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Der Junge sah sie nur gleichgültig an.

Ihr Entsetzen kam zurück und begrub ihre unschuldige Wut unter sich. Sie wich vor ihm zur Tür zurück und tastete hinter ihrem Rücken nach der Klinke. Schließlich fand sie sie, drückte sie nieder und riß die Tür auf. Der kalte Luftstrom von draußen an ihren Schultern war mehr als angenehm.

»Geh zu Larry«, murmelte sie. »Lebwohl, Junge.«

Sie ging linkisch hinaus, blieb einen Augenblick auf der obersten Stufe stehen und versuchte, den Kopf wieder klar zu bekommen. Plötzlich fiel ihr ein, das Ganze könnte eine Halluzination gewesen sein, hervorgerufen durch ihre eigenen Schuldgefühle...

Schuldgefühle, weil sie den Jungen im Stich ließ, weil sie Larry zu lange hatte warten lassen, Schuldgefühle wegen dem, was sie und Harold miteinander trieben, und dem viel Schlimmeren, was ihnen noch bevorstand. Vielleicht war gar kein echter Junge in dem Haus gewesen. Er war ebenso wenig real wie die Hirngespinste von Poe - der Herzschlag des alten Mannes, der sich wie eine in Watte verpackte Uhr anhörte, oder der Rabe, der auf der Büste von Pallas Athene kauerte.

»Als klopfe - klopfe jemand sacht ans Tor«, flüsterte sie laut und ohne nachzudenken, und darauf stieß sie ein entsetztes, krächzendes Lachen aus, das sich wahrscheinlich nicht sehr von den Schreien eines Raben unterschied.

Aber sie mußte es wissen.

Sie ging zum Fenster neben der Eingangstreppe und sah ins Wohnzimmer ihres ehemaligen Hauses. Nicht, daß es jemals wirklich ihres gewesen wäre. Wenn man irgendwo wohnte und auszog und alles, was man mitnehmen wollte, in einen Rucksack paßte, war es im Grunde nie wirklich ein Zuhause gewesen. Als sie hineinsah, erblickte sie Teppiche, Vorhänge und Tapeten einer toten Frau, die Pfeife eines toten Mannes und Ausgaben von Sports Illustrated, die achtlos auf dem Kaffeetischchen lagen. Bilder von toten Kindern auf dem Kaminsims. Und im Sessel in der Ecke der kleine Junge einer toten Frau, der nur eine Unterhose trug und immer noch saß, immer noch saß, saß wie zuvor...

Nadine floh stolpernd und wäre beinahe über den niedrigen Drahtzaun gefallen, der das Blumenbeet rechts von dem Fenster umgab, wo sie hineingesehen hatte. Sie warf sich auf die Vespa und ließ sie an. Die ersten paar Blocks fuhr sie mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, fuhr Slalom zwischen den liegengebliebenen Fahrzeugen, die immer noch die Nebenstraßen unsicher machten, aber allmählich beruhigte sie sich wieder.

Als sie wieder vor Harolds Haus war, hatte sie sich einigermaßen unter Kontrolle. Aber sie wußte, ihres Bleibens hier in der Zone ward nicht mehr lange. Wenn sie nicht den Verstand verlieren wollte, mußte sie sich, so schnell es ging, auf den Weg machen.

Die Versammlung im Munzinger Auditorium nahm einen guten Verlauf. Sie fingen wieder damit an, daß sie die Nationalhymne sangen, aber diesmal blieben die meisten Augen trocken; es wurde einfach zum Teil eines Rituals. Die Wahl des Volkszählungskomitees wurde routinemäßig durchgezogen und Sandy DuChiens zur Vorsitzenden ernannt. Sie und ihre vier Helfer gingen gleich durchs Publikum, zählten Köpfe und schrieben Namen auf. Am Ende der Versammlung verkündete sie unter anhaltenden Jubelrufen, dass mittlerweile 814 Seelen in der Freien Zone lebten, und versprach (vorschnell, wie sich herausstellen sollte), sie würde bis zur nächsten Versammlung der Zone ein vollständiges Bevölkerungsverzeichnis zusammengestellt haben - ein Verzeichnis, das sie Woche für Woche aktualisieren wollte, welches die Namen in alphabetischer Folge enthielt, ebenso Alter, Anschrift in Boulder, vorherige Anschrift und den ehemaligen Beruf. Wie sich herausstellte, erfolgte der Zustrom in die Zone so stark und unregelmäßig, daß sie ständig zwei oder drei Wochen hinterherhinkte.

Dann kam die Dauer der Amtsperiode des Komitees der Freien Zone zur Sprache, und nach einigen extravaganten Vorschlägen (einer lautete auf zehn Jahre, ein anderer auf lebenslänglich, und Larry brachte das ganze Haus zum Lachen, als er sagte, das würde sich eher nach Gefängnisstrafen als nach Amtsperioden anhören) wurde die Dauer der Amtsperiode auf ein Jahr festgesetzt. Hinten im Saal winkte Harry Dunbarton mit der Hand, und Stu erteilte ihm das Wort.

