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Sie kam plötzlich wieder zu sich, eine Art Schrecken durchfuhr sie. Ein heißer Gestank hing im Zimmer. Etwas brannte an. Frannie drehte ruckartig den Kopf und sah eine Friteuse mit Pommes frites in Öl, die sie auf den Herd gestellt und vergessen hatte. Eine stinkende Rauchwolke wallte zur Decke auf. Fett spritzte böse zischend aus der Pfanne; die Spritzer, die auf dem Brenner landeten, flammten kurz auf und erloschen, als würde ein unsichtbarer Butanbrenner von unsichtbarer Hand angezündet. Der Boden des Topfes war schwarz.

Sie griff nach dem Pfannenstiel und zog die Hände japsend zurück. Zu heiß zum Anfassen. Sie nahm ein Geschirrtuch, schlug es um den Stiel und trug das Utensil, das wie ein Drache zischte, zur Hintertür hinaus. Auf der obersten Stufe der Veranda stellte sie es ab. Sie roch Geißblatt und hörte die Bienen summen, nahm aber kaum Notiz davon. Für einen Augenblick wurden die dicken, dämmenden Decken, die ihre Gefühlsreaktionen die zurückliegenden vier Tage eingehüllt hatten, aufgerissen, und sie hatte wahrhaftig Angst. Angst? Nein - sie war im Stadium des Entsetzens, nur einen kleinen Schritt von der Panik entfernt.

Sie konnte sich erinnern, wie sie die Kartoffeln geschält und in Wesson Oil gelegt hatte, um sie zu fritieren. Jetzt konnte sie sich daran erinnern. Aber eine Zeitlang hatte sie... puh! Sie hatte es einfach vergessen gehabt.

Sie stand auf der Veranda, hielt das Geschirrtuch noch in einer Hand und versuchte sich zu erinnern, woran sie genau gedacht hatte, nachdem sie die Pommes auf den Herd gestellt hatte. Es schien sehr wichtig zu sein.

Nun, zuerst hatte sie gedacht, daß eine Mahlzeit, die nur aus Pommes bestand, nicht besonders nahrhaft war. Der zweite Gedanke: Wenn das McDonalds an der Route 1i noch aufgehabt hätte, hätte sie nicht selbst kochen müssen und obendrein noch einen Burger essen können. Einfach mit dem Auto zum Mitnahmefenster fahren. Sie hätte einen Viertelpfünder und eine große Portion Fritten geholt, die in der hellroten Pappverpackung. Drinnen Fettflecken am Karton. Zweifellos ungesund, aber tröstlich. Und außerdem - schwangere Frauen haben seltsame Gelüste. Das führte sie zum nächsten Glied der Kette. Gedanken an seltsame Gelüste hatten zu Gedanken an die Erdbeertorte geführt, die zitternd im Kühlschrank harrte. Plötzlich war ihr gewesen, als wollte sie ein Stück dieser Erdbeertorte mehr als alles andere auf der Welt. Also hatte sie sich ein Stück geholt, aber dabei hatte sie das Messerregal gesehen, das ihr Vater für ihre Mutter gemacht hatte (Mrs. Edmonton, die Frau des Arztes, war so neidisch auf das Regal gewesen, daß Peter ihr vor zwei Jahren auch eins zu Weihnachten gebastelt hatte), und dann hatte ihr Verstand einfach einen... Kurzschluß gehabt. Splitter... Balken... Fliegen.

»Mein Gott«, sagte sie in den leeren Hof und den ungejäteten Garten ihres Vaters. Sie setzte sich, schlug die Schürze vors Gesicht und weinte.

Als die Tränen getrocknet waren, schien es ihr ein wenig besser zu gehen.. . aber sie hatte immer noch Angst. Verliere ich den Verstand? fragte sie sich. Läuft es so ab, ist es so, wenn man einen Nervenzusammenbruch hat, oder wie immer man es nennen will? Seit ihr Vater gestern abend um halb neun gestorben war, schien ihre Fähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, im Eimer zu sein. Sie vergaß Dinge, die sie gerade erledigte, ihre Gedanken schweiften verträumt ab, und manchmal saß sie einfach nur da, dachte an überhaupt nichts und bekam von der Welt nicht mehr mit als ein Blumenkohlkopf.

