Der Richter war sterbend in den Scout zurückgesunken. Jetzt packte Bobby Terry ihn an den Aufschlägen seiner Jacke, riß ihn hoch und sah in das, was von den Zügen des Richters übriggeblieben war. Eigentlich nur die Nase. Und um ehrlich zu sein, auch die war in keinem besonders guten Zustand.
Es hätte irgendwer sein können.
Und in einer Vision des Grauens hörte Bobby Terry Flagg sagen: Ich will ihn unbeschädigt zurückschicken.
Herr im Himmel, dies konnte irgendwer sein. Es war, als hätte er absichtlich genau das Gegenteil von dem getan, was der Wandelnde Geck befohlen hatte. Zwei Treffer direkt ins Gesicht. Sogar die Zähne waren weg.
Regen prasselte, prasselte.
Hier drüben war es aus. Er wagte nicht, nach Osten zu gehen, und er wagte nicht, im Westen zu bleiben. Er würde entweder mit nacktem Rücken einen Telefonmast reiten... oder Schlimmeres.
Gabes Schlimmeres?
Solange dieses grinsende Gespenst hier herrschte, hatte Bobby Terry daran nicht den geringsten Zweifel. Was also war zu tun? Er strich sich mit den Händen durchs Haar, betrachtete das verwüstete Gesicht des Richters und versuchte zu denken. Süden. Das war die Lösung. Süden. Keine Grenzposten mehr. Nach Mexiko, und wenn es dann nicht weit genug war, nach Guatemala oder Panama oder vielleicht sogar ins elende Brasilien. Nur raus aus diesem Schlamassel. Kein Osten, kein Westen, nur Bobby Terry, der vor dem Wandelnden Geck so weit weglaufen mußte, wie seine Siebenmeilenstiefel ihn trugen...
Ein neues Geräusch im verregneten Nachmittag.
Bobby Terrys Kopf fuhr hoch.
Der Regen, ja, der auf die Dächer der beiden Wagen trommelte, und das Schnurren von zwei Motoren im Leerlauf, und... Ein seltsames klackendes Geräusch, wie abgelaufene Absätze, die rasch über den Asphalt der Nebenstraße stapften.
»Nein«, flüsterte Bobby Terry.
Er drehte sich langsam um.
Das klackende Geräusch wurde schneller. Ein schnelles Gehen, ein Traben, ein Laufen, Rennen, Sprint, und dann hatte Bobby Terry sich ganz umgedreht, zu spät, er kam, Flagg kam auf ihn zu wie ein schreckliches Ungeheuer aus dem schlimmsten Gruselfilm, der je gedreht wurde. Die Wangen des dunklen Mannes waren fröhlich gerötet, und seine Augen blinzelten vergnügt und kameradschaftlich, ein hungriges, gefräßiges Grinsen entblößte riesige Zähne, die wie Grabsteine aussahen, wie Haifischzähne, und er hielt die Hände vor sich gestreckt, und in seinem Haar hingen glänzende schwarze Krähenfedern.
Nein, wollte Bobby Terry sagen, aber es kam nichts heraus.
» HE, BOBBY TERRY, DU HAST ES VERPATZT!« bellte der dunkle Mann und stürzte sich auf den unglücklichen Bobby Terry. Es gabSchlimmeres als Kreuzigung. Es gab Zähne.
62
Dayna Jürgens lag nackt auf dem riesigen Doppelbett, lauschte dem gleichmäßigen Rauschen des Wassers in der Duschkabine und betrachtete ihr Bild in dem großen runden Deckenspiegel, der genau die gleiche Form und Größe hatte wie das Bett, das er reflektierte. Sie fand, daß der weibliche Körper immer am besten aussieht, wenn er ausgestreckt flach auf dem Rücken liegt, der Bauch flach, die Brüste natürlich aufrecht und nicht von der Schwerkraft nach unten gezogen. Es war neun Uhr dreißig am Morgen des 8. September. Der Richter war seit achtzehn Stunden tot, Bobby Terry - zu seinem Unglück - erst seit beträchtlich kürzerer Zeit.
Die Dusche lief und lief.
Der Mann muß wohl an Waschzwang leiden, dachte sie. Was ist nur los mit ihm, daß er sich jedesmal mehr als eine geschlagene halbe Stunde duschen muß?
Sie mußte wieder an den Richter denken. Wer hätte das gedacht? In gewisser Weise war es eine brillante Idee gewesen. Wer hätte einen so alten Mann verdächtigt?
Nun, Flagg ganz offensichtlich. Irgendwie hatte er bestimmt gewußt, wann und vermutlich auch wo der Richter auftauchen würde. Eine lange Postenkette überwachte die gesamte Grenze zwischen Oregon und Idaho, und die Männer hatten den strikten Befehl, ihn zu töten, sobald sie seiner ansichtig wurden.
