»Sunrise Amphitheater könnte zu weit sein«, sagte sie. Ihre Stimmbänder waren irgendwie verletzt, sie konnte nur noch krächzen. »Es ist vielleicht zu weit für das...« Für was? Sie überlegte. Oh! O ja! Richtig! »Für das Walkietalkie. Das Signal.«
Keine Antwort.
Die Lautsprecher lagen auf dem Kies und starrten sie an, Hunderte. Sie trat den Kickstarter der Vespa; der Motor erwachte hustend zum Leben. Das Echo ließ sie zusammenzucken. Es hörte sich an wie Gewehrfeuer. Sie wollte weg von diesem schrecklichen Ort, weg von den glotzenden Lautsprechern.
Mußte weg.
Sie kippte das Motorrad zu sehr, als sie um die Einlaßschranke herum fuhr. Auf einer asphaltierten Oberfläche hätte sie es vielleicht halten können, aber die Hinterreifen der Vespa rutschten im Kies unter ihr weg, sie fiel, biß sich die Lippen blutig und schürfte die Wange auf. Sie stand mit aufgerissenen, ängstlichen Augen auf und fuhr weiter. Sie zitterte am ganzen Körper.
Jetzt war sie in der Gasse, wo die Autos zum Kino fuhren, und das Kartenhäuschen, das wie eine kleine Mautkabine aussah, war direkt vor ihr. Sie würde hinausfahren. Sie würde entkommen. Sie verzog dankbar den Mund.
Hinter ihr erwachten Hunderte Lautsprecher auf einmal plärrend zum Leben, und jetzt sang die Stimme, ein gräßlicher, unmelodischer Gesang: » I'LL BE SEEING YOU... IN ALL THE OLD FAMILIAR PLACES... THAT THIS HEART OF MINE EMBRACES... ALL DAU THROOOOO...«
Nadine schrie mit ihrer brüchigen Stimme.
Gewaltiges, monströses Gelächter, dann ein dunkles und steriles Kichern, welches die ganze Erde auszufüllen schien.
» MACH'S GUT, NADINE«, dröhnte die Stimme. » MACH'S GUT, MEINE TEUERSTE, MEINE HERZALLERLIEBSTE.«
Dann war sie auf der Straße und floh in Richtung Boulder, was die Vespa an Geschwindigkeit hergab, und ließ die körperlose Stimme und die glotzenden Lautsprecher hinter sich... aber sie würde sie auf immer und ewig in ihrem Herzen tragen.
Sie wartete eine Ecke von der Bushaltestelle entfernt auf Harold. Als er sie sah, wurde sein Gesicht starr und verlor alle Farbe.
»Nadine...« flüsterte er. Die Frühstücksdose fiel ihm aus der Hand und schlug klappernd aufs Pflaster.
»Harold«, sagte sie. »Sie wissen es. Wir müssen...«
»Dein Haar, Nadine, mein Gott, dein Haar...«
» Hör mir zu!«
Er schien sich wieder in der Gewalt zu haben. »A-also gut. Was?«
»Sie sind in dein Haus gegangen und haben dein Buch gefunden. Sie haben es mitgenommen.«
Widerstreitende Gefühle in Harolds Gesicht: Wut, Entsetzen, Scham. Ganz langsam verschwanden sie und ein gefrorenes Grinsen erschien in Harolds Gesicht. »Wer? Wer war es?«
»Ich weiß nicht alles, und es spielt auch keine Rolle. Fran Goldsmith war dabei. Das weiß ich genau. Vielleicht Bateman oder Underwood. Keine Ahnung. Aber sie werden dich holen, Harold.«
»Wie kannst du das wissen?« Er packte sie grob an den Schultern und erinnerte sich daran, daß sie das Buch wieder unter den Kaminstein gelegt hatte. Er schüttelte sie wie eine Puppe, aber Nadine sah ihn unerschrocken an. Sie hatte an diesem langen Tag Schlimmerem gegenübergestanden als Harold Lauder. » Du Miststück, wie kannst du das wissen?«
»Er hat es mir gesagt.«
Harold ließ die Hände sinken.
