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Als er diesen jämmerlichen Ersatz für eine Mahlzeit hinter sich hatte, ging er rastlos zur rechten Seite der Zelle. Er sah nach unten und unterdrückte einen Aufschrei des Ekels. Trask lag halb auf der Pritsche, seine Hosenbeine waren ein wenig hochgerutscht. Über den Gefängnispantoffeln, die sie einem hier gaben, waren die bloßen Knöchel zu sehen. Eine große schlanke Ratte tat sich an Trasks Bein gütlich. Ihr widerlicher rosa Schwanz war fein säuberlich um den grauen Leib geringelt.

Lloyd ging in die andere Ecke seiner Zelle und hob das Pritschenbein auf. Er ging zurück und wartete ab, ob die Ratte ihn sehen und einen Ort mit etwas stillerer Gesellschaft aufsuchen würde. Aber die Ratte wandte ihm den Rücken zu, und soweit Lloyd abschätzen konnte, ahnte sie nicht einmal etwas von seiner Anwesenheit. Lloyd schätzte die Entfernung mit dem Auge ab und kam zum Ergebnis, daß das Pritschenbein einen Volltreffer landen würde.

»Hah!« machte Lloyd und holte mit dem Pritschenbein aus. Es quetschte die Ratte gegen Trasks Bein, und Trask rutschte mit einem steifen Platscher von der Pritsche. Die Ratte lag betäubt auf der Seite und atmete nur noch schwach. Sie hatte Blutstropfen in den Schnurrhaaren. Ihre Hinterbeine bewegten sich, als würde das kleine Rattenhirn ihr den Rat geben wegzulaufen, aber irgendwo entlang der Wirbelsäule schienen die Signale völlig durcheinanderzugeraten. Lloyd schlug noch einmal zu und machte ihr den Garaus.

»Das hast du davon, Mistvieh«, sagte Lloyd. Er legte das Pritschenbein weg und ging zur Koje zurück. Ihm war heiß, ängstlich und zum Weinen zumute. Er blickte über die Schulter zurück und schrie: »Wie gefällt es dir in der Rattenhöhle, elender kleiner Pisser?«

»Mutter?« antwortete eine fröhliche Stimme. »Muuutter!«

»Halt's Maul!« brüllte Lloyd. »Ich bin nicht deine Mutter! Deine Mutter ist in einem Hurenhaus in Asshole, Indiana, fürs Blasen zuständig!«

»Mutter?« sagte die Stimme voller Zweifel. Dann verstummte sie. Lloyd fing an zu weinen. Dabei rieb er sich wie ein kleiner Junge mit den Fäusten die Augen. Er wollte ein Steak-Sandwich, er wollte mit seinem Anwalt sprechen, er wollte hier raus.

Schließlich legte er sich auf die Pritsche, legte einen Arm über die Augen und masturbierte. Die Methode war zum Einschlafen so gut wie jede andere.

Als er wieder aufwachte, war es fünf Uhr nachmittags, und im Hochsicherheitstrakt herrschte Totenstille. Benommen stand Lloyd von der Pritsche auf, die sich jetzt wie betrunken zu der Seite hinabneigte, wo ihr ein Bein fehlte. Er ergriff das Bein und schlug damit gegen die Gitterstäbe wie der Koch auf einer Farm, der das Gesinde zum Essen ruft. Essen. Welch ein Wort, hatte es je ein schöneres gegeben? Schweinesteaks mit Kartoffeln und Soßen und jungen grünen Erbsen und Milch mit Hershey-Schokoladensirup drin. Und ein großer Becher Erdbeereis als Nachtisch. Nein, es gab kein Wort, daß sich mit Essen vergleichen ließ.

»He, ist niemand da?« rief Lloyd, und seine Stimme überschlug sich. Keine Antwort. Nicht einmal der Ruf nach der Mutter. In diesem Augenblick hätte er sich sogar darüber gefreut. Selbst Verrückte waren bessere Gesellschaft als Tote.

Lloyd ließ das Pritschenbein klirrend auf den Boden fallen. Er stolperte zu seiner Pritsche zurück, hob die Matratze hoch und machte Inventur. Noch zwei Kanten Brot, zwei Handvoll Datteln, ein halb abgenagtes Kotelett, ein Stück Wurst. Er riß die Wurst in zwei Teile und aß das größere Stück, aber das regte nur seinen Appetit an und entfachte ihn um so mehr.

»Jetzt nichts mehr«, flüsterte er, dann nagte er den Rest Fleisch vom Knochen und machte sich bittere Vorwürfe und fing wieder an zu weinen. Er würde hier drinnen sterben, so wie das Kaninchen in seinem Käfig gestorben war und Trask in seiner Zelle. Trask.

