Aber alles sah wie damals aus - zu sehr wie damals sogar, denn einiges hatte sich tatsächlich verändert. Wenn man die Treppe von der U-Bahn heraufkam, war der Zeitungskiosk gleich an der Ecke nicht mehr da. Einen halben Block weiter, wo früher eine Spielhalle mit blitzenden Lichtern und Glocken und gefährlich aussehenden jungen Männern gewesen war, die ihre Zigaretten in den Mundwinkeln hängen ließen, während sie Desert Isle oder Space Race spielten, war jetzt ein Orange Julius, vor dem eine Horde junger Schwarzer standen, die sanft die Unterleiber bewegten, als würde irgendwo unablässig Jive gespielt, Jive, den nur schwarze Ohren hören konnten. Und es gab mehr Massagesalons und Pornokinos.
Dennoch war alles noch fast wie früher, und das machte ihn traurig. Irgendwie verschlimmerte der einzige wirkliche Unterschied zu früher alles nur: Er kam sich hier jetzt wie ein Tourist vor. Aber vielleicht kamen sich sogar die einheimischen New Yorker auf dem Square wie Touristen vor, zwergenhaft, während sie nach oben sehen und die ständig wechselnden Leuchtreklamen lesen wollten. Er konnte es nicht sagen; er hatte vergessen, was für ein Gefühl es war, ein Teil New Yorks zu sein. Und der Wunsch, es wieder zu lernen, war nicht sonderlich groß.
Seine Mutter war heute morgen nicht zur Arbeit gegangen. Sie hatte seit einigen Tagen mit einer Erkältung zu kämpfen und war am Morgen mit Fieber aufgewacht. Er hatte sie in dem schmalen, sicheren Bett in seinem alten Zimmer rumoren hören, sie hatte geniest und leise »Scheiße!« gemurmelt und das Frühstück vorbereitet. Das Fernsehgerät war eingeschaltet worden, dann kamen die Nachrichten im »Today«-Programm. Versuchter Staatsstreich in Indien. In Wyoming war ein Kraftwerk in die Luft geflogen. Vom Obersten Gericht erwartete man eine richtungsweisende Entscheidung im Zusammenhang mit den Rechten der Schwulen.
Als Larry in die Küche kam und sich das Hemd zuknöpfte, waren die Nachrichten vorbei, und Gene Shalitt interviewte einen Mann mit Glatze. Der Mann mit der Glatze zeigte eine Anzahl kleiner Glastiere, die er selbst hergestellt hatte. Glasblasen, sagte er, war seit vierzig Jahren sein Hobby, und sein Buch darüber würde bei Random House herauskommen. Dann nieste er. »Gesundheit«, sagte Gene Shalitt und kicherte.
»Spiegel- oder Rühreier?« fragte Alice Underwood. Sie trug einen Bademantel.
»Rühreier«, sagte Larry. Er wußte, daß es keinen Zweck hatte, gegen Eier zu protestieren. Nach Alices Ansicht war ein Frühstück ohne Eier (wenn sie bei Laune war, nannte sie sie »Gackerbeeren«) kein Frühstück. Sie hätten Proteine und hohen Nährwert. Ihre Vorstellungen von Nährwert waren vage, aber allumfassend. Sie hatte eine Liste von Lebensmitteln mit hohem Nährwert im Kopf, wie Larry wußte, aber auch eine mit Dingen, die abzulehnen waren - Bonbons, Mixed Pickles, Slim Jims, die Streifen rosa Kaugummi, die man zusammen mit Baseballkarten bekam und, weiß Gott, noch eine ganze Menge anderer.
Er setzte sich und sah zu, wie sie die Eier machte, sie in dieselbe schwarze Pfanne goß und mit demselben Schneebesen schlug, den sie schon benutzt hatte, als er noch in die erste Klasse der P.S. 162 gegangen war.
