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»Hast du was gesagt?« fragte Lucy.

»Nein.«

Dann ging Stu über die Bühne zum Rednerpult. Sein roter Pullover und seine Bluejeans strahlten hell und klar im Schein der Notleuchten, die von einem Honda-Generator gespeist wurden, den Brad Kitchner mit einigen seiner Leute aus dem Kraftwerk aufgestellt hatte. Irgendwo in der Mitte des Saales begann der Applaus, Larry wußte nicht genau wo, und der Zyniker in ihm war überzeugt, dass dieser Applaus von Glen Bateman, dem hiesigen Fachmann für Massenbeeinflussung, arrangiert worden war. Es spielte eigentlich auch keine Rolle. Nach dem anfänglichen zögernden Klatschen schwoll der Applaus zu einem Orkan an. Auf der Bühne blieb Stu am Rednerpult stehen und wirkte komisch erstaunt. Jetzt mischten sich Hochrufe und schrille Pfiffe in den Applaus.

Dann standen die Anwesenden auf; der Beifall schwoll an wie das Prasseln heftigen Regens und die Leute schrien: »Bravo! Bravo!«

Stu hob die Hände, aber sie hörten nicht auf; der Beifall wurde sogar doppelt so laut. Larry sah Lucy an und stellte fest, daß sie begeistert klatschte. Sie hielt den Blick auf Stu gerichtet. Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem zitternden, aber triumphierenden Lächeln.

Sie weinte. Auf der anderen Seite applaudierte Leo ebenfalls und klatschte so heftig in die Hände, daß Larry fürchtete, sie würden abfallen, wenn Leo nicht aufhörte. In seiner Freude hatte Leo seinen mühsam wiedererlangten Wortschatz vergessen, so wie ein Mann oder eine Frau das Englische vergessen, wenn sie es als Fremdsprache gelernt haben. Er konnte nur laut und begeistert johlen.

Brad und Ralph hatten auch ein Mikrofon an den Generator angeschlossen, und nun blies Stu hinein und sagte: »Ladies and Gentlemen...«

Aber der Applaus hielt an.

»Ladies and Gentlemen, wenn Sie bitte Platz nehmen wollen...«

Aber sie waren nicht bereit, sich zu setzen. Der Applaus ging immer weiter, und Larry sah nach unten, weil seine eigenen Hände schmerzten, und merkte, daß er selbst genauso frenetisch klatschte wie die anderen.

»Ladies and Gentlemen...«

Der Applaus donnerte und hallte. Eine Familie Schwalben, die sich, nachdem die Seuche zugeschlagen hatte, in diesem schönen ruhigen Saal eingenistet hatten, flatterten panisch herum und versuchten verzweifelt, irgendwohin zu fliegen, wo keine Menschen waren.

Wir applaudieren uns selbst, dachte Larry. Wir applaudieren der Tatsache, daß wir hier zusammen sind und noch leben. Vielleicht sagen wir unserem neuen Gruppenbewußtsein Hallo, ich weiß nicht. Hallo, Boulder. Endlich. Schön, daß wir hier sind, schön, daß wir leben.

»Ladies and Gentlemen, nehmen Sie bitte Platz, das wäre mir sehr recht.«

Der Applaus ließ allmählich ein wenig nach. Jetzt hörte man Frauen - und auch ein paar Männer - schluchzen. Nasen wurden geschneuzt. Unterhaltungen wurden geflüstert. Das typische Auditoriumsrauschen, als die Leute sich wieder setzten.

»Ich bin froh, daß Sie alle hier sind«, sagte Stu. »Ich bin auch froh, daß ich selbst hier bin.« Aus dem Mikrofon kamen pfeifende Rückkopplungsgeräusche, und Stu murmelte: »Verdammtes Ding«, was deutlich in den ganzen Saal übertragen wurde. Hier und da wurde gelacht; Stu wurde rot. »Ich glaube, an so was werden wir uns alle erst wieder gewöhnen müssen«, sagte er, und das löste wieder Beifall aus.

Als der nachgelassen hatte, sagte Stu: »Für diejenigen, die mich nicht kennen, ich bin Stuart Redman aus Arnette, Texas, und ich kann Ihnen sagen, das liegt ziemlich weit von hier entfernt.« Er räusperte sich, und wieder erklang Rückkopplungspfeifen, so daß er argwöhnisch einen Schritt vom Mikro zurücktrat. »Außerdem bin ich ziemlich nervös hier oben, haben Sie bitte Verständnis...«

»Haben wir, Stu!« brüllte Harry Dunbarton fröhlich, und einige lachten zustimmend. Wie die Zeltmission, dachte Larry. Als nächstes werden sie anfangen, Psalmen zu singen. Wenn Mutter Abagail hier wäre, würden wir es sicher schon.

»Ich habe zuletzt vor so vielen Leuten gestanden, als unsere kleine High School an den Footballmeisterschaften teilnehmen durfte, und da standen außer mir noch einundzwanzig andere Jungs zum Ansehen da, ganz abgesehen von Mädchen in kurzen Röcken.«

Eine herzliche Lachsalve.

