor Mitternacht, war Randall Flagg in der Wüste, von Kopf bis Fuß in drei Wolldecken gewickelt. Eine vierte war wie ein Burnus um seinen Kopf geschlungen, so dass nur noch Augen und Nasenspitze zu sehen waren. Er blickte zu den hellen Sternen über der Wüste hinauf.
Nach und nach verdrängte er jeden Gedanken. Er lag vollkommen ruhig da. Die Sterne waren kaltes Feuer. Hexenlicht. Er schickte das Auge aus.
Er spürte, wie es sich mit einem leichten, schmerzlosen Ruck von ihm löste. Es schwebte davon, leise wie ein Habicht, der sich in düsteren Aufwinden emporschwingt. Jetzt war er eins mit der Nacht. Er war das Auge der Krähe, das Auge des Wolfes, das Auge des Wiesels, das Auge der Katze. Er war der Skorpion, die lauernde Minierspinne. Er war ein tödlicher Giftpfeil, der endlos durch die Wüstenluft glitt. Was immer auch geschehen sein mochte, das Auge war noch sein, gehorchte ihm.
Er schwebte mühelos, und die der Erde verhafteten Dinge breiteten sich wie ein Ziffernblatt unter ihm aus.
Sie kommen... sie sind schon fast in Utah...
Er flog hoch und weit und stumm über eine Friedhofswelt. Vom dunklen Band der Interstate durchschnitten, lag die Wüste unter ihm wie ein geweißtes Grab. Den Körper weit zurücklassend, dessen glitzernde Augen nur blindes Weiß zeigten, flog er nach Osten und war jetzt über der Grenze zwischen den beiden Staaten. Die Landschaft unter ihm veränderte sich. Felskuppen und seltsame, vom Wind gefurchte Steinsäulen und Tafelberge. Schnurgerade verlief die Interstate. Weit im Norden lagen die Bonneville Sah Fiats. Skull Valley lag irgendwo im Westen. Er flog. Tot und weit entfernt das Geräusch des Windes...
Irgendwo südlich von Richfield saß ein Adler in der höchsten Astgabel einer alten, vom Blitz abgespaltenen Fichte, und sein Instinkt ließ ihn spüren, daß etwas Todbringendes, etwas, das sehen konnte, an ihm vorbeihuschte. Furchtlos breitete er die Schwingen aus, um anzugreifen, aber das Grinsen einer tödlichen Kälte ließ ihn zurückfahren. Der Adler stürzte fast bis auf den Erdboden, bevor er den Schock überwand, die Flügel ausbreitete und den Sturz abfing.
Das Auge des dunklen Mannes flog weiter gen Osten.
Jetzt lag die I-70 unter ihm. Die gedrängten Gebäudeansammlungen der Städte lagen verlassen da. Nur Ratten und Katzen streunten herum, und auch das Rotwild hatte sich aus den Wäldern gewagt, nachdem die Witterung der Menschen sich verloren hatte. Städte mit Namen wie Freemont und Green River und Sego und Thompson und Harley Dome. Dann eine etwas größere, ebenfalls verlassene Stadt. Grand Junction, Colorado. Dann...
Gleich östlich von Grand Junction sah er die Glut eines Lagerfeuers. Spiralförmig raste das Auge in die Tiefe.
Das Feuer erlosch allmählich, und um die niederbrennenden Flammen herum lagen vier schlafende Gestalten.
Es stimmte also.
Kalt musterte das Auge die Gestalten. Sie kamen also tatsächlich - aus Gründen, die er nicht kannte. Nadine hatte die Wahrheit gesagt. Ein leises Knurren stieg zu ihm auf, und das Auge wandte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers stand mit gesenktem Kopf und über die Geschlechtsteile eingezogenem Schwanz ein Hund. Seine Augen glühten wie unheilvolle Perlen aus Bernstein. Sein stetiges Knurren hörte sich an wie zerreißender Stoff. Das Auge starrte ihn an, und der Hund starrte furchtlos zurück. Er zog die Lefzen hoch und fletschte die Zähne.
Eine der Gestalten richtete sich auf. »Kojak«, murmelte der Mann.
»Sei endlich still, verdammt noch mal!«
Kojak knurrte weiter; seine Nackenhaare hatten sich gesträubt. Der Mann, der erwacht war - es war Glen Bateman -, blickte sich um, von einer plötzlichen Unruhe ergriffen. »Wer ist denn da, alter Junge?« flüsterte er dem Hund zu. »Ist da etwas?«
Kojak knurrte weiter.
»Stu!« Der Mann schüttelte die Gestalt, die neben ihm lag. Diese murmelte irgend etwas und verstummte dann wieder in ihrem Schlafsack.
Der dunkle Mann, der nun das dunkle Auge war, hatte genug gesehen. Er schoß schraubenförmig in die Höhe und sah noch, wie der Hund den Kopf hob und ihm hinterherblickte. Das leise Knurren wurde zu einer lauten Gebellsalve, die leiser und leiser wurde und schließlich verstummte.
Stille und rauschende Dunkelheit.
Irgendwann später verhielt er über der Wüste und blickte auf sich selbst hinunter. Langsam sank er in die Tiefe, näherte sich seinem Körper. Dann versank er in sich selbst. Er verspürte ein leichtes Schwindelgefühl des Verschmelzens zweier Dinge. Dann war das Auge verschwunden, und nur noch seine Augen waren da, die zum kalten Glanz der Sterne emporschauten.
Sie kamen, ja.
Flagg lächelte. Hatte die alte Frau ihnen befohlen zu gehen? Würden diese Menschen der Alten sogar dann noch gehorchen, wenn sie ihnen auf ihrem Totenbett aufgetragen hatte, auf diese neuartige Weise Selbstmord zu begehen? Er hielt es für möglich. Woran er nicht gedacht hatte, war so erschreckend einfach, daß er sich geradezu gedemütigt vorkam. Auch sie hatten ihre Probleme. Auch sie hatten Angst... und das Ergebnis war, daß sie einen gewaltigen Fehler machten.
War es vielleicht möglich, daß die Alte sie fortgejagt hatte? Er schwelgte genüßlich in diesem Gedanken, mußte sich letztlich aber eingestehen, daß er nicht daran glaubte. Nein, sie kamen aus freien Stücken. Sie kamen, in ihre eigene Rechtschaffenheit gehüllt wie eine Gruppe von Missionaren, die sich einem Kannibalendorf nähert.