»Er liest ein Buch«, sagte Ralph.
»Er besucht seine Freunde«, sagte Stu.
»Er beschäftigt sich mit seiner Stereo-Anlage«, sagte Larry und grinste.
»Genau. Irgend etwas in dieser Richtung«, sagte Glen. »Aber er wird auch sein Fernsehgerät vermissen. Wo das Fernsehgerät früher war, ist jetzt ein Loch in seinem Leben. Immer noch denkt er: Um neun Uhr trinke ich ein paar Flaschen Bier und sehe mir in der Glotze die Boston Red Sox an. Und wenn er dann das leere Gehäuse sieht, ist er fürchterlich enttäuscht. Ein Teil des Lebens, wie er es gewohnt war, ist verschwunden. Ist es nicht so?«
»Stimmt schon«, sagte Ralph. »Als unser Fernsehgerät mal zwei Wochen lang kaputt war, hatte ich keine Ruhe, bis es wiederkam.«
»Wenn er viel ferngesehen hat, reißt es natürlich ein größeres Loch«, sagte Glen. »Ein kleineres, wenn er das Gerät wenig benutzt hat. Aber etwas fehlt. Jetzt nehmt ihm auch noch seine Bücher, seine Freunde und seine Stereo-Anlage. Und nehmt ihm sein Essen weg. Er soll nur essen, was er am Wege findet. Das ist ein Prozess der Ausleerung und der Verkleinerung des Ego. Euer Selbst, Gentlemen - es verwandelt sich in Fensterglas. Oder besser noch, in leere Gläser. «
»Aber was hat das alles zu bedeuten?« fragte Ralph. »Was soll das ganze Geschwätz?«
»Wenn du deine Bibel gelesen hast«, sagte Glen, »dann wirst du wissen, daß es für die Propheten Tradition war, von Zeit zu Zeit in die Wildnis zu gehen - die Magical Mystery Tour des Alten Testaments. Die Zeitspanne für solche Vergnügungsreisen wird gewöhnlich mit vierzig Tagen und vierzig Nächten angegeben. Damit meinten die Hebräer: >Kein Mensch weiß, wie lange er weg war, aber es muß sehr lange gewesen sein.< Erinnert dich das an jemanden?«
»Ja, an Mutter«, sagte Ralph.
»Jetzt stell dir mal vor, du wärst eine Batterie. Du bist nämlich in Wirklichkeit eine. Dein Gehirn funktioniert auf der Basis chemisch umgewandelter elektrischer Ströme. Übrigens funktionieren deine Muskeln ähnlich - eine Acetylcholin genannte Chemikalie läßt diese winzigen elektrischen Aufladungen frei, wenn du dich bewegen mußt, und wenn du die Bewegung steuern willst, wird eine weitere Chemikalie hergestellt, die sogenannte Cholinesterase. Sie zerstört das Acetylcholin, und deine Nerven leiten dann nicht mehr richtig. Das ist auch gut so, denn sonst würdest du dir einmal die Nase reiben und könntest nie mehr damit aufhören. Okay, es geht darum: Alles, was du denkst, und alles, was du tust, wird von deiner Batterie gespeist. Wie das Zubehör in einem Auto.«
Alle hörten aufmerksam zu.
»Ob man fernsieht, Bücher liest, sich mit Freunden unterhält oder ein gutes Essen zu sich nimmt... alles geht von dieser Batterie aus. Ein normales Leben - wenigstens in dem, was früher die westliche Zivilisation war - glich der Fahrt in einem Wagen mit elektrisch verstellbaren Fenstern und Sitzen, mit Servobremsen und Servolenkung und wie alle diese schönen Dinge heißen. Aber je mehr von diesen schönen Dingen man hat, um so weniger kann die Batterie aufladen. Stimmt's?«
»Ja«, sagte Ralph. »Selbst eine große Delco-Batterie wird nie überladen, wenn sie in einem Cadillac steckt.«
»Okay. Wir haben uns also sozusagen des Zubehörs entledigt, um unsere Batterien zu entlasten. Jetzt werden wir wieder aufgeladen.«
»Wenn man eine Autobatterie zu lange auflädt«, sagte Ralph besorgt, »kann sie explodieren.«
»Ja«, stimmte Glen zu. »Und so ist es auch bei den Menschen. Man wirft die Dinge ab, bis nichts mehr da ist. Die Bibel berichtet uns von Jesaja und Hiob und den anderen, aber sie sagt nicht, wie viele Propheten geistesgestört aus der Wildnis zurückgekehrt sind, weil sie Visionen hatten. Es muß einige gegeben haben. Aber ich habe einen gesunden Respekt vor menschlicher Intelligenz und der menschlichen Psyche, wenn es auch gelegentlich geistig Zurückgebliebene gibt wie diesen Ost-Texaner hier...«
»Laß mich aus dem Spiel, Platte«, knurrte Stu.
