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»Mehr als drei oder vier wirken wahrscheinlich tödlich.« Er sah Stu fest an. »Hast du kapiert, Ost-Texaner?«

»Ich weiß, was du meinst«, sagte Stu.

»Wovon redest du?« schrie Larry mit schriller Stimme. »Was, zum Teufel, willst du damit andeuten?«

»Weißt du das nicht?« fragte Ralph, und in seinem Tonfall lag so viel Verachtung, daß Larry eine Weile schwieg. Dann stand ihm plötzlich alles wieder vor Augen, mit alptraumhafter Geschwindigkeit, wie man von einem rasenden Karussell aus die Gesichter von Fremden vorüberziehen sieht: Tabletten, aufputschende und beruhigende. Rita, die tot und steif in ihrem Schlafsack liegt und aus deren Mund grünes Erbrochenes quillt, wie ein widerlicher Party-Scherz.

»Nein!« schrie er und versuchte, Stu die Flasche zu entreißen. Ralph packte ihn an der Schulter, und Larry wehrte sich.

»Laß ihn los«, sagte Stu. »Ich will mit ihm reden.« Ralph hielt ihn immer noch fest und sah Stu unsicher an. »Komm, laß ihn schon los.«

Ralph gehorchte, war aber bereit, sofort wieder zuzupacken.

»Komm her, Larry«, sagte Stu. »Setz dich mal hin.«

Larry ging zu ihm hinüber und hockte sich neben ihn. Er sah Stu kläglich an. »Das ist doch nicht richtig, Mann. Wenn jemand stürzt und sich das Bein bricht, dann... kann man doch nicht einfach weggehen und ihn sterben lassen. Weißt du das denn nicht? He, Mann...« Er berührte Stus Gesicht. »Bitte, denk doch mal nach.«

Stu nahm Larrys Hand und hielt sie fest. »Hältst du mich für verrückt?«

»Nein! Nein, aber...«

»Und findest du nicht auch, daß Leute, die bei Verstand sind, selbst entscheiden sollten, was sie tun wollen?«

»Oh, Mann«, sagte Larry und fing an zu weinen.

»Larry, du bist nicht betroffen. Ich will, daß du mit den anderen weitergehst. Wenn du je wieder aus Vegas zurückkommst, dann komm hier vorbei. Vielleicht schickt Gott mir einen Raben, der mich füttert. Das weiß man nicht. Ich habe mal in der Sonntagsbeilage gelesen, daß ein Mensch siebzig Tage lang ohne Nahrung auskommen kann, wenn er nur Wasser hat.«

»Schon lange vorher wird es hier Winter. Dann wirst du in drei Tagen an Unterkühlung gestorben sein, selbst wenn du nicht diese Pillen nimmst.«

»Das ist nicht deine Sache. Du hast damit nichts zu tun.«

»Schick mich nicht weg, Stu.«

»Ich schicke dich weg«, sagte Stu energisch.

»Was für eine Scheiße«, sagte Larry und stand auf. »Was wird Fran zu uns sagen, wenn sie erfährt, daß wir dich hier für die Ratten und die Bussarde liegengelassen haben?«

»Sie wird überhaupt nichts sagen, wenn du nicht nach drüben gehst und ihm die Fresse polierst. Auch Lucy nicht. Oder Dick Ellis. Oder Brad. Oder sonst jemand.«

»Okay«, sagte Larry. »Wir werden gehen. Aber erst morgen. Heute nacht werden wir hier unser Lager aufschlagen, und vielleicht haben wir einen Traum... irgend etwas...«

»Keine Träume«, sagte Stu leise. »Keine Zeichen. So funktioniert es nicht. Ihr würdet eine Nacht lang bleiben, und es passiert nichts, und dann würdet ihr noch eine Nacht bleiben wollen, dann noch eine... ihr müßt sofort weiter.«

Mit gesenktem Kopf ging Larry zur Seite und drehte den anderen den Rücken zu. »Okay«, sagte er schließlich, und er sprach so leise, daß seine Worte kaum zu verstehen waren. »Wir tun, was du sagst. Gott möge unseren Seelen gnädig sein.«

Ralph kam und kniete sich neben Stu. »Können wir dir irg end etwas mitbringen, Stu?«

Stu lächelte. »Ja. Alles, was Göre Vidal jemals geschrieben hat - die Bücher über Lincoln und Aaron Burr und diese Burschen. Die Schinken wollte ich schon immer lesen, und es sieht so aus, als hätte ich jetzt die Zeit dazu.«

Ralph lächelte verkniffen. »Tut mir leid, Stu. Da hab' ich wohl ein bißchen zuviel versprochen.«

Stu drückte ihm den Arm, und Ralph ging davon. Glen kam zu ihm. Auch er hatte geweint, und als er sich neben Stu setzte, kamen ihm schon wieder die Tränen.

