»Ich wußte, daß dich das abkühlen würde«, rief der Mann, den er als Richard Fry kannte, fröhlich. Er stellte den Eimer mit einem Scheppern ab. »Sach bloß, sach bloß, ich hab gewußt, daß das den Trick fettichbringen würrte, Kingfish! Dank wird gern entgegengenommen, mein Bester, Dank von dir an mich. Dankst du mir? Kannst nicht sprechen, hm? Nein? Doch ich weiß, im Grunde deines Herzens bist du mir dankbar.
leee-HAAAA!«
Er sprang in die Luft wie Bruce Lee in einem Kung-Fu-Epos von Run Run Shaw, mit gespreizten Knien, und schien einen Augenblick direkt über Kit Bradenton zu schweben, genau wie das Wasser, sein Schatten war ein Fleck auf Bradentons nassem Pyjama, und Bradenton tat einen kläglichen Schrei. Dann landeten die Knie rechts und links von Bradentons Brustkorb, und Richard Frys Schritt in den Jeans war wie die zwei Zinken einer Gabel, Zentimeter über der Brust, das Gesicht brannte auf Bradenton herunter wie die Fackel im Keller in einem Schauerroman.
»Ich mußte dich aufwecken, Mann«, sagte Fry. »Ich wollte nicht, dass du 'nen Abgang machst, ohne daß wir uns vorher noch mal unterhalten hätten.«
»... runter... runter... runter von mir...«
»Ich bin nicht auf dir, Mann, sachte, sachte. Ich schwebe nur über dir. Wie die große, unsichtbare Welt.«
Bradenton, der Todesängste ausstand, konnte nur keuchen und die gebannten Augen von dem fröhlichen, rauchenden Gesicht abwenden.
»Wir müssen uns über Segelwichs und Bienenwachs unterhalten und ob Hummeln einen Stachel haben. Außerdem über die Papiere, die du angeblich für mich hast, und das Auto, und die Autoschlüssel. Aber in deiner Gay-Rasche sehe ich nur einen Chevvy-Lieferwagen, und ich weiß, Kitekat, daß das deiner ist, also wie sieht's aus?«
»... sie... Papiere... kann nicht... kann nicht sprechen...« Er rang keuchend nach Luft. Seine Zähne flatterten aufeinander wie kleine Vögel in einem Baum.
»Du solltest aber sprechen können«, sagte Fry und streckte die Daumen aus. Sie hatten beide Gummigelenke (wie alle seine Finger), und er bewegte sie in Winkeln, die jeglicher Biologie und Physik zu trotzen schienen. »Wenn du es nämlich nicht machst, muss ich mir deine beiden Babyblauen an den Schlüsselbund hängen, und du wirst mit einem Blindenhund in der Hölle herumspazieren müssen.« Er stieß die Daumen auf Bradentons Augen zu, und Bradenton zuckte hilflos ins Kissen zurück.
»Wenn du es mir sagst, Mann«, sagte Fry, »lasse ich dir die richtigen Pillen da. Ich halte dich sogar hoch, damit du sie schlucken kannst. Dann geht's dir wieder gut, Mann. Pillen, die alles heilen.«
Bradenton, der jetzt nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst schlotterte, preßte die Worte zwischen klappernden Zähnen hervor.
»Papiere... auf den Namen Randall Flagg. Unten im Sekretär. Unter dem... Blaupapier.«
»Auto?«
Bradenton versuchte verzweifelt nachzudenken. Hatte er dem Mann ein Auto besorgt? Es war so weit weg, die Flammen des Deliriums lagen dazwischen, und das Delirium schien etwas mit seinem Denken angestellt und ganze Datenbänke gelöscht zu haben. Ganze Abschnitte seiner Vergangenheit waren ausgebrannte Fächer voll verschmorter Drähte und rußgeschwärzter Relais. Anstatt des Autos, über das der gräßliche Mann etwas wissen wollte, kam ihm das Bild seines eigenen allerersten Autos in den Sinn, ein Studebaker Baujahr 1953 mit einem Bug, den er rosa angemalt hatte. Fry legte Bradenton sanft eine Hand auf den Mund und drückte ihm mit der anderen die Nasenlöcher zu. Bradenton bäumte sich unter ihm auf. Gedämpftes Stöhnen drang unter Frys Hand hervor. Fry nahm beide Hände weg und sagte: »Bringt das deine Erinnerung auf Trab?«
Seltsamerweise ja.
