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Nick sah sie fragend an.

»Sie haben ihm gesagt, daß sie die Gefangenen erst um neun Uhr morgen früh abholen können. Zwanzig oder mehr Beamte sind wegen Krankheit ausgefallen. Und eine Menge Beamte, die Dienst tun, müssen Leute zum Krankenhaus nach Camden oder sogar bis nach Pine Bluff fahren. Überall diese Krankheit. Ich glaube, Am Soames macht sich mehr Sorgen, als er zugibt.«

Sie sah selbst besorgt aus. Dann nahm sie die beiden zusammengefalteten Blätter aus der Brusttasche.

»Das ist wirklich eine tolle Geschichte«, sagte sie leise und gab ihm die Blätter zurück. »Sie haben soviel Pech gehabt wie kaum einer, von dem ich je gehört hätte. Aber wie Sie mit Ihren Schwierigkeiten fertig geworden sind, ist bewundernswert. Und ich muß mich noch einmal für meinen Bruder entschuldigen.«

Nick war verlegen und konnte nur die Achseln zucken.

»Hoffentlich bleiben Sie in Shoyo«, sagte sie und stand auf. »Mein Mann mag Sie, und ich mag Sie auch. Hüten Sie sich nur vor diesen Männern da drin.«

»Das werde ich tun«, schrieb Nick. »Sagen Sie dem Sheriff, ich wünsche ihm gute Besserung.«

»Das werde ich gerne ausrichten.«

Danach ging sie, und Nick verbrachte eine unruhige Nacht mit Schlafpausens weil er ab und zu aufstand und nach den drei Inhaftierten sah. Desperados waren sie wahrhaftig nicht; um zehn Uhr schliefen sie alle. Zwei Leute aus der Stadt kamen und vergewisserten sich, daß Nick zurecht kam, und Nick stellte fest, dass beide erkältet zu sein schienen.

Er hatte seltsame Träume, aber beim Aufwachen konnte er sich nur noch daran erinnern, daß er durch endlose Reihen von grünem Mais gewandert zu sein schien, nach etwas gesucht hatte und vor etwas anderem schreckliche Angst empfand, das hinter ihm zu sein schien.

Heute morgen war er früh auf den Beinen und fegte gründlich den hinteren Teil des Gefängnisses, ohne auf Billy Warner und Mike Childress zu achten. Beim Hinausgehen rief Billy ihm nach: »Ray kommt zurück, und wenn der dich erwischt, wirst du dir wünschen, du wärst nicht nur taub und stumm, sondern auch noch blind

Nick, der ihm den Rücken zugekehrt hatte, bekam fast nichts davon mit.

Im Büro nahm er eine alte Ausgabe des Time-Magazins und fing an zu lesen. Er überlegte, ob er die Füße auf den Tisch legen sollte, entschied aber, daß das ein todsicherer Weg war, Ärger zu bekommen, sollte der Sheriff reinschauen.

Um acht Uhr wurde er langsam beunruhigt, ob Sheriff Baker in der Nacht einen Rückfall gehabt haben mochte. Nick war davon ausgegangen, daß Baker mittlerweile hier sein würde, damit er die drei Häftlinge in seinem Gefängnis dem County übergeben konnte, wenn die State Patrol kam, um sie zu holen. Zudem knurrte Nicks Magen bedrohlich. Niemand war vom Truck Stop an der Straße vorbeigekommen, und er sah das Telefon mehr verdrossen als sehnsüchtig an. Er war ein großer Science-fiction-Fan, und von Zeit zu Zeit kaufte er für ein paar Münzen alte, zerlesene Taschenbücher in Wühlkisten, und jetzt dachte er, nicht zum ersten Mal, daß es ein großartiger Tag für die Taubstummen dieser Welt sein würde, wenn es die Bildtelefone, die in Science-fiction-Romanen immer benutzt wurden, wirklich einmal geben sollte.

Um Viertel vor neun fühlte er sich ziemlich unwohl in seiner Haut. Er ging zur Tür zum Zellentrakt und sah hinein.

Billy und Mike standen an den Zellentüren. Beide traten mit den Schuhen gegen die Gitterstäbe... was nur beweist, daß Menschen, die nicht sprechen können, nur einen kleinen Teil der Behinderten der Welt ausmachen. Vince Hogan lag auf der Pritsche. Er drehte nur den Kopf und sah Nick an, als dieser zur Tür kam. Hogans Gesicht war blaß, abgesehen von hektischen Flecken auf den Wangen, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Nick sah den apathischen, fiebrigen Blick des Mannes und wußte, er war krank. Sein Unbehagen wuchs.

