Fran sagte, sie würde zum ersten Juli einziehen, und als sie auflegte, spürte sie, wie ihr Freudentränen die Wangen entlangliefen. Tränen der Erleichterung. Wenn sie aus dieser Stadt, wo sie aufgewachsen war, fortkonnte, würde alles gut werden, glaubte sie. Weg von ihrer Mutter, und auch weg von ihrem Vater. Das Baby und die Tatsache, daß sie allein lebte, würden ihr Leben wieder in eine vernünftige Perspektive rücken. Sicher ein wichtiger Faktor, aber nicht der einzige. Es gab ein Ti er, einen Käfer oder Frosch, dachte sie, welches zu doppelter Größe anschwoll, wenn es sich bedroht fühlte. Zumindest in der Theorie sah der Angreifer das, fühlte sich bedroht, bekam es mit der Angst zu tun und verschwand. Sie kam sich ein wenig wie dieses Tier vor, und die Stadt, die ganze Umgebung (»Umfeld« mochte das zutreffende Wort sein) löste das Gefühl in ihr aus. Sie wußte, niemand würde sie zwingen, einen scharlachroten Buchstaben zu tragen, aber sie wußte auch, wenn ihr Verstand ihre Nerven von dieser Tatsache überzeugen wollte, war ein Bruch mit Ogunquit nötig. Wenn sie auf der Straße war, dann spürte sie, dass die Leute sie zwar nicht anstarrten, aber sich bereit machten, sie anzustarren. Selbstverständlich die Einwohner, nicht die Sommergäste. Die Einwohner brauchten ständig jemanden, den sie anstarren konnten - einen Penner, Sozialhilfeempfänger, einen Jungen aus gutem Hause, der in Portland oder Old Orchard Beach beim Ladendiebstahl erwischt worden war... oder das Mädchen mit dem anschwellenden Bauch.
Der zweite Anruf, der so la-la gewesen war, kam von Jess Rider. Er hatte aus Portland angerufen und es zuerst im Haus versucht. Glücklicherweise hatte Peter abgenommen und ihm Frans Telefonnummer im Harborside ohne Moralpredigt gegeben. Trotzdem hatte er gleich zu Anfang gesagt: »Du hast 'ne Menge Zoff daheim, was?«
»Etwas«, sagte sie zurückhaltend, weil sie sich nicht darüber auslassen wollte. Das würde sie in gewisser Weise zu Mitverschwörern machen.
»Deine Mutter?«
»Wie kommst du darauf?«
»Weil sie der Typ zu sein scheint, der ausflippt. Das sieht man in den Augen, Frannie. Wenn du meine heiligen Kühe schlachtest, schlachte ich deine.«
Sie schwieg.
»Tut mir leid. Ich wollte dich nicht beleidigen.«
»Das hast du nicht«, sagte sie. Seine Beschreibung war sogar ziemlich zutreffend - an der Oberfläche zutreffend jedenfalls -, aber sie war immer noch bemüht, ihre Überraschung über das Verb beleidigen zu überwinden. Aus seinem Mund war das ein seltsames Wort. Vielleicht ist es ja ein Signal, dachte sie. Wenn dein Liebhaber anfängt, von »beleidigen« zu sprechen, ist er nicht mehr dein Liebhaber.
»Frannie, das Angebot steht noch. Wenn du ja sagst, kann ich zwei Ringe besorgen und noch heute nachmittag vorbeikommen.«
Auf dem Fahrrad, dachte sie und kicherte fast. Ein Kichern wäre etwas Gräßliches gewesen, das sie ihm nicht antun mußte, daher hielt sie den Hörer einen Moment zu, bis sie sicher war, daß es nicht herauskommen würde. Sie hatte in den vergangenen sechs Tagen mehr geweint und gekichert als in der ganzen Zeit, seit sie fünfzehn und zum ersten Mal mit einem Jungen ausgegangen war.
»Nein, Jess«, sagte sie mit ruhiger Stimme.
»Es ist mein Ernst!« sagte er überraschend nachdrücklich, als hätte er gesehen, wie sie das Kichern unterdrückte.
»Das weiß ich«, sagte sie. »Aber ich bin noch nicht bereit für eine Ehe. Ich kenne mich, Jess. Das hat nichts mit dir zu tun.«
»Was ist mit dem Baby?«
»Ich werde es bekommen.«
»Und weggeben?«
»Das weiß ich noch nicht.«
Er schwieg einen Augenblick, und sie konnte andere Stimmen in anderen Zimmern hören. Sie hatten eigene Probleme, vermutete sie. Junge, die Welt ist ein Drama rund um die Uhr. Wir lieben unser Leben, und daher halten wir nach dem Licht Ausschau, das uns leitet, so wie wir nach dem Morgen suchen.
