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Stu wurde wach gerüttelt; er brauchte lange, bis er zu sich kam. Eine langsame und scheinbar endlose Reihe von Namen und Leuten, die versuchen könnten, ihm den Schlaf zu rauben, zog ihm durch den Kopf. Es war seine Mutter, die ihm befahl, aufzustehen, Feuer zu machen und sich für die Schule zu richten. Es war Manuel, der Rausschmeißer in dem schäbigen kleinen Bordell in Nuevo Laredo, der ihm sagte, seine zwanzig Dollar wären verbraucht und er müßte noch zwanzig zahlen, wenn er die ganze Nacht bleiben wollte. Es war eine Schwester im weißen Overall, die seinen Blutdruck messen und einen Abstrich machen wollte. Es war Frannie.

Es war Randall Flagg.

Der letzte Name riß ihn wach wie ein Guß kaltes Wasser ins Gesicht. Es war keiner davon. Es war Glen Bateman, und neben ihm Kojak.

»Du bist schwer zu wecken, Ost-Texaner«, sagte Glen. »Du schläfst wie ein Murmeltier.« Er war nur ein vager Schatten in der fast völligen Dunkelheit.

»Du hättest für den Anfang einfach mal das Licht einschalten können.«

»Weißt du, das habe ich ganz vergessen.«

Stu schaltete die Lampe an und sah blinzelnd auf den mechanischen Wecker. Es war Viertel vor drei Uhr morgens.

»Was machst du hier, Glen? Ich habe geschlafen, falls du das nicht gemerkt haben solltest.«

Als Stu den Wecker hinstellte, sah er Glen erstmals richtig an. Er sah blaß und verängstigt aus... und alt. Er hatte tiefe Furchen im Gesicht und wirkte hager.

»Was ist los?«

»Mutter Abagail«, sagte Glen leise.

»Tot?«

»Gott behüte, ich wünschte fast, sie wäre es. Sie will uns sehen.«

»Uns beide?«

»Uns fünf. Sie...« Seine Stimme wurde rauh und heiser. »Sie wußte, daß Nick und Susan tot sind, und sie wußte, daß Fran im Krankenhaus ist. Ich weiß nicht wie, aber sie wußte es.«

»Und sie will das Komitee sehen?«

»Was davon übrig ist. Sie liegt im Sterben, und sie sagt, daß sie uns etwas mitzuteilen hat. Aber ich weiß nicht, ob ich es hören will.«

Die Nacht draußen war kalt - nicht nur frisch, sondern kalt. Die Jacke, die Stu aus dem Schrank geholt hatte, tat gut, und er machte den Reißverschluß bis oben zu. Oben stand ein frostiger Mond am Himmel; er mußte an Tom denken, der Anweisung hatte, bei Vollmond zu ihnen zurückzukommen. Dieser Mond war erst kurz nach dem ersten Viertel. Gott allein wußte, wo dieser Mond auf Tom hinuntersah, auf Dayna Jürgens, auf Richter Farris. Gott wußte, er sah auf seltsame Geschehnisse hier unten herab.

»Ich habe Ralph zuerst geweckt«, sagte Glen. »Ich habe ihm gesagt, er soll Frannie aus dem Krankenhaus holen.«

»Wenn der Doktor der Meinung wäre, daß sie aufstehen kann, hätte er sie nach Hause geschickt«, sagte Stu ärgerlich.

»Dies ist ein besonderer Fall, Stu.«

»Für jemanden, der nicht hören will, was die alte Frau zu sagen hat, bist du verdammt erpicht darauf, es ihr recht zu machen.«

»Ich habe Angst, es  nicht zu tun«, sagte Glen.

Der Jeep fuhr zehn Minuten nach drei vor Larrys Haus vor. Es war hell erleuchtet - keine Gaslampen mehr, sondern gutes elektrisches Licht. Auch jede zweite Straßenlaterne brannte, nicht nur hier, sondern überall in der Stadt, und Stu hatte sie während der Fahrt in Glens Jeep immer wieder fasziniert betrachtet. Die letzten nächtlichen Insekten des Sommers flogen kraftlos und träge vor Kälte gegen die Natriumdampfkugeln.

Als sie aus dem Jeep stiegen, bogen Scheinwerfer um die Ecke. Es war Ralphs klappriger alter Lastwagen, und er fuhr bis an den Kühler des Jeeps. Ralph stieg aus, und Stu eilte zur Beifahrerseite, wo Fran saß, mit einem gesteppten Sofakissen im Rücken.

»Hallo, Baby«, sagte er leise.

Sie nahm seine Hand. Ihr Gesicht war eine blasse Scheibe in der Dunkelheit.

»Schlimme Schmerzen?« fragte Stu.

»Es geht. Ich habe ein paar Advil genommen. Aber verlang nicht, daß ich Sprünge mache.«

Er half ihr aus dem Wagen, und Ralph nahm ihren anderen Arm. Beide sahen sie zusammenzucken, als sie vom Auto wegging.

