»Hat das mit einer großen Party zu tun?«
»Ja.«
»Davon habe ich gehört«, sagte sie. »Big Spender.«
»Ist Wayne da, Arlene?«
»Du meinst Wayne Stukey?«
»John Wayne meine ich nicht - der ist tot.«
»Soll das heißen, du hast es noch gar nicht gehört?«
»Was soll ich gehört haben? Ich bin an der anderen Küste. Ihm fehlt doch nichts, oder?«
»Er liegt mit diesem Grippevirus im Krankenhaus. Captain Trips nennen sie es hier drüben. Nicht, daß es zum Lachen wäre. Viele Leute sind daran gestorben, heißt es. Die Leute haben Angst und bleiben zu Hause. Wir haben sechs leere Tische, und du weißt, dass Jane's nie leere Tische hat.«
»Wie geht es ihm?«
»Wer weiß? Die Krankenhäuser sind voll von Leuten, und keiner darf Besuch empfangen. Richtig unheimlich, Larry. Und es sind eine Menge Soldaten hier.«
»Auf Urlaub?«
»Soldaten auf Urlaub tragen keine Waffen oder fahren in Lastwagenkonvois durch die Gegend. Viele Leute haben echt Angst. Du kannst froh sein, daß du weit weg bist.«
»War nichts in den Nachrichten?«
»In der Zeitung hat gestanden, man solle sich gegen Grippe impfen lassen, mehr nicht. Aber ein paar Leute sagen, daß die Armee nicht vorsichtig genug mit einem Seuchenkampfstoff umgegangen ist. Ist das nicht unheimlich?«
»Das ist nur Panikmache.«
»Gibt es das bei euch nicht?«
»Nein«, sagte er, aber dann mußte er an die Erkältung seiner Mutter denken. Und hatte er in der U-Bahn nicht jede Menge Niesen und Husten gehört? Er erinnerte sich, er war sich vorgekommen wie auf der TB-Station. Aber Niesen und triefende Nasen gab es schließlich in jeder Stadt. Grippeviren sind gesellig, dachte er. Sie teilen sich den Reichtum.
»Janey selbst ist auch nicht da«, sagte Arlene. »Sie sagt, sie hat Fieber und geschwollene Mandeln. Ich dachte, die alte Hure wäre viel zu zäh, um krank zu werden.«
»Drei Minuten sind um, bitte melden, wenn Gespräch beendet«, fuhr das Fräulein vom Amt dazwischen.
Larry sagte: »Ich bin in ungefähr einer Woche wieder da, Arlene. Wir treffen uns.«
»Einverstanden. Ich wollte schon immer mit einem berühmten Plattenstar ausgehen.«
»Arlene? Du kennst nicht zufällig einen Typen namens Dewey the Deck, oder?«
»Oh!« sagte sie plötzlich erschrocken. »O Mann! Larry!
»Was?«
»Gott sei Dank hast du noch nicht aufgelegt. Ich habe Wayrie gesehen, zwei Tage bevor er ins Krankenhaus gegangen ist. Hatte ich ganz vergessen. Herrje!«
»Ja, was denn?«
»Es ist ein Umschlag. Er sagte, der sei für dich, aber er bat mich, ihn eine Woche oder so in der Kasse zu lassen oder ihn dir zu geben, wenn ich dich sehe. Er sagte so was wie >Er kann verdammt froh sein, daß Dewey the Deck den nicht an seiner Stelle kriegt!<«
»Was ist drin?« Er nahm den Hörer von einer Hand in die andere.
»Moment. Ich seh' nach.« Ein Augenblick Stille, dann hörte er Papier zerreißen. »Es ist ein Sparbuch«, sagte Arlene. »First Commercial Bank of California. Der Kontostand ist... Mann! Etwas mehr als dreizehntausend Dollar.
Wenn du mich in eine billige Klitsche einlädst, schlage ich dir den Schädel ein.«
»Das wird nicht nötig sein«, sagte er grinsend. »Danke, Arlene. Bitte, heb das für mich auf.«
»Nein, ich werf es in den Gully. Arschloch.«
»Es ist so schön, wenn man geliebt wird.«
Sie seufzte. »Du bist ein Knallkopf, Larry. Ich tue es in einen Umschlag mit unseren beiden Namen. Dann kannst du mich nicht bescheißen, wenn du nach Hause kommst.«
»Das würde ich nie wagen, Süße.«
Sie legten auf, und dann meldete sich das Fräulein vom Amt und verlangte noch drei Dollar für Ma Bell, sprich: die Telefongesellschaft. Larry, der immer noch das breite, alberne Grinsen im Gesicht spürte, steckte sie bereitwillig in den Schlitz. Er betrachtete das Kleingeld, das noch auf der Ablage der Telefonzelle lag, suchte ein Zehncentstück heraus und steckte es in den Schlitz. Einen Moment später klingelte das Telefon seiner Mutter. Der erste Impuls ist, eine gute Nachricht anderen mitzuteilen, der zweite, damit jemanden zu erschlagen. Er dachte - nein, er glaubte -, daß ausschließlich ersteres der Fall war. Er wollte sich selbst und ihr mit der Auskunft Erleichterung verschaffen, daß er wieder flüssig war.