Harry brüllte, um verstanden zu werden: »Selbst ein Jahr mag zu lange sein. Ich habe nichts gegen die Damen und Herren vom Komitee, ich glaube, sie haben hervorragende Arbeit geleistet« - Beifall und Pfiffe - »aber wenn die Bevölkerung weiter zunimmt, wächst uns bald alles über den Kopf.«

Glen hob die Hand. Stu erteilte ihm das Wort.

»Herr Vorsitzender, das steht zwar nicht auf der Tagesordnung, aber ich glaube, Mr. Dunbarton hat recht.«

Ich wette, daß du das glaubst, Platte, dachte Stu, du hast es schließlich selbst vor einer Woche zur Sprache gebracht.

»Ich beantrage, ein repräsentatives Regierungs-Komitee einzusetzen, damit wir die Verfassung wirklich wieder einführen können. Ich finde, Harry Dunbarton sollte Vorsitzender dieses Komitees werden, und ich selbst werde mitarbeiten, es sei denn, jemand würde einen Interessenkonflikt vermuten.«

Wieder Beifall.

In der letzten Reihe drehte Harold sich zu Nadine und flüsterte ihr ins Ohr: »Ladies and Gentlemen, das öffentliche Liebesritual der Freien Zone nimmt seinen demokratischen Lauf.«

Stu wurde durch donnernden Zuruf zum Marshal der Freien Zone gewählt.

»Ich werde mein Bestes tun«, sagte er. »Einige von Ihnen, die mir heute Beifall spenden, werden das vielleicht noch bereuen, wenn ich sie bei etwas Verbotenem erwische. Verstanden, Rieh Moffat?«

Brüllendes Gelächter. Rieh, der voll wie eine Haubitze war, lachte fröhlich mit.

»Aber ich sehe keinen Grund, warum wir hier ernsthafte Schwierigkeiten bekommen sollten. Wie ich es sehe, besteht die Hauptaufgabe eines Marshals darin, zu verhindern, daß die Leute sich etwas antun. Und keiner von uns will das. Es sind schon genügend Leute zu Schaden gekommen. Mehr habe ich nicht zu sagen.«

Die Menge applaudierte anhaltend.

»Jetzt zum nächsten Punkt«, sagte Stu, »es hat gewissermaßen mit meinem Amt als Marshal zu tun. Wir brauchen ein Justiz-Komitee mit etwa fünf Leuten, denn wenn es soweit kommt, daß ich jemand einsperren muß, muß es rechtens geschehen. Höre ich Nominierungen?«

»Was ist mit dem Richter?« schrie jemand.

»Ja, genau, der Richter!« brüllte ein zweiter.

Hälse wurden gereckt, die Leute wollten sehen, daß der Richter irgendwo im Saal aufstand, um die Verantwortung in seinem üblichen Rokoko-Stil zu übernehmen; ein Murmeln ging durch den Saal, als die Leute noch einmal die Geschichte erzählten, wie der Richter den Verrückten mit seinen fliegenden Untertassen lächerlich gemacht hatte. Sie legten schon die Tagesordnung aus der Hand, um zu applaudieren. Stu und Glen sahen einander mit beiderseitigem Mißbehagen an: Jemand im Komitee hätte das voraussehen müssen.

»Nicht da«, sagte jemand.

»Wer hat ihn gesehen?« fragte Lucy Swann erschrocken. Larry sah sie unbehaglich an, aber sie sah sich immer noch im Saal nach dem Richter um.

»Ich habe ihn gesehen.«

Ein interessiertes Raunen, als Teddy Weizak im hinteren Viertel aufstand und sich mit dem Taschentuch nervös und zwanghaft die Nickelbrille putzte.

»Wo?«

»Wo ist er, Teddy?«

»War er in der Stadt?«

»Was hat er gemacht?«

Teddy Weizak zuckte unter dem Bombardement der Fragen sichtlich zusammen.

Stu schlug mit dem Hammer auf. »Kommt schon, Leute. Ruhe.«

»Ich habe ihn vor zwei Tagen gesehen«, sagte Teddy. »Er fuhr einen Landrover. Sagte, er wollte nach Denver. Warum, hat er nicht gesagt. Wir haben Witze gemacht. Er schien bester Laune zu sein. Mehr weiß ich nicht.« Er setzte sich wieder, putzte weiter seine Brille und wurde krebsrot.

Wieder bat Stu um Ruhe. »Ich bedaure, daß der Richter nicht hier ist. Er wäre der geeignete Mann für den Job gewesen. Aber da er nun einmal nicht hier ist, bitte ich um weitere Nominierungen...«