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(B erüchtigt. Der unsichtbare Dritte.)

»Weißt du das nicht?« fragte er Leo.

»Er war Schauspieler«, sagte Leo. »Er hat in Berüchtigtgespielt. Und in Der Unsichtbare

( Der unsichtbare Dritte.)

»Der unsichtbare Dritte, meine ich«, sagte Leo in zustimmendem Tonfall. Er nahm keinen Blick von dem hüpfenden Ping-Pong-Ball.

»Das stimmt«, sagte er. »Wie geht es Nadine-Mom, Leo?«

»Sie nennt mich Joe. Für sie bin ich Joe.«

»Oh.« Ein kalter Schauer kroch Larry langsam über den Rücken.

»Es ist jetzt schlimm.«

»Schlimm?«

»Es ist mit beiden schlimm.«

»Nadine und...«

( Harold?)

»Ja, er.«

»Sind sie nicht glücklich?«

»Er hält sie zum Narren. Sie glauben, er will sie.«

»Er?«

»Er.« Das Wort hing in der stillen Sommerluft.

Tock-tock-tock.

»Sie werden nach Westen gehen«, sagte Leo.

»Mein Gott«, murmelte Larry. Jetzt war ihm sehr kalt. Wollte er noch mehr davon hören? Es war, als würde man auf einem Friedhof stehen und sehen, wie eine Gruft aufgeht, aus der sich eine Hand streckt...

Was es auch ist, ich will es nicht hören, ich will es nicht wissen.

»Nadine-Mom will glauben, daß es deine Schuld ist«, sagte Leo.

»Sie will glauben, daß du sie zu Harold getrieben hast. Aber sie hat absichtlich gewartet, bis du Lucy-Mom zu sehr liebst. Sie hat gewartet, bis sie sicher war. Es ist, als ob er den Teil ihres Gehirns ausradiert, der Recht und Unrecht unterscheiden kann. Ganz allmählich radiert er diesen Teil aus. Und wenn er weg ist, wird sie so verrückt sein wie alle im Westen. Vielleicht noch verrückter.«

»Leo...« flüsterte Larry, und Leo antwortete sofort:

»Sie nennt mich Joe. Für sie bin ich Joe.«

»Soll ich dich Joe nennen?« fragte Larry zweifelnd.

»Nein.« Das Wort klang wie ein Flehen. »Nein, bitte nicht.«

»Du vermißt Nadine-Mom, nicht wahr, Leo?«

»Sie ist tot«, sagte Leo mit erschreckender Nüchternheit.

»Bist du darum so spät in die Nacht weggeblieben?«

»Ja.«

»Und hast du deshalb nicht gesprochen?«

»Ja.«

»Aber jetzt sprichst du.«

»Jetzt habe ich dich und Lucy-Mom, mit denen ich sprechen kann.«

»Ja, natürlich...«

»Aber nicht für immer«, sagte der Junge wütend. »Nicht für immer, wenn du nicht mit Frannie sprichst! Sprich mit Frannie! Sprich mit Frannie

»Über Nadine?«

»Nein!«

»Über was? Über dich?«

Leos Stimme wurde lauter, schriller. »Es ist alles aufgeschrieben! Du weißt es! Frannie weiß es! Sprich mit Frannie

»Das Komitee...«

»Nicht das Komitee! Das Komitee kann dir nicht helfen, es kann keinem helfen, das Komitee ist aus den alten Zeiten, und er lacht über dieses Komitee, weil es aus den alten Zeiten ist, und die alten Zeiten sind seine Zeiten, weißt du, Frannie weiß es, und wenn ihr miteinander sprecht, könnt ihr...«

Leo schlug den Ball hart auf - TOCK! - und er sprang hoch über seinen Kopf, kam herunter und rollte weg. Mit trockenem Mund sah Larry dem Ball nach, und sein Herz klopfte garstig in der Brust.

»Ich hab' den Ball fallen lassen«, sagte Leo und lief ihn holen. Larry beobachtete ihn.

Frannie, dachte er.

Die beiden saßen auf dem Podium des Musikpavillons und ließen die Beine baumeln. Es war eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit, und ein paar Leute gingen noch durch den Park, manche Hand in Hand. Die Stunde der Kinder ist auch die Stunde der Liebenden, dachte Frannie zusammenhanglos. Larry hatte ihr gerade alles erzählt, was Leo in Trance gesagt hatte, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander.

»Was meinst du?« fragte Larry.

