»Puppe, du solltest nicht ohne Kleider herumlaufen. Sonst machst du mich sofort wieder geil.«
Sie drehte sich mit strahlendem, einladendem Lächeln zu ihm um und dachte dabei, sie wäre am liebsten mit ihm nach unten in die Küche gegangen und hätte das Ding, auf das er so verdammt stolz war, in Whitney Horgans elektrischen Fleischwolf gesteckt. »Was meinst du denn, warum ich so herumlaufe?«
Er sah auf die Uhr. »Wir haben vielleicht noch vierzig Minuten.« Sein Penis geriet schon in zuckende Bewegung... wie eine Wünschelrute, dachte Dayna gallig amüsiert.
»Gut, dann komm.« Er trat auf sie zu, und sie deutete auf seine Brust. »Und nimm das Ding ab. Es macht mir Gänsehaut.«
Lloyd Henreid betrachtete das Amulett, die dunkle Träne mit dem roten Fleck, zog es aus und legte es auf den Nachttisch. Die feingliedrige Kette machte ein zischendes Geräusch. »Besser?«
»Viel besser.«
Sie breitete die Arme aus. Einen Augenblick später lag er auf ihr. Einen Augenblick danach drang er stoßend in sie ein.
»Magst du das?« keuchte er. »Magst du das Gefühl, Süße?«
»O Gott, ich mag es«, stöhnte sie und dachte dabei an den Fleischwolf, Emaille und Edelstahl rostfrei.
»Was?«
»Ich habe gesagt, ich mages!« schrie sie.
Kurz danach täuschte sie einen Orgasmus vor, verzerrte die Lippen, schrie auf. Er kam Sekunden später (sie teilte jetzt seit vier Tagen das Bett mit Lloyd und kannte seinen Rhythmus schon nahezu perfekt), und während sie spürte, wie sein Samen an ihrem Schenkel hinabfloß, sah sie auf den Nachttisch.
Schwarzer Stein.
Roter Makel.
Er schien sie anzustarren.
Plötzlich hatte sie das schreckliche Gefühl, daß er sie tatsächlich anstarrte, daß der Stein seinAuge war, dem die Kontaktlinse der Menschlichkeit abgenommen worden war, das sie anstarrte wie das Auge Saurons Frodo im dunklen Barad-Dur angesehen hatte, im Lande Mordor, wo die Schatten dröhn.
Es sieht mich, dachte sie voll hoffnungslosem Entsetzen in diesem schutzlosen Augenblick, bevor die Vernunft wieder die Oberhand gewinnen konnte. Schlimmer: Es DURCHSCHAUT mich.
Anschließend redete Lloyd, wie sie gehofft hatte. Auch das gehörte zu seinem Rhythmus. Er legte einen Arm um ihre nackten Schultern, rauchte eine Zigarette, betrachtete ihre Spiegelbilder an der Decke und erzählte ihr, was sich hier abspielte.
»Ich hätte nicht in Bobby Terrys Haut stecken mögen«, sagte er.
»Nein, Sir, auf keinen Fall. Der Boß wollte den Kopf des alten Furzes völlig unbeschädigt und ohne eine einzige Schramme. Wollte ihn über die Rockies zurückschicken. Und was passiert? Der Dummsack schießt ihm zwei Fünfundvierzigerkugeln ins Gesicht. Auf kurze Entfernung. Ich schätze, er hat verdient, was er bekommen hat, aber ich bin froh, daß ich nicht dabei war.«
»Was ist mit ihm passiert?«
»Nicht fragen, Süße!«
»Wie konnte er es wissen? Der Boß?«
»Er war da.«
Es überlief sie kalt.