»Hör auf zu heulen, Baby«, sagte Stu. »Mir wird schon nichts passieren.«

»Larry hat recht. Es ist nicht gut, was wir hier machen. Das kann man höchstens einem Pferd antun, das sich ein Bein gebrochen hat.«

»Du weißt, daß es anders nicht geht.«

»Ich glaube schon, aber wer weiß es wirklich? Wie fühlt sich das Bein an?«

»Im Moment habe ich keine Schmerzen.«

»Okay, du hast die Pillen.« Glen wischte sich mit dem Arm über die Augen. »Leb wohl, Ost-Texaner. Es war verdammt gut, dich zu kennen.«

Stu wandte sich ab. »Sag nicht Leb wohl, Glen. Sag bis bald. Du wirst wahrscheinlich diesen verdammten Hang nur halb raufkommen und wieder runterfallen. Dann können wir hier den ganzen Winter Karten spielen.«

»Bis bald trifft's wohl nicht«, sagte Glen. »Hast du nicht auch das Gefühl?«

Und weil er es hatte, wandte Stu Glen wieder sein Gesicht zu. »Ja, das habe ich«, sagte er, und dann lächelte er. »Aber wir fürchten uns nicht vor dem Bösen, stimmt's?«

»Stimmt«, sagte Glen. Seine Stimme war jetzt ein heiseres Flüstern.

»Zieh den Stöpsel raus, wenn es sein muß, Smart. Quäl dich nicht lange herum.«

»Nein.«

»Also dann... leb wohl.«

»Leb wohl, Glen.«

Die drei versammelten sich am Westhang, und nach einem letzten Blick zurück stieg Glen als erster nach oben. Mit wachsender Besorgnis beobachtete Stu seinen Aufstieg. Glen bewegte sich lässig, fast sorglos, und achtete kaum darauf, wohin er trat. Zweimal bröckelte der Boden unter ihm weg. Beide Male griff er nach irgendeinem Halt, und beide Male hatte er Glück. Als er die obere Kante erreicht hatte, stieß Stu einen hörbaren Seufzer der Erleichterung aus.

Ralph stieg als nächster hoch, und als er oben angekommen war, rief Stu Larry ein letztes Mal zu sich heran. Er schaute Larry ins Gesicht und überlegte, daß es eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Gesicht des verblichenen Harold Lauder hatte - bemerkenswert ruhig, mit aufmerksamen und ein wenig mißtrauischen Augen. Ein Gesicht, das nichts verriet, es sei denn, es wollte etwas verraten.

»Du hast jetzt das Kommando«, sagte Stu. »Kommst du damit zurecht?«

»Ich weiß nicht, aber ich will es versuchen.«

»Du wirst schon die richtigen Entscheidungen treffen.«

»Glaubst du? Sieht so aus, als wäre meine erste Entscheidung abgewiesen worden.« Jetzt spiegelte sich in seinen Augen eine Regung: Vorwurf.

»Ja, aber bei diesem einen Mal wird es bleiben. Hör zu - seine Leute werden euch erwischen.«

»Ja. Das werden sie wahrscheinlich. Entweder werden sie uns erwischen oder aus irgendeinem Hinterhalt wie Hunde abknallen.«

»Ich glaube eher, daß sie euch greifen und zu ihm bringen werden. Ich denke, das wird schon in den nächsten Tagen geschehen. Wenn du Vegas erreichst, halte die Augen offen. Warte. Es wird kommen.«

»Was wird kommen? Was, Stu?«

»Ich weiß nicht. Das, weswegen man uns hergeschickt hat. Was immer es sein mag. Halte dich bereit. Damit du es vorher weißt.«

»Wir werden zu dir zurückkommen. Wenn wir es nur irgend schaffen. Das weißt du.«

»Ja, okay.«

Rasch stieg Larry den Hang hinauf, wo die anderen schon auf ihn warteten. Sie blieben noch einen Augenblick stehen und winkten hinunter. Auch Stu hob grüßend die Hand. Dann gingen sie. Und keiner von ihnen sollte Stu Redman je wiedersehen.

73

Die drei Männer kampierten sechzehn Meilen westlich von der Stelle, wo sie Stu zurückgelassen hatten. Sie hatten wieder eine Auswaschung erreicht, aber hier war der Schaden geringer. Sie hatten nur deshalb so wenige Meilen zurückgelegt, weil sie ein wenig den Mut verloren hatten. Und es war schwer zu sagen, ob sie ihn jemals wiedererlangen würden. Die Füße schienen ihnen schwerer geworden zu sein. Sie sprachen kaum miteinander. Und keiner wollte dem anderen ins Gesicht sehen - aus Angst, die eigene Schuld darin widergespiegelt zu sehen.