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, sagte sie leise. »Aber was passiert ist, gefällt mir überhaupt nicht. Traumvisionen. Eine alte Frau, die eine Weile die Stimme Gottes ist und dann in die Wildnis geht. Und jetzt scheint ein kleiner Junge Telepath zu sein. Es ist ein Leben wie im Märchen. Manchmal glaube ich, die Supergrippe hat uns zwar verschont, aber alle in den Wahnsinn getrieben.«

»Er hat gesagt, ich soll mit dir sprechen. Das tue ich.«

Sie antwortete nicht.

»Nun«, sagte Larry, »wenn dir etwas einfällt...«

»Aufgeschrieben«, sagte Frannie leise. »Er hat recht, der Junge. Ich glaube, das ist die ganze Wurzel des Übels. Wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, so verblendet, alles aufzuschreiben... ach, Scheiße!«

Larry sah sie erstaunt an. »Wovon redest du?«

»Es geht um Harold«, sagte sie, »und ich habe Angst. Ich habe es Stu nicht gesagt. Ich habe mich geschämt. Es war so dumm, das Tagebuch zu führen... und Stu... er magHarold sogar... alle in der Freien Zone mögen Harold, auch du.« Sie stieß ein Lachen aus, das von Tränen erstickt wurde. »Immerhin war er dein... dein geistiger Führer auf dem Weg hierher, oder nicht?«

»Ich komme da nicht ganz mit«, sagte Larry langsam. »Kannst du mir sagen, wovor du Angst hast?«

»Das ist es ja - ich weiß es eigentlich gar nicht.« Sie sah ihn mit tränenfeuchten Augen an. »Ich glaube, ich sollte dir erzählen, was ich kann, Larry. Ich muß mit jemand reden... Gott weiß, ich kann es nicht mehr in mir behalten, und Stu... Stu ist vielleicht nicht derjenige, der es hören sollte. Jedenfalls nicht als erster.«

»Schieß los, Fran.«

Sie erzählte ihm ihre ganze Geschichte, angefangen mit jenem Junitag, an dem Harold in Roy Brannigans Cadillac vor ihrem Haus in Ogunquit vorgefahren war. Während sie sprach, nahm das letzte helle Tageslicht allmählich einen blauen Schimmer an. Die Liebespaare verschwanden eins nach dem anderen aus dem Park. Eine schmale Mondsichel zog am Himmel auf. In dem Wohnblock auf der anderen Seite des Canyon Boulevard waren einige ColemanLampen angezündet worden. Sie erzählte ihm von der Botschaft am Scheunendach und daß sie geschlafen hatte, als Harold sein Leben riskierte, um als letzte Zeile ihren Namen zu schreiben. Davon, wie sie Stu in Fabyan getroffen hatten, und von Harolds übertriebener abweisender Reaktion. Sie erzählte ihm von ihrem Tagebuch und dem Daumenabdruck. Als sie fertig war, war es schon nach neun; die Grillen zirpten. Schweigen senkte sich über sie, und sie wartete ängstlich darauf, daß Larry es brach. Aber er saß gedankenverloren da.

Schließlich sagte er: »Bist du dir über diesen Fingerabdruck ganz sicher? Bist du fest davon überzeugt, daß er von Harold stammt?«

Sie zögerte nur einen Augenblick: »Ja. Ich habe sofort gewußt, dass es Harolds Daumenabdruck war.«

»Diese Scheune, wo er seine Botschaft geschrieben hat«, sagte Larry. »An dem Abend, an dem wir uns kennengelernt haben, habe ich dir doch gesagt, daß ich oben war, nicht? Und daß Harold seine Initialen in einen Balken geschnitzt hatte?«

»Ja.«

»Es waren nicht nur seine Initialen. Es waren auch deine. In einem Herz. Wie es ein verliebter kleiner Junge in die Schulbank einritzt.«

Sie wischte sich mit beiden Händen die Augen. »Was für ein Schlamassel«, sagte sie heiser.

»Du bist nicht für Harold Lauders Tun verantwortlich, Mädchen.« Er nahm mit beiden Händen ihre Hand und hielt sie fest. Er sah sie an.

»Glaub einem alten, mit allen Wassern gewaschenen Haudegen wie mir«, sagte er. »Du darfst dir keine Vorwürfe machen. Wenn du das machst...« Er drückte so fest zu, daß es weh tat, aber seine Stimme blieb leise. »Wenn du das machst, dann wirst du tatsächlich verrückt. Man hat genug damit zu tun, daß einem selbst die Socken nicht rutschen, man kann sich nicht auch noch um die anderer Leute kümmern.«