»Wie dem auch sei, die Kapazität des menschlichen Verstands ist weitaus größer als die der größten Delco-Batterie. Er läßt sich fast unendlich stark aufladen. In einigen Fällen vielleicht noch darüber hinaus.«
Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her und dachten darüber nach.
»Verändern wir uns?« fragte Stu leise.
»Ja«, antwortete Glen. »Ja, ich glaube schon.«
»Wir haben Gewicht verloren«, sagte Ralph. »Das sehe ich schon, wenn ich euch nur anschaue. Und ich, ich hatte früher einen gewaltigen Bierbauch. Jetzt kann ich wieder meine Zehen sehen. Ja, ich sehe fast den ganzen Fuß.«
»Es hat mit der Geistesverfassung zu tun«, sagte Larry plötzlich und wirkte für einen Augenblick ein wenig verlegen, aber er fuhr fort: »Ich habe dieses Gefühl schon seit einer Woche, ich habe es nur nicht verstanden. Vielleicht verstehe ich es jetzt besser. Es ist, als hätte ich einen Joint mit superstarkem Shit geraucht oder als hätte ich Kokain geschnupft. Ich fühle mich high. Aber ich habe nicht dieses Gefühl der Desorientierung, das man bei Rauschgift hat. Wenn man Stoff nimmt, hat man das Gefühl, daß man nicht mehr normal denken kann, aber jetzt kann ich besser denken als je zuvor. Aber ich fühle mich noch immer high.« Larry lachte. »Vielleicht liegt es auch nur am Hunger.«
»Der Hunger gehört dazu«, sagte Glen. »Aber er ist es nicht allein.«
»Ich habe immer Hunger«, sagte Ralph, »aber das scheint nicht mehr so wichtig zu sein. Ich fühle mich gut.«
»Ich auch«, sagte Stu. »Körperlich habe ich mich schon seit Jahren nicht mehr so gut gefühlt.«
»Wenn man das Gefäß ausleert, wird man gleichzeitig die ganze Scheiße los, die darin herumschwimmt«, sagte Glen. »Die Zusätze.
Die Verunreinigungen. Dann fühlt man sich natürlich gut. Es ist ein Klistier für den ganzen Körper und für den ganzen Geist.«
»Du hast so eine ausgefallene Art, die Dinge auszudrücken, Glatzkopf.«
»Es mag nicht elegant sein, aber es stimmt.«
»Wird es uns bei ihm helfen?« wollte Ralph wissen.
»Nun«, sagte Glen. »Dafür ist es gedacht. Daran zweifle ich kaum. Aber das werden wir wohl abwarten müssen.«
Sie gingen schweigend weiter. Kojak kam aus den Sträuchern seitlich der Straße und trottete eine Weile neben ihnen her; seine Krallen klickten auf dem Asphalt der US 70. Larry beugte sich vor und kraulte das Fell des Hundes. »Guter alter Kojak«, sagte er.
»Hast du gewußt, daß du eine Batterie bist? Nichts weiter als eine große alte Delco-Batterie mit lebenslanger Garantie?«
Kojak schien es weder zu wissen, noch schien es ihn zu interessieren, aber er wedelte mit dem Schwanz, um zu zeigen, dass er auf Larrys Seite war.
Sie schlugen ihr Nachtlager etwa fünfzehn Meilen westlich von Sego auf, und als sollte ihnen das, worüber sie sich am Nachmittag unterhalten hatten, in Erinnerung gerufen werden, stellten sie fest, daß ihnen die Essensvorräte ausgegangen waren - zum ersten Mal, seit sie Boulder verlassen hatten. Glen goß den letzten Rest des Instantkaffees auf, und sie tranken ihn aus einem Becher, den sie von Hand zu Hand reichten. Auf den letzten zehn Meilen hatten sie nicht einen einzigen Wagen gesehen.
Am nächsten Morgen, dem Zweiundzwanzigsten, stießen sie auf einen umgestürzten Ford-Kombi, in dem sich vier Leichen befanden, darunter zwei kleine Kinder. Im Wagen fanden sie zwei Schachteln Cracker in Tierform und eine Familienpackung schaler, halb verdorbener Kartoffelchips. Die Cracker waren in appetitlicherem Zustand. Sie teilten sie in fünf gleiche Portionen auf.
»Schling sie nicht so runter, Kojak«, mahnte Glen. »Böser Hund! Wo bleiben deine guten Manieren? Und falls du überhaupt keine Manieren hast - wie ich jetzt aus deinem Verhalten schließe -, wo bleibt dein savoir-faire?«