Lucy zupfte Larry am Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Worüber hat er sich Sorgen gemacht? Er ist ein Naturtalent.«

Larry nickte.

»Aber wenn Sie Verständnis haben, werde ich es schon irgendwie durchstehen«, sagte Stu.

Wieder Applaus. Diese Menge würde bei Nixons Rücktrittsansprache applaudieren und verlangen, daß er sie mit Klavierbegleitung wiederholt, dachte Larry.

»Zuerst sollte ich Ihnen einiges über das Ad-hoc-Komitee erzählen, und warum ich überhaupt hier bin«, sagte Stu. »Wir haben uns zu siebt zusammengesetzt und diese Versammlung geplant, denn es ist dringend erforderlich, daß wir uns irgendwie organisieren. Es gibt viel zu tun, und ich möchte Ihnen jedes Mitglied unseres Komitees vorstellen. Ich hoffe, daß Sie für diese Leute ebenfalls noch ein wenig Beifall übrig haben, denn sie haben mit viel Fleiß die Tagesordnung ausgearbeitet, die Sie jetzt in Händen halten. Zuerst Miss Frances Goldsmith. Steh auf, Frannie, damit die Leute sehen, wie du in einem Kleid aussiehst.«

Fran stand auf. Sie trug ein hübsches mattgrünes Kleid und eine schlichte Perlenkette, die früher zweitausend Dollar gekostet haben mochte. Die Leute klatschten, und in den Applaus mischten sich beifällige Pfiffe.

Fran setzte sich errötend wieder, und bevor der Applaus ganz abklingen konnte, fuhr Stu fort: »Mr. Glen Bateman aus Woodsville, New Hampshire.«

Glen stand auf, und sie applaudierten ihm. Er machte mit beiden Händen die Geste des V, worauf die Menge zustimmend tobte. Als zweitletzten stellte Stu Larry vor, und der stand auf, merkte, dass Lucy ihm zulächelte, und dann schlug auch über ihm eine warme Woge Applaus zusammen. Früher, dachte er, in einer anderen Welt, hätte es Konzerte gegeben, und diese Art Beifall wäre dem letzten Lied vorbehalten gewesen, einem unwichtigen kleinen Song mit dem Titel »Baby, Can You Dig Your Man?« Aber dies war besser. Er stand nur eine Sekunde, aber es kam ihm länger vor. Er wußte jetzt, daß er seine Nominierung nicht ablehnen würde.

Stu stellte Nick als letzten vor, und der bekam den längsten und lautesten Applaus.

Als er abflaute, sagte Stu: »Es ist zwar in der Tagesordnung nicht vorgesehen, aber ich schlage vor, daß wir zuerst die Nationalhymne singen. Ich denke, Sie werden sich an Text und Melodie erinnern.«

Scharren und Rascheln, als die Leute aufstanden, dann eine Pause, während alle darauf warteten, daß jemand anfing. Dann sang ein Mädchen mit wohlklingender Stimme die ersten drei Silben: »Oh,  say can -« Es war Frannies Stimme, aber ganz kurz kam es Larry so vor, als würde sie eine andere Stimme begleiten, seine eigene, und er war nicht in Boulder, sondern in Vermont, es war der 4. Juli, die Republik war zweihundertvierzehn Jahre alt, und Rita lag mit grüner Kotze im Mund tot hinter ihm im Zelt, die Flasche mit den Tabletten noch in der steifen Hand.

Eine Gänsehaut überlief ihn, und plötzlich hatte er das Gefühl, dass sie beobachtet wurden, von etwas beobachtet, das, wie es in dem alten Song der Who hieß,  for miles and miles and miles sehen konnte. Etwas Schrecklichem und Dunklem und Fremdem. Einen Augenblick lang verspürte er den Drang, von hier wegzulaufen, zu laufen und nie mehr stehenzubleiben. Dies war kein Spiel. Es war eine ernste Angelegenheit; eine tödliche Angelegenheit. Vielleicht noch schlimmer.

Dann fielen andere Stimmen ein. » ...can you see, by the dawn's early light«, und Lucy sang mit, hielt dabei seine Hand, weinte wieder, und auch andere weinten, die meisten weinten, weinten um alles Verlorene und Bittere, um den verschwundenen amerikanischen Traum mit chromglänzenden Rädern und Einspritzmotor, und Larry dachte nicht mehr an Rita, die tot im Zelt lag, sondern an sich und seine Mutter im Yankee-Stadion - es war der 29. September, die Yankees lagen nur eineinhalb Spiele hinter den Red Sox, alles war noch möglich. Im Stadion waren 55000 Menschen, alle standen, die Spieler auf dem Platz hielten die Mützen ans Herz, Guidry auf dem Hügel, Ricky Henderson im hinteren Mittelfeld (» ...by the twilight's last gleaming...«), und in der purpurfarbenen Dämmerung war das Flutlicht eingeschaltet, Falter und andere nächtliche Insekten flogen mit weichem Aufprall dagegen, und um sie herum lag das pulsierende New York, Stadt der Nacht und des Lichts.