»Zufällig?«
»Ja. Er ist immer zufällig da, wo es Ärger gibt. Mein Gott, wenn ich daran denke, was er mit Eric Strellerton, diesem neunmalklugen Anwalt gemacht hat, mit dem Mülli und ich nach Los Angeles gefahren waren...«
»Was hat er denn mit ihm gemacht?«
Lange glaubte sie, daß er nicht antworten würde. Gewöhnlich gelang es ihr, ihn ganz sanft dorthin zu bringen, wo sie ihn haben wollte, indem sie ihn ganz leise und höflich fragte, so daß er sich (wie es ihre kleine Schwester einmal so unvergeßlich formulierte) vorkam wie Graf Rotz. Aber heute hatte sie das Gefühl, daß sie zu weit gegangen war, bis Lloyd schließlich mit gepreßter Stimme sagte:
»Er hat ihn nur angesehen. Eric trug seine ganze Scheiße vor, wie das seiner Meinung nach in Vegas laufen müßte... wir sollten dies und jenes tun. Der arme alte Mülli - er ist ja selbst nicht ganz dicht - hat ihn angestarrt wie einen Fernsehstar. Eric lief auf und ab, als würde er sich an Geschworene wenden und überzeugt sein, daß er sie in der Tasche hatte. Und er sagte - ganz leise - >Eric<. Genau so. Und Eric sah ihn an. Ich habe nichts weiter gesehen. Aber Eric hat ihn lange angesehen. Vielleicht fünf Minuten. Seine Augen wurden immer größer... dann fing er an zu sabbern... und dann fing er an zu kichern.,. und er kicherte mit Eric, und das machte mir Angst. Wenn Flagg lacht, hat man immer Angst. Aber Eric hörte nicht auf zu kichern, und dann sagte er: >Wenn ihr zurückfahrt, setzt ihn in der Mojave-Wüste aus.< Und das haben wir dann auch getan. Und vielleicht läuft Eric dort immer noch herum. Er sah Eric nur fünf Minuten an, und Eric verlor den Verstand.«
Er zog kräftig an seiner Zigarette und drückte sie aus. Dann legte er einen Arm um sie. »Warum reden wir eigentlich über diese ganze Scheiße?«
»Ich weiß es nicht... wie sieht es draußen in Indian Springs aus?«
Lloyd strahlte. Das Projekt Indian Springs war sein Baby. »Gut. Echt gut. Bis zum ersten Oktober haben drei Jungs ihre Ausbildung an den Skyhawks, vielleicht sogar schon früher. Hank Rawson macht sich ganz hervorragend. Und dieser Mülleimermann ist ein wahres Genie. In mancher Hinsicht ist er nicht so helle, aber wenn es um Waffen geht, ist er unglaublich.«
Sie hatte den Mülleimermann zweimal gesehen. Jedesmal war es ihr kalt über den Rücken gelaufen, als er sie mit seinen trüben Augen ansah, und sie hatte sichtliche Erleichterung empfunden, als er den Blick wieder abwandte. Ganz offensichtlich sahen viele andere - Lloyd, Hank Rawson, Ronnie Sykes, der Rattenmann - in ihm eine Art Maskottchen, einen Glücksbringer. Sein lädierter Arm war eine scheußliche Masse von frisch verheiltem verbrannten Gewebe, und vor zwei Tagen war ihr abends etwas Eigenartiges aufgefallen. Hank Rawson sprach. Er steckte eine Zigarette in den Mund, zündete ein Streichholz an und sprach zu Ende, bevor er sich die Zigarette ansteckte und das Streichholz löschte. Dayna sah, wie der Mülleimermann auf die Streichholzflamme starrte, wie er den Atem anzuhalten schien. Er schien sich mit seiner ganzen Existenz auf diese winzige Streichholzflamme zu konzentrieren. Es war, als würde ein Verhungernder eine Mahlzeit mit neun Gängen vor sich sehen. Dann hatte Hank das Streichholz ausgeschnippt und den schwarzen Stummel in den Aschenbecher geworfen. Der Augenblick war vorbei gewesen.
»Er kann also gut mit Waffen umgehen?« fragte sie Lloyd.
»Großartig. Die Skyhawks haben Luft-Boden-Raketen unter den Tragflächen. Shrike-Raketen. Ist es nicht komisch, wie sie den ganzen Mist nennen? Kein Mensch wußte, wie man die gottverdammten Dinger an den Flugzeugen anbringt. Kein Mensch wußte, wie man sie scharf macht und zündet. Wir haben schon einen ganzen Tag gebraucht, um uns zu überlegen, wie man sie aus den Halterungen im Arsenal herausbekommt. Und Hank sagte: >Wir sollten Mülli holen, wenn er wieder hier ist, vielleicht kommt er damit zurecht.<«
»Wenn er wieder hier ist?«
»Er ist ein komischer Kerl. Diesmal ist er schon fast eine Woche hier in Vegas, aber er wird bald wieder verschwinden.«
»Wohin geht er denn?«
»In die Wüste. Er nimmt einen Landrover und fährt einfach los. Er ist ein komischer Kauz, das kann ich dir sagen. Auf seine Art ist Müll genauso unheimlich wie der Boß. Westlich von hier liegt nur Wüste und gottverlassene Öde. Ich muß es wissen. Ich habe da in einem Höllenloch namens Brownsville Station im Knast gesessen. Ich weiss nicht, wovon er da draußen lebt, aber er schafft es. Er sucht neues Spielzeug und bringt immer etwas mit zurück. Ungefähr eine Woche nachdem ich mit ihm aus L.A. zurückgekommen war, schleppte er ein paar >Maschinengewehre, die immer treffen<. Das letzte Mal brachte er Tellerminen, Tretminen, Splitterminen und einen Kanister voll Parathion. Er sagte, er habe jede Menge Parathion gefunden. Außerdem genug Entlaubungsmittel, um den ganzen Staat Colorado so kahl wie ein Hühnerei zu machen.«
»Wo findet er das?«
»Überall«, sagte Lloyd schlicht. »Er riecht es, Süße. Das Ganze ist gar nicht so verwunderlich. Große Teile von West-Nevada und OstKalifornien haben den guten alten Vereinigten Staaten gehört. Dort haben sie ihre Spielsachen getestet, einschließlich Atombomben. Eines Tages wird er auch noch so eine anschleppen.«