Aber irgend etwas mußte schiefgegangen sein. Seit gestern abend liefen die Männer der Sicherheitsabteilung hier in Las Vegas mit käsigen Gesichtern und gesenkten Blicken herum. Whitney Horgan, sonst ein sehr guter Koch, hatte etwas serviert, das wie Hundefutter aussah und so angebrannt war, daß es nach nichts schmeckte. Der Richter war tot, aber etwas war schiefgegangen.
Sie stand auf, trat ans Fenster und sah auf die weite Wüstenlandschaft hinaus. Auf der US 95 sah sie zwei große Busse der High School von Las Vegas unter der heißen Sonne nach Westen rollen; sie fuhren wahrscheinlich zur Airbase von Indian Springs, wo, wie Dayna aus sicherer Quelle wußte, Lehrgänge für den Umgang mit Düsenflugzeugen abgehalten wurden. Im Westen waren mehr als ein Dutzend Leute, die fliegen konnten, aber zum großen Glück - für die Freie Zone - hatte keiner eine Ausbildung für die Jets der Nationalgarde in Indian Springs.
Aber sie lernten. O ja.
Für Dayna war am Tod des Richters momentan nur wichtig, daß sie etwas gewußt hatten, was sie eigentlich nicht wissen durften. Hatten sie auch einen Spion in der Freien Zone? Das war möglich, vermutete sie; Spionieren war ein Spiel, das auch zwei spielen konnten. Aber Sue Stern hatte ihr gesagt, von der Entscheidung, Spione nach Westen zu schicken, wüßte nur das Komitee, und sie bezweifelte stark, daß einer der sieben auf der Seite von Flagg stand.
Mutter Abagail hätte gewußt, wenn das Komitee verderbt geworden wäre. Da war Dayna ganz sicher.
Damit blieb eine äußerst unangenehme Alternative. Flagg selbst hatte es einfach gewußt.
Dayna war jetzt schon acht Tage in Las Vegas, und soweit sie wußte, war sie ohne Einschränkungen in die Gemeinschaft aufgenommen worden. Sie hatte schon genügend Informationen über das gesammelt, was hier vor sich ging, um die Leute in Boulder in nackte Angst zu versetzen. Dazu würden schon die Auskünfte über das Programm für die Ausbildung an den Düsenflugzeugen reichen. Was ihr aber persönlich am meisten Angst machte, war die Art, wie die Leute sich abwandten, wenn man Flaggs Namen erwähnte, wie sie taten, als hätten sie nichts gehört. Manche kreuzten die Finger, andere machten einen Knicks, wieder andere hinter der vorgehaltenen Hand das Zeichen des Bösen Blicks. Er war der große Da/Nicht-da.
Das war am Tage. Aber abends, wenn man ruhig in der Club Bar des Grand oder im Silver Slipper Room im The Cashbox saß, hörte man Geschichten über ihn, die einen Mythos begründeten. Sie sprachen langsam und stockend und ohne den anderen anzusehen, und dabei tranken sie meistens Bier. Wenn man stärkere Sachen trank, kon nte man zu leicht die Kontrolle über das Mundwerk verlieren, und das war gefährlich. Sie wußte, daß nicht alles stimmte, was geredet wurde, aber es war schon fast unmöglich, Schein und Sein zu unterscheiden. Sie hatte gehört, er wäre ein Gestaltveränderer, ein Werwolf, er habe selbst die Seuche auf das Land losgelassen, er sei der Antichrist, dessen Kommen in der Offenbarung geweissagt worden war. Sie hatte von der Kreuzigung von Hector Drogan gehört, wie er einfach gewußt hatte, daß Heck Drogen nahm... wie er anscheinend auch gewußt hatte, daß der Richter unterwegs war. Und bei diesen nächtlichen Gesprächen wurde er niemals Flagg genannt; es war, als glaubten sie, ihn beim Namen zu nennen, würde ihn herbeirufen wie den Geist aus der Flasche. Sie nannten ihn den dunklen Mann. Den Wandelnden Gecken. Den großen Mann. Und Rattie Erwins nannte ihn den alten kriechenden Judas. Wenn er alles über den Richter gewußt hatte, war es dann nicht logisch, daß er auch alles über sie wußte?
Die Dusche wurde abgestellt.
Ruhig bleiben, Liebling. Er unterstützt den Hokus-Pokus. Das läßt ihn größer erscheinen. Es könnte durchaus sein, daß er in der Freien Zone einen Spion hat - es muß nicht unbedingt ein Mitglied des Komitees sein, vielleicht nur jemand, der ihm erzählt hat, daß Richter Farris nicht der Typ eines Überläufers ist.