Stu war sicher, daß dem Helden einer Fernsehserie oder eines Romans eine Fluchtmöglichkeit eingefallen wäre, sogar ein paar Leuten im wirklichen Leben, aber zu diesen Leuten gehörte er nicht. Zuletzt hatte er in einer Art panischer Resignation beschlossen, ganz einfach auf Eider zu warten, allzeit bereit., Eider war das beste Indiz dafür, daß auch dieses Institut von der Krankheit infiltriert war, die yom Personal manchmal als »Blau« und manchmal als »Supergrippe« bezeichnet wurde. Die Schwestern nannten ihn Dr. Eider, aber er war kein Doktor. Er war Mitte Fünfzig, hatte eiskalte Augen und war völlig humorlos. Keiner der Ärzte vor Eider hatte es für nötig gehalten, eine Waffe auf ihn zu richten. Eider machte Stu angst, denn einem solchen Mann konnte man weder mit vernünftigen Argumenten noch mit Bitten kommen. Eider wartete auf Befehle. Wenn sie eintrafen, würde er sie ausführen. Er war ein Lanzenträger, die Armee-Version eines Mafia-Killers, und es würde ihm nie einfallen, seine Befehle im Lichte der tatsächlichen Ereignisse zu hinterfragen.
Vor drei Jahren hatte Stu ein Buch mit dem Titel Watership Down gekauft, das er einem Neffen in Waco schicken wollte. Er hatte einen Karton geholt, um das Buch einzupacken, aber da ihm Geschenkeeinpacken noch mehr mißfiel als Lesen, hatte er die erste Seite aufgeschlagen und gedacht, will doch mal nachsehen, um was es geht. Er hatte die erste Seite gelesen, dann die zweite... und dann war er gebannt gewesen. Er war die ganze Nacht wach geblieben, hatte Kaffee getrunken, Zigaretten geraucht und sich zäh durchgebissen, wie es ein Mann eben macht, der nicht daran gewöhnt ist, zur Unterhaltung zu lesen. Wie sich herausstellte, handelte das Buch von Kaninchen, Herrgott noch mal. Die dümmsten, feigsten Tiere auf Gottes Erde... aber der Bursche, der das Buch geschrieben hatte, schilderte sie anders. Man mochte sie wirklich. Es war eine verdammt gute Geschichte, und Stu, der im Schneckentempo las, hatte sie zwei Tage später durch.
Am deutlichsten blieb ihm ein Ausdruck aus dem Buch im Gedächtnis: »tharn werden« oder einfach nur »tharn«. Das begriff er sofort, denn er hatte jede Menge Tiere gesehen, die tharn geworden waren, und er hatte auch schon welche auf dem Highway überfahren. Ein Tier, das tharn geworden war, kauerte mit angelegten Ohren mitten auf der Straße, sah dem Auto entgegen, das dahergerast kam, und konnte dem sicheren Tod nicht entfliehen. Ein Hirsch konnte schon tharn werden, wenn ihm Autoscheinwerfer in die Augen leuchteten. Laute Musik wirkte bei einem Waschbären, unablässiges Pochen gegen den Käfig bei einem Papagei. Eider vermittelte Stu genau dieses Gefühl. Stu sah ihm in die kalten blauen Augen und spürte, wie jegliche Willenskraft aus ihm wich. Wahrscheinlich brauchte Eider nicht einmal die Pistole, um ihn loszuwerden.
Elder hatte wahrscheinlich den schwarzen Gurt in Karate, Savate und obendrein jede Menge schmutzige Tricks auf Lager. Was konnte er gegen so einen Mann schon ausrichten? Wenn er nur an Eider dachte, spürte er die Willenskraft entweichen, es auch nur zu versuchen. Tharn. Ein gutes Wort für eine schlimme geistige Verfassung.
Kurz nach 22.00 Uhr ging das rote Licht über der Tür an, und Stu spürte, wie ihm auf Armen und Gesicht der Schweiß ausbrach. So war es jedesmal, wenn das rote Licht anging, denn irgendwann einmal würde Eider alleine kommen. Er würde alleine kommen, weil er keine Zeugen wollte. Irgendwo würde es ein Krematorium geben, um die Opfer der Seuche zu verbrennen. Eider würde ihn verschnüren und hineinschieben. Zack. Kein loses Rädchen mehr. Eider kam zur Tür herein. Allein.
Stu saß auf dem Bett und hatte eine Hand auf der Stuhllehne liegen. Als er Eider sah, hatte er das schon vertraute, unangenehme Gefühl im Magen. Er verspürte den altbekannten Drang, eine ganze Sturzflut stammelnder, flehentlicher Worte hervorzustoßen, obwohl er wußte, daß dieses Flehen ihm nichts nützen würde. Das Gesicht hinter dem transparenten Helmvisier des weißen Anzugs war keines Mitleids fähig.
Jetzt erschien ihm alles sehr klar, sehr farbig, sehr langsam. Er konnte fast hören, wie seine Augen sich in den feuchten Höhlen drehten, während er Eider mit Blicken ins Zimmer folgte. Er war ein großer, kräftiger Mann, und der weiße Anzug saß zu knapp an ihm. Das Loch am Ende seiner Pistole war so groß wie ein Tunneleingang.