»Auto...«, sagte er und hechelte dann wie ein Hund. Die Welt kreiste, kam zum Stillstand, und er konnte weitersprechen. »Auto parkt... hinter der Conoco-Tankstelle... gleich außerhalb der Stadt. Route 51.«
»Nördlich oder südlich der Stadt?«
»Söh... söh...«
»Ja, söh! Schon verstanden. Weiter.«
»Unter einer Plane. Buh... Buh... Buick. Fahrzeugschein am Lenkrad. Ausgestellt auf... Randall Flagg.« Er fing wieder an zu keuchen und konnte nicht mehr sagen oder tun, sondern Fry nur voll dumpfer Hoffnung ansehen.
»Schlüssel?«
»Bodenmatte. Unter...«
Frys Kehrseite schnitt alle weiteren Worte ab, indem sie auf Bradentons Brust sank. Dort ließ Fry sich nieder, als würde er sich in der Wohnung eines Freundes auf ein gemütliches Sitzkissen setzen, und plötzlich bekam Bradenton überhaupt keine Luft mehr. Er hauchte seinen allerletzten Atem mit einem einzigen Wort hinaus:
»...bitte...«
»Schönen Dank auch«, sagte Richard Fry/Randall Flagg mit einem breiten Grinsen. »Sag gute Nacht, Kit.«
Kit Bradent on konnte nicht sprechen, sondern nur die Augen in den aufgequollenen Höhlen verdrehen, bis nur noch das Weiße zu sehen war.
»Du sollst nicht denken, daß ich undankbar bin«, sagte der dunkle Mann sanft und sah auf ihn herab. »Es ist nur so, daß wir uns jetzt sputen müssen. Der Jahrmarkt macht früher auf. Alle Fahrten haben schon geöffnet, die Schießbuden und auch das Glücksrad. Und heute ist meine Glücksnacht, Kit. Ich spüre es. Ich spüre es ganz deutlich. Darum müssen wir uns beeilen.«
Es waren eineinhalb Meilen bis zur Conoco-Tankstelle, und als er dort ankam, war es Viertel nach drei Uhr morgens. Der Wind wehte stärker und heulte durch die Straßen; auf dem Weg hierher hatte der Mann drei tote Hunde und einen toten Mann gesehen. Der Mann hatte eine Art Uniform angehabt. Die Sterne hoch droben schienen kalt und hell, Fünkchen, die von der dunklen Haut des Universums schlugen.
Die Plane über dem Buick war straff auf den Boden gespannt, das Segeltuch flatterte im Wind. Als Flagg die Heringe herauszog, flog die Plane wirbelnd in die Nacht wie ein braunes Gespenst auf dem Weg nach Osten. Die Frage war, in welche Richtung ging sein Weg? Er stand neben dem Buick, einem gut erhaltenen Modell Baujahr 1975 (Autos hielten sich gut hier draußen: wenig Feuchtigkeit, so daß der Rost kaum einen Ansatz hatte), und schnupperte die nächtliche Sommerluft wie ein Kojote. Sie brachte das Parfüm der Wüste mit sich, wie man es so deutlich nur nachts riechen kann. Der Buick stand unversehrt inmitten eines Autofriedhofs ausgeschlachteter Teile, Monolithen der Osterinsel gleich in der windigen Stille. Ein Motorblock. Eine Achse, die wie die Hantel eines Bodybuilders aussah. Ein Stapel Reifen, in denen der Wind heulende Geräusche erzeugen konnte. Eine gesprungene Windschutzscheibe. Und vieles mehr.
Inmitten solcher Umgebungen konnte er am besten nachdenken. In solchen Umgebungen konnte jeder Mann Jago sein.
Er ging an dem Buick vorbei und strich mit der Hand über eine verbeulte Motorhaube, die einst zu einem Mustang gehört haben mochte. »Hey, little Cobra, don't ya know ya gonna shut ehm down...«, sang er leise. Er kickte mit einem staubigen Stiefel einen Einbauheizkörper um und legte ein Nest Juwelen frei, deren Feuer düster glomm. Rubine, Smaragde, Perlen so groß wie Gänseeier, Diamanten, Sternen gleich. Schnippte mit den Fingern in ihre Richtung. Weg waren sie. Wohin sollte er gehen?
Der Wind stöhnte durch das Flügelfenster eines alten Plymouth, in dessen Inneren kleine Lebewesen raschelten.
Etwas anderes raschelte hinter ihm. Er drehte sich um; es war Kit Bradenton, der nur eine knallgelbe Unterhose anhatte, wobei sein Dichterwanst über den Bund hing wie ein im Fallen erstarrter Erdrutsch. Bradenton kam über die verstreuten Bruchstücke von fahrbarem Metall aus Detroit auf ihn zu. Ein Grashalm stach durch seinen Fuß wie ein Kreuznagel, aber aus der Wunde floß kein Blut. Bradentons Nabel war ein schwarzes Auge.