»He, Dödel, wie war's mit was zu futtern?« rief Mike ihm zu. »Und der olle Vince sieht aus, als könnte er einen Arzt vertragen. Das Verpfeifen scheint ihm nicht zu bekommen, was, Bill?«

Bill wollte nicht streiten. »Tut mir leid, daß ich dich angeschrien habe, Mann. Vince ist echt krank. Er braucht einen Arzt.«

Nick ging hinaus und versuchte zu überlegen, was er jetzt machen sollte. Er ging zum Schreibtisch und schrieb auf den Block: »Sheriff Baker oder wer das liest: Ich bin weggegangen und versuche, den Gefangenen Frühstück zu holen und Dr. Soames zu finden - für Vincent Hogan. Er scheint wirklich krank zu sein und sich nicht nur zu verstellen. Nick Andros.«

Er riß das Blatt vom Block und ließ es mitten auf dem Schreibtisch liegen. Dann steckte er den Block in die Tasche und ging auf die Straße hinaus.

Als erstes fiel ihm die stille Hitze des Tages und der Geruch von Grün auf. Am Nachmittag würde es sengend sein. Es war ein Tag, an dem die Menschen ihre tagtäglichen Arbeiten gerne in aller Herrgottsfrühe erledigen, damit sie den Nachmittag so ruhig wie möglich verbringen konnten, aber Nick kam die Hauptstraße von Shoyo an diesem Vormittag seltsam menschenleer vor, mehr wie an einem Sonntag als einem Werktag.

Die meisten der schrägen Parkplätze vor den Geschäften waren leer. Ein paar Autos und Lieferwagen waren unterwegs, aber nicht viele. Der Eisenwarenladen schien geöffnet zu haben, aber die Rollos der Kreditbank waren noch heruntergelassen, obwohl es schon neun war.

Nick wandte sich nach rechts, Richtung Truck Stop, der fünf Blocks entfernt war. Er war gerade an der Ecke des dritten Blocks, als er das Auto von Dr. Soames langsam auf der Straße auf sich zukommen sah - es schlingerte ein wenig von einer Seite auf die andere, als wäre der Fahrer erschöpft. Nick winkte ungestüm, nicht sicher, ob Soames halten würde, aber Soames kam an den Straßenrand gefahren und belegte gleichgültig vier der schrägen Parkplätze. Er stieg nicht aus, sondern blieb einfach hinter dem Steuer sitzen. Es erschreckte Nick, wie der Mann aussah. Seit er ihn das letzte Mal beim lockeren Geplänkel mit dem Sheriff gesehen hatte, schien Soames um zwanzig Jahre gealtert zu sein. Teilweise lag es wohl an der Erschöpfung, aber Erschöpfung konnte nicht der einzige Grund sein - das war selbst Nick klar. Als wollte er Nicks Gedanken bestätigen, holte der Doktor ein zerknittertes Taschentuch aus der Tasche, wie ein alter Zauberer, der einen einfachen Trick abzieht, welcher ihn eigentlich gar nicht mehr interessiert, und nieste mehrmals hinein. Als er fertig war, lehnte er den Kopf gegen den Autositz und atmete schwer mit geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund. Seine Haut wirkte so durchscheinend und gelblich, daß er Nick an eine Leiche erinnerte.

Plötzlich schlug Soames die Augen auf und sagte: »Sheriff Baker ist tot. Wenn du mich deswegen angehalten hast, dann weißt du jetzt Bescheid. Er ist heute morgen kurz nach zwei Uhr gestorben. Und jetzt hat es Janey gepackt. «

Nick riß die Augen auf. Sheriff Baker tot? Aber seine Frau war gestern abend noch da gewesen und hatte gesagt, daß es ihm besser ging. Und sie... sie war gesund gewesen. Nein, es war unmöglich.

»Ja, tot«, sagte Soames, als hätte Nick seine Gedanken laut ausgesprochen. »Und er ist nicht der einzige. Ich habe in den vergangenen zwölf Stunden zwölf Totenscheine ausgestellt. Und ich kenne noch zwanzig, die am Nachmittag tot sein werden, wenn Gott ihnen nicht gnädig ist. Aber ich bezweifle, ob das Gottes Werk ist. Ich glaube eher, er hält sich bei dieser Geschichte ziemlich raus.«

Nick zog den Block aus der Tasche und schrieb: »Was ist mit ihnen los?«