»Tom, hörst du mich?« fragte Stu.
»Ja, ich höre dich«, sagte Tom mit einer Stimme, bei der Stu ruckartig aufsah.
Sie war anders als Toms übliche Stimme, aber auf eine Weise, die Stu nicht fassen konnte. Sie erinnerte ihn an einen Vorfall, als er achtzehn gewesen war und den Abschluß an der High School gemacht hatte. Sie waren vor dem Festakt in der Umkleidekabine der Jungs gewesen, alle Jungs, mit denen er zur Schule ging seit... nun, in mindestens vier Fällen seit dem ersten Schultag der ersten Klasse, in vielen anderen fast genauso lang. Einen Augenblick hatte er gesehen, wie sehr sich ihre Gesichter zwischen den alten Zeiten, den Anfangstagen, und diesem Moment der Einsicht, als er mit einem schwarzen Talar in der Hand auf dem Kachelboden des Umkleideraums stand, verändert hatten. Diese Vision der Veränderung hatte ihn damals zum Zittern gebracht, und sie brachte ihn jetzt wieder zum Zittern. Die Gesichter, in die er gesehen hatte, waren nicht mehr die Gesichter von Kindern gewesen... aber auch noch nicht die Gesichter von Männern. Es waren Gesichter im Limbus, Gesichter, die genau zwischen zwei klar umrissenen Existenzebenen hingen. Diese Stimme, die aus dem Schattenland von Tom Cullens Unterbewußtsein kam, schien wie diese Gesichter zu sein, nur unendlich trauriger. Stu fand, es war die Stimme des Mannes, der er niemals sein würde.
Aber sie warteten, daß er weitermachte, und er mußte weitermachen.
»Ich bin Stu Redman, Tom.«
»Ja. Stu Redman.«
»Nick ist hier.«
»Ja, Nick ist hier.«
»Ralph Brentner ist auch hier.«
»Ja, Ralph auch.«
»Wir sind deine Freunde.«
»Ich weiß.«
»Wir möchten, daß du etwas tust, Tom. Für die Zone. Es ist gefährlich.«
»Gefährlich...«
Sorge zog über Toms Gesicht, so langsam wie ein Wolkenschatten über ein sommerliches Maisfeld zieht.
»Muß ich Angst haben? Muß ich...« Er verstummte und seufzte. Stu sah Nick besorgt an.
Nick formte mit den Lippen: Ja.
»Er ist es«, sagte Tom und seufzte voll Grauen. Es hörte sich an wie ein kalter Novemberwind, der durch die kahlen Zweige von Eichen fährt. Stu schauderte wieder innerlich. Ralph war blaß geworden.
»Wer, Tom?« fragte Stu sanft.
»Flagg. Sein Name ist Randy Flagg. Der dunkle Mann. Soll ich...«
Wieder dieser langgezogene, bittere und klägliche Seufzer.
»Woher kennst du ihn, Tom?« Das stand nicht im Drehbuch.
»Träume... ich habe sein Gesicht in Träumen gesehen.«
Ich habe sein Gesicht in Träumen gesehen. Aber keiner von ihnen hatte sein Gesicht gesehen. Es war immer verborgen.
»Du hast ihn gesehen?«
»Wie sieht er aus, Tom?«
Tom sagte lange nichts. Stu dachte schon, daß er nicht antworten würde, und wollte anhand des »Drehbuchs« weitermachen, als Tom sagte:
»Er sieht aus wie jeder, den man auf der Straße sieht. Aber wenn er grinst, fallen die Vögel tot von Telefonleitungen. Wenn er einen auf bestimmte Weise ansieht, tut die Prostata weh und der Urin brennt. Wo er ausspuckt, wird das Gras gelb und stirbt. Er ist immer draußen. Er kam aus der Zeit. Er kennt sich selbst nicht. Er hat die Namen von tausend Dämonen. Jesus hat ihn einmal unter die Schweine gestoßen. Sein Name ist Legion. Er hat Angst vor uns. Wir sind drinnen. Er beherrscht Magie. Er kann die Wölfe rufen und in den Krähen leben. Er ist der König von Nirgendwo. Aber er hat Angst vor uns. Er hat Angst vor dem... Drinnen.«
Tom verstummte.
Die drei sahen einander bleich wie Grabsteine an. Ralph hatte den Hut vom Kopf genommen und knetete ihn zwanghaft zwischen den Händen. Nick hielt sich eine Hand vor die Augen. Stus Hals hatte sich in trockenes Glas verwandelt.
Sein Name ist Legion. Er ist der König von Nirgendwo.
»Kannst du noch etwas über ihn sagen?« fragte Stu mit leiser Stimme.
»Nur, daß ich auch Angst vor ihm habe. Aber ich mache, was ihr wollt. Aber Tom... hat solche Angst.« Wieder dieser schreckliche Seufzer.