Er sah lange und nachdenklich in Trasks Zelle und beobachtete die Fliegen beim Kreisen, Landen und Wiederaufsteigen. Trasks Gesicht war ein regelrechter L. A. International Airport für Fliegen. Schließlich nahm Lloyd das Pritschenbein, ging zu den Gitterstäben und schob es hindurch. Wenn er sich auf Zehenspitzen stellte, konnte er den Kadaver der Ratte gerade noch erreichen und in seine Zelle herüberziehen.

Als sie nahe genug war, kniete Lloyd sich hin und zog die Ratte auf seine Seite. Er hob sie am Schwanz hoch und ließ den Kadaver lange vor seinen Augen baumeln. Dann legte er sie unter die Matratze, wo die Fliegen sie nicht erreichen konnten, aber er legte den schlaffen Körper getrennt von den Resten seiner Verpflegung hin. Er starrte die Ratte eine lange Zeit an, bevor er die Matratze fallen ließ und das Tier gnädig vor seinen Blicken verbarg.

»Für alle Fälle«, flüsterte Lloyd Henreid in die Stille. »Nur für alle Fälle.«

Dann stieg er auf das andere Ende der Pritsche, zog die Knie bis ans Kinn und saß still.

33

Als die Uhr über der Tür im Büro des Sheriffs zweiundzwanzig Minuten vor neun zeigte, ging das Licht aus.

Nick Andros las ein Taschenbuch, das er vom Regal im Drugstore genommen hatte, einen Schauerroman über eine verängstigte Gouvernante, die dachte, daß es auf dem einsamen Anwesen, wo sie die Söhne ihres hübschen Dienstherrn unterrichten sollte, nicht geheuer sei und spukte. Obwohl er nicht einmal die Hälfte des Buches gelesen hatte, wußte Nick schon, daß es sich bei dem Gespenst in Wirklichkeit um die Frau des hübschen Dienstherrn handelte, die höchstwahrscheinlich auf dem Dachboden eingesperrt war und vollkommen plemplem war.

Als das Licht ausging, spürte er, wie sein Herz in der Brust einen Schlag aussetzte und eine Stimme tief aus seinem Inneren, wo die Alpträume warteten, die ihn mittlerweile jedesmal heimsuchten, wenn er schlief, flüsterte: Er kommt zu dir... er ist schon da draußen, auf den Highways der Nacht... den versteckten Highways... der dunkle Mann...

Er legte das Taschenbuch auf den Tisch und ging auf die Straße hinaus. Der letzte Rest Tageslicht war noch nicht vom Himmel verschwunden, aber die Dämmerung war fast vorbei. Alle Straßenlaternen waren dunkel. Das Neonlicht im Drugstore, das Tag und Nacht gebrannt hatte, war ebenfalls erloschen. Auch das gedämpfte Summen der Verteilerkästen auf den Strommasten war verstummt; Nick fand das heraus, indem er eine Hand an einen hielt und nur Holz spürte. Die Vibration, die ihm in diesem Fall das Gehör ersetzte, hatte aufgehört.

In der Vorratsschublade des Büros waren Kerzen, eine ganze Schachtel, aber der Gedanke an Kerzen tröstete Nick nicht sonderlich. Die Tatsache, daß die Lichter ausgegangen waren, hatte ihn schwer getroffen, und jetzt stand er nur da, sah nach Westen und flehte das Licht stumm an, es möge ihn nicht im Stich und in diesem dunklen Friedhof allein lassen.

Aber das Licht schwand. Gegen zehn nach neun konnte Nick nicht einmal mehr so tun, als wäre noch ein schwacher Streif am Horizont, daher ging er ins Büro zurück und tastete sich zu dem Schrank, wo die Kerzen verwahrt wurden. Er kramte in der Schublade nach der richtigen Schachtel, als die Tür hinter ihm aufgestoßen wurde und Ray Booth mit schwarzem, aufgedunsenem Gesicht und dem LSU-Ring am Finger hereingetaumelt kam. Seit dem Abend des 22. Juni, vor einer Woche, hatte er sich in den Wäldern am Stadtrand versteckt. Am Morgen des 24. hatte er sich krank gefühlt, und heute abend schließlich hatten ihn Hunger und Angst um sein Leben in die Stadt getrieben, wo er keinen Menschen mehr gesehen hatte, außer dem verfluchten Taubstummen, der ihn überhaupt erst in diese Klemme gebracht hatte. Der Taubstumme war über den Marktplatz stolziert und hatte sich aufgeplustert wie Billy-der-Verfluchte, als würde ihm die Stadt gehören, wo Ray sein ganzes Leben verbracht hatte, und er hatte die Waffe des Sheriffs an der rechten Hüfte im Halfter, das mit einem Lederband wie bei einem echten Revolvermann am Schenkel gesichert war. Vielleicht dachte er ja wirklich, daß ihm die Stadt gehörte. Ray ahnte, daß auch er bald an dem sterben würde, was offenbar alle anderen abgemurkst hatte, aber vorher wollte er dem elenden Krüppel zeigen, daß ihm ein Scheißdreck gehörte.