Als ihr Vater gestorben war, saß sie lange Zeit an seinem Bett. Schließlich ging sie nach unten und schaltete den Fernseher ein. Ohne besonderen Grund; es schien einfach eine gute Idee zu sein. Der einzige Sender, der etwas ausstrahlte, war CBS in Portland, WGAN, und da schienen sie eine irre Hinrichtungssendung auszustrahlen. Ein Neger, der wie der schlimmste Alptraum afrikanischer Kopfjäger aussah, den ein Ku-Klux-Klaner haben konnte, tat so, als würde er mit einer Pistole weiße Männer erschießen, während andere Männer im Publikum applaudierten. Das mußte natürlich gestellt sein - so etwas zeigten sie nicht im Fernsehen, wenn es echt war -, aber es hatte nicht ausgesehen, als wäre es gestellt. Es erinnerte sie auf makabre Weise an Alice im Wunderland, aber es war nicht die Rote Königin, die »Runter mit ihrem Kopf!« schrie, sondern... was? Wer? Der schwarze Prinz, vermutete sie. Nicht, daß der Kerl im Lendenschurz wie Prince ausgesehen hätte.

Später im Verlauf der Sendung (wieviel später konnte sie nicht sagen), brachen andere Männer in das Studio ein, und es kam zu einer Schießerei, die noch realistischer inszeniert war als die Hinrichtungen. Sie sah Männer, die von großkalibrigen Waffen beinahe geköpft wurden, sie wurden rückwärts geschleudert, Blut spritzte im fröhlichen Rhythmus des Pulses aus ihren zerfetzten Hälsen. Sie dachte in ihrer zusammenhanglosen Art daran, sie hätten ab und zu einen Zwischentitel einblenden sollen, der Eltern ermahnte, die Kinder ins Bett zu bringen oder den Sender zu wechseln. Sie erinnerte sich, sie hatte auch gedacht, daß WGAN die Sendelizenz trotz allem entzogen bekommen konnte. Es war ja wirklich eine schrecklich brutale Sendung.

Als die Kamera nach oben kippte und nur noch die Studioscheinwerfer zeigte, die von der Decke herabhingen, schaltete sie ab, legte sich aufs Sofa und sah zur Decke ihres Zimmers empor. Dort war sie dann eingeschlafen, und heute morgen war sie halb davon überzeugt gewesen, daß sie die ganze Sendung geträumt hatte. Und genau das war im Grunde genommen der springende Punkt: Alles wirkte plötzlich wie ein Alptraum voller Urängste. Mit dem Tod ihrer Mutter hatte es angefangen; der Tod ihres Vaters hatte nur verstärkt, was bereits dagewesen war. Wie in Alice wurde alles einfach immer seltsamer und seltsamer.

Es war eine Sondersitzung des Stadtrats einberufen worden, die ihr Vater besucht hatte, obwohl er da schon krank gewesen war. Frannie, die sich unwirklich und wie unter Drogen vorgekommen war - aber körperlich nicht anders als sonst -, hatte ihn begleitet. Das Rathaus war überfüllt gewesen, viel überfüllter als bei den Versammlungen Ende Februar und Anfang März. Es wurde viel gehustet und geniest und in Taschentücher geschneuzt. Die Anwesenden waren ängstlich und scheinbar darauf aus, beim geringsten Grund Wutausbrüche zu bekommen. Sie sprachen mit lauten, heiseren Stimmen. Sie standen auf. Sie drohten mit den Fäusten. Sie lamentierten. Viele - und nicht nur Frauen - hatten geweint.

Anlaß war die Entscheidung gewesen, die Stadt vollkommen abzuriegeln. Niemand durfte hinein. Einwohner durften die Stadt zwar verlassen, mußten sich aber darüber im klaren sein, daß sie nicht zurückkommen konnten. Die Zufahrtssraßen von und zur Stadt - allen voran die US 1 - sollten mit Autos verbarrikadiert werden (nach einem brüllenden Wortwechsel, der über eine halbe Stunde andauerte, bekam der städtische Fuhrpark diese Aufgabe zugewiesen), Freiwillige sollten an drei Straßensperren mit Schrotflinten Wache stehen. Wer versuchen wollte, auf der US 1 nach Norden oder Süden zu fahren, sollte nach Norden über Wells und nach Süden über York umgeleitet werden, wo er auf die Interstate 95 gelangen und damit Ogunquit umfahren konnte. Wenn trotzdem jemand durchwollte, sollten die Waffen sprechen. Erschießen? fragte jemand. Jede Wette, antworteten mehrere andere.

Eine kleine, etwa zwanzig Personen starke Gruppe sprach sich dafür aus, daß die bereits Erkrankten sofort aus der Stadt geschafft werden sollten. Sie wurden mit überwältigender Mehrheit überstimmt, denn am Abend des 24., als die Versammlung abgehalten wurde, hatten alle in der Stadt, die nicht selbst krank waren, Verwandte oder Freunde, die es waren. Viele glaubten den Nachrichten, in denen mitgeteilt wurde, daß in Kürze ein Impfstoff zur Verfügung stehen würde. Wie, argumentierten sie, sollte man einander je wieder in die Augen sehen können, wenn sich alles nur als ernst, aber vorübergehend entpuppte und man die Eigenen ausgesetzt hatte wie Parias?