Daraufhin wurde vorgeschlagen, man sollte alle kranken Sommergäste ausweisen.
Die Sommergäste, ein gewaltiges Kontingent, wiesen darauf hin, dass sie jahrelang die Schulen, Straßen, Obdachlosen und öffentlichen Strande der Stadt mit ihren Steuern unterstützt hatten, die sie für ihre Sommerhäuser bezahlten. Geschäfte, die von Mitte September bis Mitte Juni unter dem Existenzminimum wirtschafteten, konnten sich nur mit Hilfe ihrer Sommerdollars über Wasser halten. Wenn man sie derart ungerecht behandelte, konnten sich die Bewohner von Ogunquit darauf verlassen, daß sie nie wiederkehren würden. Dann konnten die Bewohner wieder Hummer und Venusmuscheln fischen und Miesmuscheln aus dem Dreck buddeln, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der Vorschlag, die Sommergäste aus der Stadt zu weisen, wurde mit deutlicher Mehrheit abgelehnt. Bis Mitternacht wurden die Barrikaden errichtet, bei Einbruch der nächsten Morgendämmerung, am Morgen des 25., war auf ein paar Leute an den Barrikaden das Feuer eröffnet worden; die meisten wurden nur verwundet, aber drei oder vier wurden getötet. Es handelte sich fast ausschließlich um Menschen, die aus Boston kamen und panisch und blind vor Angst nach Norden flohen. Ein paar von ihnen ließen sich bereitwillig nach York zur Mautstraße umleiten, andere waren so von Sinnen, daß sie nicht kapierten und versuchten, die Barrikaden zu rammen oder über die Böschung um sie herumzufahren. Man wurde mit ihnen fertig.
Aber am selben Abend waren fast alle Männer an den Barrikaden selbst krank, glühten vor Fieber und mußten ständig die Schrotflinten zwischen die Beine stellen, damit sie sich die Nasen schneuzen konnten. Ein paar, zum Beispiel Freddy Delancey und Curtis Beauchamp, fielen einfach bewußtlos um und wurden später ins Notlazarett im Rathaus gefahren, wo sie starben.
Gestern morgen hatte sich Frannies Vater, der sich gegen die Barrikaden ausgesprochen hatte, ins Bett gelegt, und Frannie blieb zu Hause und versorgte ihn. Er duldete nicht, daß sie ihn ins Krankenhaus brachte. Wenn er schon sterben mußte, sagte er Frannie, dann hier zu Hause, abgeschieden und mit Anstand. Am Nachmittag war der Verkehr fast völlig zum Erliegen gekommen. Gus Dismore, der Parkwächter am öffentlichen Strand, sagte, seiner Schätzung nach waren so viele Autos auf den Straßen liegengeblieben, daß nicht einmal mehr geübte Fahrer (oder Fahrerinnen) durchkommen konnten, was ganz gut war, denn am Nachmittag des 25. konnten nicht einmal mehr drei Dutzend Männer Wache stehen. Gus, dem es bis gestern ausgezeichnet gegangen war, hatte selbst eine laufende Nase bekommen. Der einzige in der ganzen Stadt, außer ihr selbst, dem es noch einwandfrei zu gehen schien, war Amy Lauders sechzehnjähriger Bruder Harold. Amy selbst war kurz vor der ersten Stadtversammlung gestorben, ihr Hochzeitskleid hing noch ungetragen im Schrank.
Fran war heute nicht weggewesen, und seit Gus gestern nachmittag bei ihr gewesen war, hatte sie niemanden mehr gesehen. Heute morgen hatte sie ein paarmal Motoren gehört, und einmal ganz in der Nähe die Doppelexplosion einer Schrotflinte, aber das war alles. Die anhaltende, ununterbrochene Stille verstärkte das Gefühl des Unwirklichen noch.
Und jetzt waren viele Fragen zu bedenken. Fliegen... Augen... Kuchen. Frannie stellte fest, daß sie dem Kühlschrank lauschte. Der verfügte über eine automatische Eiswürfelmaschine, und etwa alle zwanzig, Sekunden ertönte im Innern ein kaltes Poltern, wenn ein neuer Eiswürfel ausgeworfen wurde.
Sie blieb fast eine Stunde vor ihrem Teller sitzen, immer noch mit diesem dumpfen, halb fragenden Gesichtsausdruck. Ganz allmählich kam ihr ein anderer Gedanke - eigentlich zwei Gedanken, die zusammenzuhängen und doch nichts miteinander zu tun zu haben schienen. Waren sie vielleicht verbundene Teile eines größeren Gedankens? Sie dachte darüber nach, hörte aber trotzdem mit einem Ohr zu, wie Würfel aus der Eiswürfelmaschine des Kühlschranks polterten. Der erste Gedanke war, daß ihr Vater nicht mehr lebte; er war zu Hause gestorben, und so hätte er es gewollt. Der zweite Gedanke hatte mit diesem Tag zu tun. Es war ein herrlicher Sommertag, makellos; wegen solcher Tage kamen die Touristen an die Küste von Maine. Man kommt nicht zum Schwimmen her, denn dafür ist das Wasser eigentlich nie warm genug; man kommt, um sich von solchen Tagen verzaubern zu lassen.