Sie zog ein Taschentuch aus der Tasche ihres Bademantels, hustete hinein, nieste hinein und murmelte undeutlich »Scheiße!«
»Machst du blau, Mom?«
»Ich habe mich krankgemeldet. Diese Erkältung will mich fertigmachen. Ich hasse es, mich am Freitag krank zu melden, das machen so viele, aber ich muß mich einfach hinlegen. Ich habe Fieber. Die Mandeln sind auch geschwollen. «
»Hast du den Arzt gerufen?«
»Als ich ein hübsches Mädchen war, haben die Ärzte noch Hausbesuche gemacht«, sagte sie. »Wenn man heute krank ist, muss man ins Krankenhaus zur Notaufnahme. Entweder das, oder ich verbringe den Tag damit, daß ich auf einen Quacksalber warte, der einen irgendwo empfängt, wo sie - haha - medizinische Sozialfürsorge haben. Stellen Sie sich hinten an, und warten Sie auf Ihre Notration! Dort geht es schlimmer zu als eine Woche vor Weihnachten bei der Heilsarmee. Ich bleib' zu Hause und nehm' Aspirin, und morgen habe ich es überstanden.«
Er blieb fast den ganzen Vormittag zu Hause und versuchte, ihr zu helfen. Er trug das Fernsehgerät an ihr Bett, wobei seine Oberarmmuskeln heroisch hervortraten (»Du hebst dir einen Bruch, nur damit ich >Let's Make a Deal< sehen kann«, schniefte sie), brachte ihr etwas zu trinken und eine alte Flasche Nyquil wegen ihrer Blähungen, und er lief nach unten zum Markt, um ihr ein paar Taschentücher zu kaufen.
Dann konnten sie nicht mehr viel tun, außer einander auf die Nerven zu gehen. Sie beschwerte sich darüber, wieviel schlechter der Fernsehempfang im Schlafzimmer war, und er verbiß sich einen giftigen Kommentar, von wegen ein schlechter Empfang sei immer noch besser als gar kein Empfang. Schließlich sagte er ihr, er wolle ausgehen und sich ein wenig die Stadt ansehen.
»Das ist eine gute Idee«, sagte sie sichtlich erleichtert, »ich werde etwas schlafen. Du bist ein guter Junge, Larry.«
Und so war er erleichtert und doch voller Schuldgefühle die schmale Treppe hinunter (der Fahrstuhl war immer noch defekt) und auf die Straße gegangen. Der Tag gehörte ihm, und er hatte immer noch zweihundert Dollar in bar.
Aber jetzt, am Times Square, war er nicht mehr so fröhlich. Er schlenderte ziellos umher; die Brieftasche hatte er schon lange in eine der vorderen Taschen gesteckt. Er blieb vor einem Schallplattenladen stehen und hörte gebannt seine eigene Stimme aus den angeschlagenen Lautsprechern über ihm. Die Mittelstrophe.
»I didn't come to ask you to stay all night
Or to find out if you've seen the light
I didn't come to make a fuss or pick a fight
I just want you to tell me if you can think you can
Baby, can you dig your man?
Dig him, baby - Baby, can you dig your man?«
Das bin ich, dachte er und sah mit leerem Blick die Alben an, aber heute deprimierte ihn der Klang. Schlimmer, er bekam Heimweh. Er wollte nicht hier unter diesem grauen Waschküchenhimmel sein, New Yorker Abgase riechen und mit einer Hand dauernd Taschenbillard mit der Brieftasche spielen, um sich zu vergewissern, daß sie noch da war. New York, dein Name ist Paranoia. Plötzlich wollte er in einem Aufnahmestudio an der Westküste sein, ein neues Album aufnehmen.
Larry beschleunigte seine Schritte und betrat eine Spielhalle. Glocken und Summer taten ihm in den Ohren weh, das verstärkte, durchdringende Knurren von Deathrace 2000 war zu hören, einschließlich der schauderhaften elektronischen Schreie sterbender Fußgänger. Hübsches Spiel, dachte Larry, und bald gibt es Dachau 2000. Das wird den Kids gefallen. Er ging zur Wechselkabine und wechselte einen Zehner in Vierteldollarmünzen. Neben dem Beef 'n Brew auf der anderen Straßenseite war ein Telefonkiosk, der geöffnet hatte, und er wählte die Nummer von Jane's Place direkt aus dem Gedächtnis. Jane's war eine Spielhölle, wo sich Wayne Stukey manchmal herumtrieb.
Larry steckte Münzen in den Schlitz, bis ihm die Hand weh tat, und dreitausend Meilen entfernt klingelte das Telefon. Eine weibliche Stimme sagte: »Jane's. Offen.«
»Für alles?« fragte er tief und sexy.
»Hör zu, du Klugscheißer, dies ist kein... He, ist das Larry?«
»Ja, ich bin's. Hi, Arlene.«
»Wo bist du? Du läßt dich gar nicht mehr blicken, Larry.«
»Nun, an der Ostküste«, sagte er vorsichtig. »Jemand hat mir gesagt, Blutegel hätten sich an mir festgesetzt, und ich sollte aus dem Teich verschwinden, bis sie abfallen.«