»Tom«, sagte Ralph plötzlich. »Weißt du, ob Mutter Abagail... ob sie noch lebt?« Ralphs Gesicht war starr vor Verzweiflung, das Gesicht eines Mannes, der alles auf eine Karte gesetzt hat.
»Sie lebt.« Ralph lehnte sich aufatmend an die Stuhllehne. »Aber sie ist noch nicht mit Gott einig«, fügte Tom hinzu.
»Nicht mit Gott einig? Warum nicht, Tommy?«
»Sie ist in der Wildnis, Gott hat sie in die Wildnis geschickt, sie fürchtet nicht den Schrecken des Tages oder das Grauen, das um Mitternacht umgeht.. . keine Schlange wird sie beißen, keine Biene sie stechen... aber sie ist noch nicht mit Gott einig. Es war nicht Moses' Hand, die das Wasser aus dem Felsen schlug. Es war nicht die Hand von Abagail, die die Wiesel mit leerem Bauch vertrieben hat. Sie ist bemitleidenswert. Sie wird sehen, aber sie wird zu spät sehen. Es wird Tod geben. SeinenTod. Sie wird auf der falschen Seite des Flusses sterben. Sie...«
»Er soll aufhören«, stöhnte Ralph. »Könnt ihr nicht dafür sorgen, dass er aufhört?«
»Tom«, sagte Stu.
»Ja.«
»Bist du der Tom, den Nick in Oklahoma kennengelernt hat? Bist du der Tom, den wir kennen, wenn du wach bist?«
»Ja, aber ich bin mehr als Tom.«
»Ich verstehe nicht.«
Tom bewegte sich ein wenig, aber sein schlafendes Gesicht blieb ruhig. »Ich bin Gottes Tom.«
Der völlig entnervte Stu hätte fast Nicks Notizen fallen lassen.
»Du sagst, du machst, was wir wollen?«
»Ja.«
»Aber siehst du... glaubst du, daß du zurückkommen wirst?«
»Das zu sehen oder sagen ist nicht meine Sache. Wohin soll ich gehen?«
»Nach Westen, Tom.«
Tom stöhnte. Es war ein Laut, bei dem sich Stus Nackenhaare sträubten. Wohin schicken wir ihn?Und vielleicht wußte er es. Vielleicht war Stu selbst dort gewesen, nur in Vermont, in einem Labyrinth von Korridoren, wo das Echo ihm vorgaukelte, daß ihm Schritte folgten. Und näher kamen.
»Westen«, sagte Tom. »Westen, ja.«
»Du sollst dich dort umsehen, Tom. Beobachten. Und dann zurückkommen.«
»Zurückkommen und erzählen«, sagte Tom.
»Kannst du das?«
»Ja. Wenn sie mich nicht fangen und töten.«
Stu zuckte zusammen; sie zuckten alle zusammen.
»Du gehst allein, Tom. Immer nach Westen. Kannst du ihn finden?«
»Wo die Sonne untergeht.«
»Ja, und wenn jemand dich fragt, warum du dort bist, sagst du: Sie haben dich aus der Freien Zone verjagt...«
»Mich verjagt. Tom verjagt. Auf die Straße gesetzt.«
»... weil du schwachsinnig bist...«
»Sie haben Tom verjagt, weil Tom schwachsinnig ist.«
».. und weil du vielleicht eine Frau nimmst und die Frau dumme Kinder bekommt.«
»Dumme Kinder wie Tom.«
Stus Magen drehte sich hilflos hin und her. Sein Kopf kam ihm wie Eisen vor, das schwitzen gelernt hat. Es war, als hätte er einen schrecklichen, entkräftenden Kater.
»Und jetzt wiederhole, was du sagst, wenn jemand fragt, warum du im Westen bist.«
»Sie haben Tom verjagt, weil er schwachsinnig ist. Meine Fresse, ja. Sie haben Angst, daß ich eine Frau nehme, so wie ihr mit dem Schwanz im Bett. Daß ich sie mit Idioten schwanger mache.«
»Das ist richtig, Tom. Das ist...«
»Mich verjagt«, sagte er mit leiser, trauriger Stimme. »Tom aus seinem schönen Haus gejagt und auf die Straße geschickt.«
Stu strich mit einer zitternden Hand über die Augen. Er sah Nick an. Nick wurde vor seinen Augen zuerst doppelt, dann dreifach. »Nick, ich weiß nicht, wie ich zum Schluß kommen soll«, sagte er hilflos. Nick sah Ralph an. Ralph, der käseweiß war, konnte nur den Kopf schütteln.
»Schluß«, sagte Tom unerwartet. »Laßt mich nicht hier im Dunkeln.«
Stu zwang sich dazu, weiterzusprechen.
»Tom, weißt du, wie der Vollmond aussieht?«