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»Ich weiß nicht«, sagte Soames, knüllte den Zettel langsam zusammen und warf ihn in den Rinnstein. »Aber jeder in der Stadt scheint sich angesteckt zu haben, und ich habe mehr Angst als jemals in meinem Leben. Mich selbst hat's auch erwischt, obwohl mir momentan mehr die Erschöpfung zu schaffen macht. Ich bin kein junger Mann mehr. Weißt du, ich kann nicht mehr so lange schuften, ohne den Preis dafür zu bezahlen.« Seine Stimme hatte einen müden, ängstlichen und resignierten Tonfall angenommen, den Nick glücklicherweise nicht hören konnte. »Aber es hilft nichts, wenn ich mich selbst bedaure.«

Nick, der nicht mitbekommen hatte, daß Soames sich selbst bemitleidete, konnte ihn nur verwirrt ansehen.

Soames stieg aus dem Wagen und stützte sich einen Moment auf Nicks Arm ab. Der Griff seiner Hand war wie der eines alten Mannes, schlaff und ein wenig zittrig. »Komm mit zu der Bank da, Nick. Mit dir kann man gut reden. Ich schätze, das hat man dir schon oft gesagt.«

Nick deutete zum Gefängnis.

»Die können da nicht raus«, sagte Soames, »und wenn es sie auch erwischt hat, stehen sie im Moment ganz unten auf meiner Liste.«

Sie setzten sich auf die Bank, die hellgrün gestrichen war und Werbung für eine hiesige Versicherung auf der Lehne trug. Soames wandte das Gesicht dankbar der wärmenden Sonne zu.

»Schüttelfrost und Fieber«, sagte er. »Seit gestern abend zehn Uhr. Zuletzt nur noch Schüttelfrost. Gott sei Dank kein Durchfall.«

»Sie sollten sich ins Bett legen«, schrieb Nick.

»Sollte ich. Werde ich. Ich will nur vorher ein paar Minuten ausruhen...« Seine Augen fielen zu, und Nick dachte, er wäre eingeschlafen. Er fragte sich, ob er zum Truck Stop gehen und Billy und Mike Frühstück holen sollte.

Dann begann Dr. Soames wieder zu reden, ohne die Augen aufzumachen. Nick beobachtete aufmerksam seine Lippen. »Die Symptome sind alle bekannt«, sagte Soames und fing an, sie an den Fingern aufzuzählen, bis er alle zehn von sich gestreckt hatte, wie einen Fächer. »Schüttelfrost. Fieber. Kopfschmerzen. Schwäche und allgemeines Unwohlsein. Appetitlosigkeit.

Schmerzen beim Wasserlassen. Drüsenschwellung von unbedeutend bis akut. Schwellungen unter den Achseln und am Unterleib. Atemschwäche und Atemnot.«

Er sah Nick an.

»Das sind die Symptome der gewöhnlichen Erkältung, der Influenza, der Grippe. Das alles können wir heilen, Nick. Es sei denn, der Patient ist sehr jung, sehr alt oder bereits durch eine vorhergehende Krankheit geschwächt. Normalerweise werden Antibiotika schnell damit fertig. Aber damit nicht. Der Patient bekommt es schnell oder langsam. Das scheint keine Rolle zu spielen. Nichts hilft. Dann eskaliert das Ganze, flaut ab, eskaliert wieder; die Entkräftung nimmt zu; die Schwellungen werden schlimmer; zuletzt Tod. Jemand hat einen Fehler gemacht.

Und man versucht es zu vertuschen.«

Nick sah ihn zweifelnd an, fragte sich, ob er richtig von den Lippen des Doktors gelesen hatte oder ob Soames irre redete.

»Hört sich ziemlich verrückt an, was?« fragte Soames und sah Nick belustigt an. »Ich hatte einmal Angst vor der Paranoia der jüngeren Generation, hast du das gewußt? Sie glaubten immer, jemand würde ihr Telefon abhören ... sie bespitzeln... sie vom Computer überprüfen lassen... und jetzt muß ich feststellen, daß sie recht hatten und ich unrecht. Das Leben ist schön, Nick, aber ich habe feststellen müssen, daß das Alter einen unangemessen hohen Tribut von den ach so hoch geschätzten Vorurteilen fordert.«

»Was meinen Sie damit?« schrieb Nick.

»Kein Telefon in Shoyo funktioniert«, sagte Soames. Nick hatte keine Ahnung, ob das die Antwort auf seine Frage war (Soames hatte seinen letzten Zettel nur ganz flüchtig angesehen), oder ob sich der Arzt einem neuen Thema zugewandt hatte - er vermutete, dass das Fieber für Soames' sprunghafte Gedanken verantwortlich war.