Die Sonne schien hell, und Franny konnte das Thermometer lesen, das draußen vor dem hinteren Küchenfenster hing. Die Quecksilbersäule zeigte knapp unter siebenundzwanzig Grad an. Es war ein wunderschöner Tag, und ihr Vater war tot. Gab es einen anderen Zusammenhang außer dem offensichtlichen Tränendrüsendrücker?
Sie dachte stirnrunzelnd darüber nach, ihre Augen waren verwirrt und apathisch. Ihre Gedanken kreisten um das Problem und schweiften dann ab zu anderen Dingen. Aber sie kamen immer wieder darauf zurück.
Es war ein schöner warmer Tag, und ihr Vater war tot. Das machte ihr plötzlich alles bewußt, und sie machte die Augen zu, als sei sie geschlagen worden.
Gleichzeitig zuckten ihre Hände unwillkürlich auf der Tischdecke und zerrten den Teller auf den Fußboden. Er zersplitterte wie eine Bombe, und Franny schrie und fuhr sich mit den Händen an die Wangen, die unter ihren Fingern Falten bildeten. Die unbestimmte, apathische Ferne verschwand aus ihren Augen, die plötzlich hart und fest blickten. Es war, als hätte man ihr eine kräftige Ohrfeige gegeben oder eine offene Ammoniakflasche unter die Nase gehalten.
Man kann eine Leiche nicht im Haus behalten. Nicht im Hochsommer.
Die Apathie kam wieder zurück und nahm dem Gedanken die Konturen. Das ganze Ausmaß des Entsetzens wurde verschwommen, gedämpft. Sie lauschte wieder dem leisen Klirren und Fallen der Eiswürfel...
Sie kämpfte dagegen an. Sie sprang auf, ging zur Spüle, drehte das kalte Wasser voll auf und spritzte sich aus hohlen Händen ins Gesicht, ein angenehmer Schock für ihre leicht verschwitzte Haut. Sie konnte ihre Gedanken abschweifen lassen, soviel sie wollte, aber zuerst mußte dieses Problem gelöst werden. Sie konnte ihn nicht einfach dort oben im Bett liegenlassen, wenn der Juni in den Juli überging. Das wäre zu sehr wie die Geschichte von Faulkner, die in allen College-Lesebüchern zu finden war, »Eine Rose für Emily«. Die Stadtväter hatten nicht gewußt, um was es sich bei dem entsetzlichen Gestank handelte, aber nach einer Weile war er verschwunden. Er... er...
»Nein!« schrie sie laut in die sonnige Küche hinein. Sie lief hin und her und dachte darüber nach. Ihr erster Gedanke galt dem örtlichen Bestattungsunternehmer. Aber wer würde... würde...
»Hör auf, dich davor zu drücken!« schrie sie wütend in die leere Küche. »Wer wird ihn begraben?«
Und beim Klang ihrer eigenen Stimme fiel ihr auch die Antwort ein. Es war völlig klar. Sie natürlich. Wer sonst? Sie selbst.
Es war zwei Uhr dreißig nachmittags, als sie ein Auto in die Einfahrt einbiegen hörte, dessen starker Motor bei niedriger Drehzahl selbstgefällig schnurrte. Frannie stellte den Spaten an den Rand der Grube - sie hob sie im Garten zwischen Tomaten und Salat aus - und drehte sich ein wenig ängstlich um.
Das Auto war ein brandneuer Cadillac Coupe de Ville, flaschengrün, und heraus stieg der fette sechzehnjährige Harold Lauder. Frannie empfand sofort Widerwillen. Sie mochte Harold nicht und kannte auch keinen, der ihn mochte, einschließlich seiner verstorbenen Schwester Amy. Wahrscheinlich hatte seine Mutter ihn gemocht. Frannie nahm voll müder Ironie zur Kenntnis, daß der einzige Mensch, der sich außer ihr noch in Ogunquit aufhielt, ausgerechnet einer der wenigen sein mußte, die sie nicht ausstehen konnte. Harold gab das literarische Magazin der High School von Ogunquit heraus und schrieb seltsame Kurzgeschichten, die im Präsens oder vom Standpunkt der zweiten Person aus geschrieben waren, oder beides.