Der dunkle Mann schnippte mit den Fingern, und Bradenton war fort. Er grinste und ging zu dem Buick zurück. Legte die Stirn auf di e Dachwölbung der Beifahrerseite. Zeit verging. Nach einer Weile richtete er sich, immer noch grinsend, wieder auf. Jetzt wußte er es. Er glitt hinters Lenkrad des Buick und trat das Gaspedal ein paarmal durch, um den Vergaser bereitzumachen. Der Motor sprang schnurrend an, die Nadel der Benzinanzeige schwenkte auf voll. Er fuhr an und um die Tankstelle herum, und die Scheinwerfer leuchteten einen Moment ein weiteres Paar Smaragde an, Katzenaugen, die argwöhnisch aus dem hohen Gras neben der Damentoilette der Conoco-Tankstelle hervorspähten. Im Maul der Katze hing der winzige, schlaffe Körper einer Maus. Als die Katze das grinsende, mondgleiche Gesicht hinter dem Fenster der Fahrerseite erblickte, ließ sie ihre Beute fallen und lief weg. Flagg lachte laut und aus vollem Herzen, das Lachen eines Mannes, der ausschließlich Gutes im Sinn hat. Als der Asphalt der ConocoTankstelle in den Highway überging, wandte er sich nach rechts und folgte dem Highway nach Süden.
32
Jemand hatte die Tür zwischen dem HS -Trakt und dem Zellentrakt gegenüber offengelassen, die Metallwände des Korridors wirkten wie ein natürlicher Verstärker, der das monotone Gebrüll, das schon den ganzen Morgen andauerte, ins Ungeheuerliche steigerte und hallen und widerhallen ließ, bis Lloyd Henreid davon überzeugt war, daß er durch das Geschrei und die sehr menschliche Angst, die er empfand, voll und ganz durchdrehen würde.
»Mutter«, ertönte der heisere, hallende Schrei. »Muutteer!«
Lloyd saß mit überkreuzten Beinen auf dem Fußboden seiner Zelle. Seine Hände waren blutbeschmiert; er sah aus wie ein Mann, der ein Paar rote Handschuhe angezogen hat. Das hellblaue Baumwollhemd der Gefängniskleidung war ebenfalls voll Blut, denn er hatte immer wieder die Hände daran abgewischt, um besser arbeiten zu können. Es war zehn Uhr morgens, 29. Juni. Gegen sieben Uhr heute morgen hatte er bemerkt, daß das rechte vordere Bein seiner Pritsche lose war, und seitdem versuchte er, die Bolzen herauszudrehen, mit denen es am Fußboden und der Unterkante des Bettrahmens befestigt war. Er versuchte es nur mit den Fingern als Werkzeuge, und es war ihm tatsächlich gelungen, fünf der sechs Bolzen herauszudrehen. Dafür sahen seine Finger jetzt wie rohes Hackfleisch aus. Der sechste Bolzen erwies sich als harte Nuß, aber Lloyd dachte, daß er auch ihn schaffen würde. Darüber hinaus hatte er überhaupt nicht gedacht. Nicht nachzudenken war die einzige Möglichkeit, nackter Panik zu entgehen.
»Muutteeer...«
Er sprang auf die Füße, von seinen verletzten, pochenden Fingern spritzten Blutstropfen auf den Fußboden, packte mit den Händen die Gitterstangen, schob das Gesicht so weit er konnte in den Korridor hinaus, und seine Augen quollen wütend hervor.
»Halt's Maul, Wichser!« schrie er. »Halt's Maul, du machst mich wahnsinnig!«
Eine lange Pause. Lloyd genoß die Stille, wie er früher einen brandheißen Viertelpfünder mit Käse von McD genossen hatte. Schweigen ist Gold hatte er immer für ein dummes Sprichwort gehalten, aber es war doch eindeutig was dran.
»MUUUUTTEERR....«, kam die Stimme wieder aus dem metallenen Hals der Wände zwischen den Zellen, so traurig wie ein Nebelhorn.
»Gott im Himmel«, murmelte Lloyd. »RUHE! RUHE! RUHE, DU ELENDER SCHWACHKOPF!«
»MUUUUUUUTTEEERRR...«
Lloyd wandte sich wieder dem Bein seiner Pritsche zu, machte sich wütend darüber her, wünschte sich wieder, er hätte ein Stemmeisen oder so etwas in seiner Zelle, und versuchte, nicht an die schmerzenden Finger und die Panik in seinem Kopf zu denken. Er versuchte sich zu erinnern, wann er seinen Anwalt zum letzten Mal gesehen hatte - solche Dinge wurden sehr rasch verschwommen in Lloyds Kopf, der den chronologischen Ablauf vergangener Ereignisse etwa so gut halten konnte wie ein Sieb Wasser. Vor drei Tagen. Ja. Am Tag, nachdem Mathers, der Wichser, ihm in die Eier getreten hatte. Zwei Wärter hatten ihn wieder nach unten ins Besprechungszimmer gebracht, und Shockley stand immer noch an der Tür, und hatte ihn begrüßt: Schau, da ist ja unser KlugscheißerSchleimbeutel wieder, was liegt denn an, Schleimbeutel, wieder was Vorlautes zu sagen? Und dann hatte Shockley den Mund aufgemacht, Lloyd mitten ins Gesicht geniest und mit dicker Spucke besprüht. Da hast du ein paar Bazillen, Schleimbeutel. Vom Gefängnisdirektor abwärts sind alle erkältet, und ich glaube, daß der Reichtum gerecht verteilt werden sollte. In Amerika sollte sogar elender Abschaum wie du sich wenigstens erkälten können.