»Soll ich dich tragen?«

»Nicht nötig. Aber leg den Arm um mich, hm?«

»Klar doch.«

»Und mach langsam. Wir Großmütterchen können nicht so schnell.«

Sie gingen mehr schlurfend als gehend hinten um Ralphs Lastwagen herum. Als sie auf dem Gehweg waren, sah Stu, daß Ralph, Glen und Larry in der Tür standen und ihnen entgegensahen. Gegen das Licht sahen sie wie aus schwarzer Pappe ausgeschnittene Gestalten aus.

»Was meinst du, worum geht es?« murmelte Frannie.

Stu schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.«

Sie gingen den Weg entlang, Frannie jetzt offensichtlich unter Schmerzen, und Ralph half Stu, sie ins Haus zu führen. Larry sah so blaß und bekümmert aus wie Glen. Er trug verblichene Jeans, ein Hemd, das aus der Hose hing und am untersten Knopfloch falsch geknöpft war, sowie teure Mokassins an den bloßen Füßen.

»Es tut mir wahnsinnig leid, daß ich euch wecken mußte«, sagte er.

»Ich bin bei ihr gesessen und ab und zu eing enickt. Wir haben Wache gehalten.«

»Ja. Ich verstehe«, sagte Frannie. Aus irgendwelchem Grund erinnerte der Ausdruck »Wache gehalten« sie an den Salon ihrer Mutter.,, und zwar in einem freundlicheren, versöhnlicheren Licht als je zuvor.

»Lucy war etwa eine Stunde im Bett. Ich bin aus meinem Dösen hochgeschreckt und - Fran, kann ich dir helfen?«

Fran schüttelte den Kopf und lächelte angestrengt. »Nein, ich komme zurecht. Mach weiter.«

»... und sie hat mich angesehen. Sie kann nur flüstern, aber man kann sie deutlich verstehen.« Larry schluckte. Alle fünf standen jetzt im Vorraum. »Sie sagte, der Herr würde sie bei Sonnenaufgang zu sich holen. Aber sie müsse erst noch mit denjenigen von uns reden, die Gott noch nicht geholt hat. Ich habe sie gefragt, was sie meinte, und sie sagte, Gott hätte Nick und Susan geholt. Sie wußte es.« Er stöhnte heiser und fuhr sich mit den Händen durch das lange Haar. Lucy erschien am Ende des Flurs. »Ich habe Kaffee gemacht. Er steht hier, wenn ihr wollt.«

»Danke, Liebes«, sagte Larry.

Lucy sah unsicher aus. »Soll ich mit euch rein? Oder ist es geheim, wie das Komitee?«

Larry sah Stu an, der leise sagte: »Komm nur mit. Ich habe so eine Ahnung, als würden keine großen Enthüllungen mehr kommen.«

Frannies wegen gingen sie langsam durch den Flur zum Schlafzimmer.

»Sie wird es uns sagen«, sagte Ralph plötzlich. »Mutter wird es uns sagen. Kein Grund zur Ungeduld.«

Sie gingen zusammen hinein, und Mutter Abagail sah sie mit ihren hellen, sterbenden Augen an.

Fran wußte um die körperliche Verfassung der alten Frau, aber es war dennoch ein häßlicher Schock. Mutter Abagail bestand nur noch aus einer trockenen Membran von Haut und Sehnen, die die Knochen zusammenhielt. Im Zimmer roch es nicht einmal nach Fäulnis und bevorstehendem Tod; vielmehr herrschte ein trockener Geruch nach Dachboden vor... nein, ein Geruch nach Salon. Die halbe Infusionsnadel ragte aus ihrem Fleisch, weil sie einfach keinen Platz hatte.

Aber die Augen hatten sich nicht verändert. Sie waren sanft und gütig und menschlich. Das war eine Erleichterung, aber dennoch empfand Fran so etwas wie Entsetzen... nicht eigentlich Angst, aber vielleicht etwas Geheiligteres - Ehrfurcht. War es Ehrfurcht? Ein Gefühl des Kommenden. Kein Verhängnis, aber es war, als hinge eine entsetzliche Verantwortung wie ein Stein über ihren Köpfen.

  Der Mensch denkt, Gott lenkt.

»Setz dich, kleines Mädchen«, flüsterte Mutter Abagail. »Du hast Schmerzen.«

Larry führte sie zu einem Sessel, und Fran setzte sich mit einem dünnen, pfeifenden Seufzer der Erleichterung, obwohl sie wußte, selbst das Sitzen würde ihr nach einer Weile Schmerzen bereiten. Mutter Abagail sah sie immer noch mit diesen hellen Augen an. »Du bist schwanger«, flüsterte sie.

»Ja... wie...«

»Pssst...«