Der Arzt betrachtete Nicks verwirrtes Gesicht und schien zu denken, daß der Taubstumme ihm nicht glaubte. »Stimmt«, sagte er. »Wenn man versucht, eine Nummer zu wählen, die nicht zum Netz dieser Stadt gehört, bekommt man eine Bandansage. Außerdem sind die beiden Aus- und Zufahrten von und nach Shoyo auf der Autobahn gesperrt, auf den Schildern steht STRASSENARBEITEN. Aber da sind keine Straßenarbeiten. Nur die Absperrungen. Ich war draußen. Ich glaube, man könnte die Absperrungen einfach wegräumen, aber wozu? Der Verkehr auf der Schnellstraße schien heute vormittag ziemlich schwach zu sein. Hauptsächlich Fahrzeuge der Armee, Laster und Jeeps.«

»Was ist mit den anderen Straßen?« schrieb Nick.

»Route 63 ist am Ostrand der Stadt aufgerissen worden, weil ein Wasserrohr ausgewechselt werden muß«, sagte Soames. »Am Westrand der Stadt scheint es einen bösen Autounfall gegeben zu haben. Zwei Wagen quer über der Straße; sie ist vollkommen blockiert. Es sind Warnleuchten aufgestellt, aber keine Spur von State Troopers oder Abschleppfahrzeugen.«

Er verstummte, nahm das Taschentuch und schneuzte sich.

»Die Männer, die am Wasserrohr arbeiten, lassen sich reichlich Zeit, meint Joe Rackman, der da draußen wohnt. Ich war vor etwa zwei Stunden bei den Rackmans und habe mir ihren kleinen Jungen angesehen, der wirklich ziemlich krank ist. Joe glaubt, die Männer an der Baustelle sind in Wirklichkeit Soldaten, obwohl sie wie städtische Straßenarbeiter gekleidet sind und einen Wagen des Bundesstaats fahren.«

Nick schrieb: »Woher weiß er das?«

Soames stand auf und sagte: »Bauarbeiter salutieren normalerweise nicht voreinander.«

Nick stand auch auf.

»Nebenstraßen?« kritzelte er.

»Möglich.« Soames nickte. »Aber ich bin Arzt, kein Held. Joe hat gesagt, er hat Gewehre auf dem Lastwagen gesehen.

Armeekarabiner. Wenn man versucht, Shoyo über Nebenstraßen zu verlassen und wird gesehen, wer weiß? Und was findet man außerhalb von Shoyo? Ich wiederhole: Jemand hat einen Fehler gemacht. Und jetzt versuchen sie, es zu vertuschen. Wahnsinn. Wahnsinn. Natürlich kommt so etwas ans Licht, es wird nicht mehr lange dauern. Aber wie viele werden bis dahin sterben?«

Der verängstigte Nick sah nur Dr. Soames an, der wieder zum Auto ging und langsam einstieg.

»Und du, Nick«, sagte Soames und sah ihn aus dem Fenster heraus an. »Wie geht es dir? Erkältet? Niesen? Husten?«

Nick schüttelte jedesmal den Kopf.

»Versuchst du, die Stadt zu verlassen? Wenn du über die Felder gehst, könntest du es vielleicht schaffen.«

Nick schüttelte den Kopf und schrieb: »Die Männer sind eingesperrt. Ich kann sie nicht einfach im Stich lassen. Vincent Hogan ist krank, aber den beiden anderen scheint es gutzugehen. Ich besorge ihnen Frühstück und sehe nach Mrs. Baker.«

»Du bist ein umsichtiger Junge«, sagte Soames. »Das ist selten. Ein Junge in diesen abgehalfterten Zeiten, der Verantwortung zeigt, ist noch seltener. Das wird ihr gefallen, Nick, ich weiß es. Mr. Braceman, der Methodistenpfarrer, hat auch gesagt, daß er sie besuchen möchte. Ich fürchte, bis dieser Tag vorbei ist, wird er noch viele Besuche machen müssen. Du bist doch vorsichtig mit den drei Eingesperrten, ja?«

Nick nickte ernst.

»Gut. Ich will versuchen, heute nachmittag vorbeizuschauen und nach dir zu sehen.« Er legte den Gang ein und fuhr müde, eingesunken und mit blutunterlaufenen Augen davon. Nick sah ihm mit besorgtem Gesicht nach, dann ging er weiter in Richtung Truck Stop. Es war offen, aber einer der beiden Köche war nicht da, und drei von vier Kellnerinnen waren nicht zur Schicht von sieben bis drei erschienen. Nick mußte lange warten, bis er seine Bestellung bekam. Als er wieder ins Gefängnis kam, sahen Billy und Mike ausgesprochen ängstlich drein. Vince Hogan war im Delirium, um sechs Uhr an diesem Abend war er tot.

19

Larry war so lange nicht mehr am Times Square gewesen, daß er erwartet hatte, alles würde irgendwie anders aussehen, verzaubert. Die Dinge würden kleiner und trotzdem da sein, und er würde keine Angst mehr vor der üppigen, übelriechenden und manchmal gefährlichen Vitalität des Ortes haben, wie er sie als Kind empfunden hatte, wenn er mit Buddy Marx oder allein hingegangen war, um sich für 99 Cents zwei Filme anzusehen oder den glitzernden Tand in den Schaufenstern der Geschäfte und Arkaden und Billardhallen zu betrachten.