Eine Stunde später war sie im Sunrise Amphitheater - aber der Sonnenaufgang war noch drei oder mehr Stunden entfernt. Das Amphitheater lag dicht unter dem Gipfel des Flagstaff Mountain, und fast alle Einwohner der Freien Zone hatten schon kurz nach ihrer Ankunft in Boulder einen Ausflug zum Campingplatz auf dem Gipfel gemacht. An klaren Tagen - und in Boulder waren wenigstens im Sommer die Tage meistens klar - konnte man Boulder und die I-25 sehen, die in südlicher Richtung nach Denver führte, und weiter in den Dunst, wo zweihundert Meilen entfernt New Mexico lag. Im Osten war das flache Land, das sich bis Nebraska erstreckte; näher lag der Boulder Canyon, ein tiefer Einschnitt in den Ausläufern der Berge, wo Pinien und Fichten wuchsen. In vergangenen Sommern waren Segelflugzeuge wie Vögel mit den Aufwinden über dem Sunrise Amphitheater geschwebt.
Jetzt sah Nadine nur, was sie im Schein ihrer Taschenlampe erkennen konnte, die sie in der Nähe des Steilhangs auf einen Picknicktisch gelegt hatte. Daneben lag ein großer Zeichenblock, in dem sie ein leeres Blatt aufgeschlagen hatte, und darauf stand wie eine große Spinne das dreieckige Brett. Aus seinem Bauch ragte wie der Stachel einer Spinne ein Bleistift, der leicht das Papier berührte. Nadine war in einem fiebrigen Zustand, der halb Euphorie und halb Entsetzen war. Als sie mit der tapfer schnurrenden Vespa, die gewiss nicht für Bergfahrten gedacht war, hierhergefahren war, hatte sie etwas Ähnliches gespürt wie Harold damals in Nederland. Sie spürte ihn. Aber während Harold es auf eine präzise und technologische Weise empfunden hatte, als ein Stück Eisen, welches von einem Magneten angezogen wurde, als einen Sog, empfand Nadine es als mystische Erfahrung, als Grenzüberschreitung. Es war, als wären diese Berge, in deren Vorgebirge sie sich erst befand, ein Niemandsland zwischen zwei Einflußsphären - Flagg im Westen, die alte Frau im Osten. Und hier wirkte die Magie nach beiden Seiten, mischte sich zu einem Gebräu, das weder Gott noch dem Satan gehörte, aber völlig heidnisch war. Sie kam sich vor wie in einer Geisterstätte.
Und das Spiritistenbrett...
Sie hatte den bunten Karton mit der Aufschrift MADE IN TAIWAN achtlos weggeworfen; mochte der Wind ihn sich holen. Das Brett selbst bestand nur aus einer schäbigen Holzfaser- oder Preßspanplatte. Aber das spielte keine Rolle. Es war ein Werkzeug, das sie nur einmal benutzen würde - nur einmal zu benutzen wagte -, und selbst ein schlecht hergestelltes Werkzeug kann seinem Zweck dienen: eine Tür aufbrechen, ein Fenster schließen, einen Namen schreiben.
Ihr fiel die Aufschrift auf dem Karton wieder ein: Verblüffen Sie Ihre Freunde! Verschönern Sie Ihre Parties!
Wie hieß noch der Song, den Larry manchmal während der Fahrt auf dem Sitz seiner Honda geplärrt hatte? Hello, Central, what's the matter with your line? I want to talk to...
Mit wem sprechen? Aber das war ja gerade die Frage. Sie dachte zurück, wie sie das Spiritistenbrett im College ausprobiert hatte. Das war über zwölf Jahre her... aber es hätte auch erst gestern sein können. Sie war nach oben gegangen, um jemand im dritten Stock des Wohnheims, ein Mädchen namens Kachel Timms, nach den Hausaufgaben in einer Arbeitsgemeinschaft zu fragen, die sie beide besuchten. Der Saal war voller Mädchen, mindestens sechs oder acht, die kicherten und lachten. Nadine wußte noch, sie hatte gedacht, daß sie sich benahmen, als wären sie von etwas high, als hätten sie etwas geraucht, womöglich sogar gedrückt.
»Aufhören!« sagte Rachel, die selbst kicherte. »Wie könnt ihr erwarten, daß die Geister sich melden, wenn ihr euch alle wie alberne Gänse benehmt?«
Die Vorstellung kichernder Gänse erschien ihnen überaus komisch, daher hallte eine Weile eine neuerliche weibliche Lachsalve durch den Saal. Das Spiritistenbrett hatte damals wie heute ausgesehen, eine dreieckige Spinne auf drei Stummelbeinen, ein Bleistift, der nach unten zeigte. Während sie kicherten, nahm Nadine eines der überformatigen Blätter des Zeichenblocks und las die »Botschaften von der Astralebene« durch, die schon eingetroffen waren.