»Wie geht es Ihnen?« fragte Eider, und selbst durch den blechern klingenden Lautsprecher hörte Stu den näselnden Klang von Eiders Stimme. Eider war krank.
»Wie immer«, sagte Stu und war erstaunt darüber, wie gelassen seine Stimme klang. »Sagen Sie, wann komme ich hier raus?«
»Bald«, sagte Eider. Er hielt die Pistole auf Stus ungefähre Richtung, nicht direkt auf ihn, aber auch nicht ganz weg. Er unterdrückte ein Niesen. »Sie sind nicht sehr gesprächig, was?«
Stu zuckte die Achseln.
»Das schätze ich an einem Mann«, sagte Eider. »Schwätzer sind allesamt Jammerlappen, Schwächlinge und Heulsusen. Was Sie betrifft, Mr. Redman, habe ich vor zwanzig Minuten meine Befehle bekommen. Keine wahnsinnig tollen Befehle, aber ich glaube, Sie werden es durchstehen.«
»Was für Befehle?«
»Nun, man hat mir befohlen...«
Stus Blick zuckte über Eiders Schulter hinweg zum genieteten Rahmen der Luftschleuse. »Allmächtiger!« rief er. »Eine Ratte, was ist denn das für ein Laden, wo es Ratten gibt?«
Eider drehte sich um, und Stu war so überrascht vom Erfolg seiner List, daß er beinahe nicht weitergemacht hätte. Dann glitt er vom Bett und packte die Stuhllehne mit beiden Händen, während Eider sich wieder zu ihm umdrehte. Eiders Augen waren plötzlich groß und ängstlich. Stu hob den Stuhl über den Kopf, kam vorwärts, schlug damit zu und legte jedes Gramm seiner neunzig Kilo hinein.
»Zurück!« schrie Eider. »Nicht...«
Der Stuhl traf krachend seinen rechten Arm. Aus der Pistole löste sich ein Schuß, der Plastikbeutel zerriß und die Kugel prallte heulend vom Fußboden ab. Dann fiel die Pistole auf den Teppich. Stu fürchtete, daß er nur noch einen Schlag mit dem Stuhl landen konnte, bevor Eider sich wieder erholt hatte. Eider wollte den gebrochenen rechten Arm heben, konnte es aber nicht. Ein Stuhlbein krachte auf den Helm des weißen Anzugs. Das Plastikvisier splitterte, Eider in Augen und Nase hinein. Er schrie auf und fiel nach hinten.
Er rollte sich auf alle viere, um an die Pistole zu kommen, die auf dem Teppich lag. Stu schwang den Stuhl ein letztes Mal und schmetterte ihn auf Eiders Hinterkopf. Eider brach zusammen. Keuchend bückte Stu sich und hob die Pistole auf. Er trat zurück und richtete sie auf die liegende Gestalt, aber Eider bewegte sich nicht. Einen Augenblick später quälte ihn ein alptraumhafter Gedanke: Wenn Eiders Befehl nun gelautet hatte, ihn freizulassen, nicht zu erschießen? Aber das wäre unsinnig, oder? Wenn Eider den Befehl erhalten hatte, ihn freizulassen, wozu dann das Geschwätz über Wimmern und Winseln? Warum hätte er dann von »keinen wahnsinnig tollen« Befehlen sprechen sollen?
Nein - Eider war hergeschickt worden, um ihn umzubringen. Stu betrachtete zitternd die Gestalt am Boden. Wenn Eider jetzt aufstand, überlegte Stu, würde er ihn wahrscheinlich auf kürzeste Entfernung mit allen fünf Kugeln verfehlen. Aber er glaubte nicht, daß Eider aufstehen würde. Jetzt nicht; überhaupt nie mehr. Plötzlich war der Wunsch, hier wegzukommen, so übermächtig, dass er beinahe blind durch die Luftschleuse und in den angrenzenden Raum gestolpert wäre. Er war seit über einer Woche eingesperrt, jetzt wollte er nur noch frische Luft atmen und weit, weit weg von diesem gräßlichen Gefängnis.
Aber er mußte vorsichtig sein.
Stu ging zur Luftschleuse, trat hinein und drückte einen Knopf mit der Aufschrift MECHANISMUS. Eine Pumpe sprang an, lief kurze Zeit, dann ging die äußere Tür auf. Dahinter lag ein kleiner Raum, der nur mit einem Schreibtisch möbliert war. Draußen lagen ein dünner Stoss medizinischer Diagramme... und seine Kleidungsstücke. Diejenigen, die er auf dem Flug von Braintree nach Atlanta getragen hatte. Der kalte Finger des Grauens berührte ihn wieder. Diese Sachen wären zweifellos mit ihm zusammen im Krematorium gelandet. Medizinische Unterlagen, seine Kleidung. Leb wohl, Stuart Redman. Stuart Redmann wäre zur Unperson geworden. Sogar... Stu hörte ein leises Geräusch hinter sich und fuhr herum. Eider taumelte gebückt auf ihn zu und ließ dabei die Arme schlaff herunterhängen. Ein gezackter Plastiksplitter steckte in einem bluttriefenden Auge. Eider lächelte.