Dann hatten sie ihn hineingeführt, und Devins hatte wie ein Mann ausgesehen, der versucht, ein paar ziemlich gute Neuigkeiten zurückzuhalten, falls sie sich letztendlich vielleicht doch als schlechte Neuigkeiten entpuppen sollten. Der Richter, der Llodys Fall anhören sollte, lag mit Grippe im Bett. Zwei andere Richter waren ebenfalls krank, entweder mit der Grippe, die umging, oder mit etwas anderem, daher waren die verbliebenen auf der Ersatzbank überlastet. Vielleicht konnten sie eine Verschiebung herausschinden. Halten Sie uns die Daumen, sagte der Anwalt. Wann wissen wir es? hatte Lloyd gefragt. Wahrscheinlich erst in allerletzter Minute, hatte Devins geantwortet. Keine Bange, ich lasse es Sie wissen. Aber seither hatte Lloyd ihn nicht mehr gesehen, und als er jetzt daran zurückdachte, fiel ihm ein, daß der Anwalt selbst eine laufende Nase gehabt hatte und ...
»Aaauuuuuuu Scheiße!«
Er sackte die Finger der rechten Hand in den Mund und schmeckte Blut. Aber der verdammte Bolzen hatte ein wenig nachgegeben, und das bedeutete, daß er ihn todsicher rauskriegen würde. Nicht einmal über den Mutter-Schreier hinten im Korridor ärgerte er sich mehr... wenigstens nicht so sehr. Er würde ihn kriegen. Danach brauchte er nur noch abzuwarten, was geschehen würde. Er saß mit den Fingern im Mund da und gönnte ihnen etwas Ruhe. Wenn er fertig war, würde er sein Hemd in Streifen reißen und sie verbinden.
»Mutter?«
»Ich weiß, was du mit deiner Mutter machen kannst«, murmelte Lloyd. Am Abend, nachdem er Devins zum letzten Mal gesehen hatte, wurden die ersten kranken Gefangenen hinausgebracht, sie wurden hinausgetragen, um es nicht noch deutlicher zu sagen, denn sie schafften nur die weg, die total hinüber waren. Trask, der Mann in Lloyds rechter Nachbarzelle, hatte ihn darauf hingewiesen, daß auch die meisten Wärter sich anhörten, als hätten sie selbst die Nase voll Rotz. Vielleicht bringt uns das was, sagte Trask. Was, hatte Lloyd gefragt. Ich weiß nicht, sagte Trask. Er war ein hagerer Mann mit langem Bluthund-Gesicht und erwartete im HS-Trakt seinen Prozess wegen bewaffnetem Raubüberfalls und Körperverletzung mit einer tödlichen Waffe. Vielleicht Aufschub, sagte er. Keine Ahnung.
Trask hatte sechs Joints unter der dünnen Matratze seiner Pritsche und gab vier davon einem Wärter, der noch okay zu sein schien, damit er ihm erzählte, was draußen vor sich ging. Der Wärter sagte, daß die Leute Phoenix in alle Himmelsrichtungen verließen. Viele seien krank, und die Leute krächzten schneller, als ein Pferd traben konnte. Die Regierung behauptete, daß bald ein geeigneter Impfstoff zur Verfügung stehen werde, aber die meisten Leute hielten das für Käse. Viele kalifornische Radiosender berichteten echt schreckliche Dinge über Kriegsrecht und Straßensperren durch die Armee, Nationalgardisten mit automatischen Waffen und Gerüchte, die besagten, daß die Leute zu Zehntausenden starben. Der Wärter sagte, er würde sich nicht wundern, wenn sich herausstellte, daß die langhaarigen perversen Sympathisanten etwas ins Trinkwasser getan hätten.
Der Wärter sagte, ihm selbst ginge es gut, aber nach der Schicht würde er sofort abhauen. Er habe gehört, die Armee würde ab morgen früh die US 17, US 1-10 und die US 80 sperren, aber vorher wolle er seine Frau und sein Kind in den Wagen laden, dazu so viele Lebensmittel, wie er auftreiben konnte, und in den Bergen bleiben, bis alles vorbei sei. Er habe dort oben eine Hütte, sagte der Wärter, und wenn einer sich auf mehr als dreißig Meter näherte, würde er ihm eine Kugel durch den Kopf jagen.