Ganz allmählich verschwand das Lächeln von seinen Lippen. Das Telefon klingelte nur. Vielleicht hatte sie sich doch noch entschlossen, zur Arbeit zu gehen. Er dachte an ihr gerötetes, fiebriges Gesicht, an ihr Husten und Niesen und dann, wie sie ungeduldig »Scheiße!« ins Taschentuch gesagt hatte. Er glaubte nicht, daß sie zur Arbeit gegangen war. Er war sich fast sicher, dass sie dazu gar nicht kräftig genug war.
Er legte auf und nahm zerstreut die durchgefallene Münze an sich, als sie zurückkam. Er ging hinaus und ließ das Geld in der Hand klimpern. Er sah ein Taxi und winkte ihm, und als das Taxi sich wieder in den Verkehr einfädelte, fing es an zu regnen. Die Tür war verschlossen, und als er zwei- oder dreimal geklopft hatte, war er sicher, daß niemand in der Wohnung war. Er hatte so laut geklopft, daß ein Stockwerk höher jemand zurückgeklopft hatte, wie ein erzürntes Gespenst. Aber er mußte hinein, um sich zu vergewissern, und er hatte keinen Schlüssel. Er wollte gerade nach unten in Mr. Freemans Wohnung gehen, da hörte er das leise Stöhnen hinter der Tür.
Die Wohnungstür seiner Mutter hatte drei verschiedene Schlösser, aber trotz ihrer fast krankhaften Angst vor Puertoricanern benutzte sie selten alle drei gleichzeitig. Larry warf sich mit der Schulter gegen die Tür, und sie knirschte im Rahmen. Er warf sich noch einmal dagegen, und das Schloß gab nach. Die Tür sprang auf und knallte gegen die Wand.
»Mom?«
Wieder dieses Stöhnen.
Die Wohnung lag im Halbdunkel; der Tag war plötzlich sehr finster geworden, es donnerte, und das Geräusch des Regens schwoll an. Das Wohnzimmerfenster war halb geöffnet, die weißen Gardinen bauschten sich über den Tisch, dann wurden sie wieder nach draußen durch die Öffnung und in den Luftschacht gesogen. An der Stelle, wo der Regen eingedrungen war, war ein großer, nasser Fleck auf dem Fußboden.
»Mom, wo bist du?«
Ein lautes Stöhnen. Er ging in die Küche, und wieder grollte der Donner. Er wäre fast über sie gestolpert. Sie lag auf dem Fußboden, halb im Schlafzimmer, halb draußen.
»Mom! Mein Gott, Mom!«
Als sie seine Stimme hörte, versuchte sie, sich umzudrehen, aber sie konnte nur den Kopf bewegen - sie drehte das Kinn, bis es auf der linken Wange lag. Ihr Atem klang röchelnd und verschleimt. Aber das Schlimmste war - ein Anblick, den er nie vergessen würde -, wie ihr sichtbares Auge sich nach oben drehte und ihn anglotzte wie das eines Schweins im Schlachthaus. Ihr Gesicht glühte vor Fieber.
»Larry?«
»Ich bring' dich ins Bett, Mom.«
Er bückte sich, wehrte sich wütend gegen das Zittern in den Knien und nahm sie in die Arme. Ihr Morgenmantel glitt zur Seite und entblößte ein verwaschenes Nachthemd und ihre von dicken blauen Krampfadern durchzogenen fischbauchweißen Beine. Sie glühte förmlich. Er war entsetzt. Niemand konnte so hohes Fieber haben und am Leben bleiben. Das Gehirn mußte ihr im Kopf backen. Wie zur Bestätigung sagte sie: »Larry, hol deinen Vater. Er ist in der Kneipe.«
»Sei ruhig«, sagte er bestürzt. »Sei ruhig und schlaf, Mom.«
»Er ist in der Kneipe mit diesem Fotografen!« rief sie schrill in das greifbare Halbdunkel des Nachmittags, und draußen krachte wütend der Donner. Larry hatte ein Gefühl, als wäre sein Körper mit langsam fließendem Schleim bedeckt. Vom halb geöffneten Fenster im Wohnzimmer her wehte ein kühler Wind durch die Wohnung. Als würde sie darauf reagieren, begann Alice zu zittern und bekam eine Gänsehaut an den Armen. Sie klapperte mit den Zähnen. Ihr Gesicht war ein Vollmond im Halbdunkel des Schlafzimmers. Larry zog die Decke herunter, legte ihre Beine aufs Bett und zog ihr die Decke bis zum Kinn. Trotzdem zitterte sie hilflos, so daß die Decke sich heftig bewegte. Ihr Gesicht war trocken und ohne Schweiß.