»Flagg?« Ein Flüstern. »Er hat es dir gesagt. Er hat mit dir gesprochen? Und das ist dabei passiert?« Harolds Grinsen war schauderhaft, das Grinsen des reitenden Sens enmannes.
»Wovon redest du denn?«
Sie standen vor einem Installationsgeschäft. Wieder nahm Harold sie bei den Schultern und drehte ihr Gesicht zum Glas hin. Nadine betrachtete lange ihr Spiegelbild.
Ihr Haar war weiß geworden. Ganz weiß. Es hatte keine einzige schwarze Strähne mehr.
Oh, wie ich liebe, wie ich dich liebe, Nadine.
»Komm«, sagte sie. »Wir müssen die Stadt verlassen.«
»Jetzt?«
»Nach Einbruch der Dunkelheit. Bis dahin verstecken wir uns und besorgen uns die Camping-Ausrüstung, die wir für unterwegs brauchen.«
»Nach Westen?«
»Noch nicht. Nicht vor morgen abend.«
»Vielleicht will ich gar nicht mehr«, flüsterte Harold. Er betrachtete immer noch ihr Haar.
Sie legte seine Hand darauf. »Zu spät, Harold«, sagte sie.
58
Fran und Larry saßen in der Wohnung von Stu und Fran am Küchentisch und tranken Kaffee. Unten spielte Leo auf der Gitarre, die Larry bei Earthly Sounds für ihn ausgesucht hatte. Es war eine schöne Gibson aus handpoliertem Kirschbaumholz für sechshundert Dollar. Dann hatte er noch einen batteriebetriebenen Plattenspieler und ungefähr ein Dutzend Folk- und Blues-Alben mitgenommen. Jetzt war Lucy unten bei ihm, und eine erstaunlich gute Version von Dave van Ronks »Backwater Blues« drang zu ihnen herauf.
»Well it rained five days
and the sky turned black as night...
There's trouble takin place,
on the bayou tonight.«
Durch den Türbogen zum Wohnzimmer konnten Fran und Larry Stu in seinem Lieblingssessel sitzen sehen. Harolds Hauptbuch lag offen auf seinem Schoß. Seit vier Uhr nachmittags saß er schon so. Jetzt war es neun und dunkel. Er hatte nichts gegessen. Als Frannie hinübersah, blätterte er eine weitere Seite um.
Unten war Leo mit dem »Backwater Blues« fertig; es folgte eine Pause.
»Er spielt gut, nicht?« sagte Fran.
»Besser, als ich je werde«, antwortete Larry. Er trank einen Schluck Kaffee.
Von unten erklang plötzlich ein vertrauter Rhythmus, ein rascher Lauf am Griffbrett, eine nicht ganz standardisierte Blues-Folge, bei der Larry mit der Kaffeetasse innehielt. Und dann Leos Stimme, leise und einschmeichelnd, die den Text zu dem langsamen, treibenden Beat beisteuerte:
»Hey baby I come down bere tonight
And l didn't come to get in no fight,
I just want to say if you can,
Tell me once and I'll understand,
Baby, can you dig your man?
He's a righteous man,
Baby, can you dig your man?«
Larry verschüttete seinen Kaffee.
»O je«, sagte Fran, stand auf und holte einen Lappen.
»Laß mich das machen«, sagte er, »wenn ich mich schon so dämlich anstelle. «
»Nein, bleib sitzen.« Sie nahm das Tuch und wischte rasch den Fleck weg. »An den Song erinnere ich mich. Kurz vor der Grippe war er ein Hit. Er muß sich die Single in der Stadt besorgt haben.«
»Sicher.«
»Wie hieß der Typ noch? Der Sänger, der die Platte gemacht hat?«
»Das weiß ich nicht mehr«, sagte Larry. »Die Pop-Musik ist so schnell gekommen und gegangen.«