»Ich habe echte Zweifel, was das Baby betrifft«, sagte er schließlich. Das bezweifelte wiederum sie, aber wahrscheinlich war es das einzige, was er ihr sagen konnte, das wirklich weh tat. Und es tat weh.
»Jess...«
»Wohin gehst du?« fragte er brüsk. »Du kannst nicht den ganzen Sommer über im Harborside bleiben. Wenn du eine Bleibe brauchst, kann ich mich in Portland umsehen.«
»Ich habe eine Bleibe.«
»Wo? Oder geht mich das nichts an?«
»Das geht dich nichts an«, sagte sie und biß sich auf die Zunge, weil sie keine diplomatischere Möglichkeit gefunden hatte, es ihm zu sagen.
» Oh«, sagte er. Seine Stimme klang seltsam tonlos. Schließlich sagte er vorsichtig: »Kann ich dich etwas fragen, ohne daß du gleich sauer wirst, Frannie? Ich will es nämlich wirklich wissen. Es ist keine rhetorische Frage, oder so.«
»Frag ruhig«, sagte sie argwöhnisch. Sie wappnete sich geistig schon dagegen, sauer zu werden, denn wenn Jess mit so einer Eröffnung kam, dann folgte meistens eine scheußliche und vollkommen unerwartete Lektion Chauvinismus.
»Habe ich in dieser ganzen Sache überhaupt keine Rechte?« fragte Jess. »Kann ich nicht auch Mitverantwortung übernehmen und mit entscheiden?«
Einen Moment war sie sauer, aber dann flaute das Gefühl ab. Jess war eben nur Jess, er versuchte, das Bild zu beschützen, das er von sich selbst hatte, wie es alle denkenden Menschen machen, damit sie nachts schlafen können. Sie hatte ihn immer auch wegen seiner Intelligenz gemocht, aber in so einer Situation konnte Intelligenz langweilig sein. Menschen wie Jess - und auch sie selbst - hatten ihr Leben lang eingebleut bekommen, daß es gut und richtig war, sich Aufgaben zu setzen und aktiv zu sein. Manchmal mußte man sich verletzen - und zwar schlimm -, damit man einsah, es war besser, sich ins hohe Gras zu legen und zu zögern. Seine Fangnetze waren schön geknüpft, aber es waren und blieben trotzdem Fangnetze. Er wollte sie nicht davon lassen.
»Jess«, sagte sie, »wir wollten dieses Baby beide nicht. Wir haben uns geeinigt, daß ich die Pille nehme, damit es nicht dazu kommt. Du hast keine Verantwortung ...«
»Aber...«
»Nein, Jess«, sagte sie mit Nachdruck.
Er seufzte.
»Meldest du dich, wenn du umgezogen bist?«
»Ich denke schon.«
»Hast du immer noch vor, wieder zur Uni zu gehen?«
»Später. Ich lasse das Herbstsemester ausfallen. Vielleicht aufgrund der Krankheitsregelung oder so.«
»Wenn du mich brauchst, Frannie, du weißt, wo ich bin. Ich laufe nicht weg.«
»Das weiß ich, Jess.«
»Wenn du Geld brauchst...«
»Ja.«
»Melde dich. Ich will dich nicht drängen, aber... ich möchte dich gerne wiedersehen.«
»Gut, Jess.«
»Lebwohl, Fran.«
»Lebwohl.«
Als sie aufgelegt hatte, kam ihr das Lebewohl zu endgültig vor, die Unterhaltung nicht beendet. Dann fiel ihr der Grund ein. Sie hatten kein »Ich liebe dich« hinzugefügt, und das war das erste Mal. Es machte sie traurig, und sie befahl sich, es seinzulassen, aber das half nichts.
Der letzte Anruf kam gegen Mittag, von ihrem Vater. Vorgestern hatten sie zusammen zu Mittag gegessen, und er hatte ihr gesagt, daß es ihn bekümmerte, welche Auswirkungen die ganze Sache auf Carla hatte. Sie war gestern nacht nicht ins Bett gekommen, sondern war im Salon geblieben und hatte die alten Stammbäume durchgesehen. Gegen halb zwölf war er nach unten gegangen und hatte sie gefragt, wann sie ins Bett kommen wollte. Sie hatte das Haar offen getragen; es fiel über die Schultern und das Leibchen des Nachthemds, und Peter hatte gesagt, sie sah aus, als wäre sie nicht völlig in Kontakt mit der Wirklichkeit. Das schwere Buch lag auf ihrem Schoß, und sie hatte ihn nicht einmal angesehen, sondern einfach weiter umgeblättert. Sie hatte gesagt, daß sie nicht müde war. Sie wollte noch eine Weile aufbleiben. Sie habe eine Erkältung, sagte Peter zu Frannie, während sie in der Nische im Corner Lunch saßen. Schnupfen. Als Peter sie gefragt habe, ob sie ein Glas warme Milch wolle, habe sie überhaupt nicht geantwortet.