Tommy sagt, du hast schon wieder diese Erdbeerdusche benützt.
Mutter sagt, es geht ihr gut.
Chunga! Chunga!
John sagt, du furzt nicht soviel, wenn du keine BOHNEN aus der MENSA mehr ißt!!!!!
Andere, ebenso alberne.
Mittlerweile war das Kichern so weit abgeklungen, daß sie von vorne anfangen konnten. Drei Mädchen saßen auf einem Bett; jede hatte eine Fingerspitze auf einer anderen Seite des Bretts. Einen Moment passierte gar nichts. Dann zitterte das Brett.
»Das warst du, Sandy!« sagte Rachel vorwurfsvoll.
»Nein!«
»Pssst!«
Das Brett bewegte sich wieder, und die Mädchen verstummten. Es bewegte sich, hielt inne, bewegte sich wieder. Es machte den Buchstaben V.
»Vau...«, sagte das Mädchen namens Sandy.
»Vau weia, kann ich da nur sagen«, sagte eine andere, worauf sie wieder zu kichern anfingen.
» Pssst!« sagte Rachel streng.
Der Bleistift bewegte sich schneller, schrieb die Buchstaben A, T, E und R.
»Vater mein, ich bin dein«, sagte ein Mädchen namens Patty sooder-so und kicherte. »Das muß mein Vater sein, er ist an einem Herzanfall gestorben, als ich drei war.«
»Es schreibt noch mehr«, sagte Sandy.
S, A, G, T, buchstabierte das Brett langwierig.
»Was geht hier vor?« flüsterte Nadine einem großen Mädchen mit Pferdegesicht zu, das sie nicht kannte. Das Mädchen mit dem Pferdegesicht hatte die Hände in den Taschen und sah alles mit einem mißbilligenden Gesichtsausdruck an.
»Ein paar Mädchen spielen mit etwas, das sie nicht verstehen«, sagte das Mädchen mit dem Pferdegesicht. » Das geht vor.« Sie flüsterte noch leiser.
»VATER SAGT PATTY«, las Sandy vor. »Es ist tatsächlich dein alter Herr, Pats.«
Neuerliches Kichern.
Das Mädchen mit dem Pferdegesicht hatte eine Brille auf. Jetzt nahm es die Hände aus den Taschen des Overalls, den es trug, und zog damit die Brille ab. Es polierte sie und erklärte Nadine weiter im Flüsterton: »Das Spiritistenbrett ist ein Werkzeug, das von Hellsehern und Medien benützt wird. Kinästheologen...«
»Was für -ologen?«
»Wissenschaftler, die Bewegung studieren, und das Zusammenwirken von Muskeln und Nerven.«
»Oh.«
»Sie behaupten, daß der Bleistift eigentlich auf winzigste Muskelbewegungen reagiert und dabei mehr vom unterbewußten als vom bewußten Verstand gelenkt wird. Selbstverständlich behaupten Hellseher und Medien, daß Wesenheiten aus der Geisterwelt den Bleistift bewegen...«
Die Mädchen, die sich um das Brett drängten, stießen wieder eine hysterische Kichersalve aus. Nadine sah über die Schulter des Mädchens mit dem Pferdegesicht und sah, daß die Nachricht nun lautete: »VATER SAGT PATTY SOLLTE NICHT MEHR.«
»... so oft aufs Klo gehen«, schlug eines der Mädchen aus dem Zuschauerkreis vor, worauf sie wieder lachten.
»Wie auch immer, sie albern nur damit herum«, sagte das Mädchen mit dem Pferdegesicht und schniefte mißbilligend. »Das ist sehr unklug. Medien und Wissenschaftler sind sich darin einig, dass automatisches Schreiben gefährlich sein kann.«
»Glaubst du, die Geister sind heute nacht nicht wohlgesonnen?« fragte Nadine leichthin.
»Vielleicht sind die Geister nie wohlgesonnen«, sagte das Mädchen mit dem Pferdegesicht und sah sie stechend an. »Oder man bekommt eine Botschaft aus dem Unterbewußtsein, auf die man überhaupt nicht vorbereitet war. Es gibt nachweisliche Fälle, bei denen das automatische Schreiben völlig außer Kontrolle geraten ist, weißt du. Leute sind verrückt geworden.«
»Ach, das ist aber weit hergeholt. Es ist doch nur ein Spiel.«