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Aus der Gegensprechanlage erklang eine angenehme, fröhliche Stimme: »Sehr gut, Lloyd, danke. Schick sie bitte herein.«

»Allein?«

»Ja, durchaus.« Ein nachsichtiges Kichern war zu hören, als die Sprechanlage ausgeschaltet wurde. Als Dayna es hörte, wurde ihr Mund trocken.

Lloyd drehte sich zu ihr um. Er schwitzte jetzt stärker, Schweißtropfen liefen ihm von der Stirn und wie Tränen über die Wangen. »Du hast ihn gehört. Los jetzt!«

Sie verschränkte die Arme unter den Brüsten, so daß das Messer innen war. »Und wenn ich nicht will?«

»Dann schleife ich dich rein.«

»Sieh dich doch an, Lloyd. Du hast solche Angst, daß du nicht mal einen jungen Hund reinschleifen könntest.« Sie sah die anderen an.

»Ihr habt alle Angst. Jenny, du machst dir schon fast in die Hose. Das ist nicht gut für deinen Teint, Beste. Schon gar nicht für die Hose.«

»Hör auf, du widerliche Schlange«, flüsterte Jenny.

»Solche Angst hatte ich in der Freien Zone nie«, sagte sie. »Dort habe ich mich wohl gefühlt. Ich bin gekommen, weil ich mich auch in Zukunft wohl fühlen will. Noch politischer war die Sache nicht. Ihr solltet darüber nachdenken; vielleicht verkauft er Angst, weil er sonst nichts zu verkaufen hat

»Madame«, sagte Whitney höflich, »ich hätte mir noch gern den Rest Ihres Vortrags angehört, aber der Mann wartet. Es tut mir leid, aber Sie sagen entweder Amen und gehen freiwillig durch diese Tür, oder ich zerre Sie rein. Sie können ihm Ihre Geschichte erzählen, wenn Sie drinnen sind... das heißt, wenn Sie dann noch den Mumm aufbringen. Aber bis dahin unterstehen Sie unserer Verantwortung.«

Und das Seltsame ist, dachte sie, er hört sich aufrichtig bedauernd an. Zu dumm, daß er sich auch aufrichtig ängstlich anhörte.

»Das ist nicht nötig.«

Sie zwang ihre Füße, sich in Bewegung zu setzen, dann ging es ein wenig leichter. Sie ging in den Tod; das war ihr völlig klar. Wenn es so war, sollte es eben so sein. Sie hatte das Messer. Zuerst für ihn, wenn sie konnte, und dann für sie selbst, wenn notwendig.

Sie dachte: Mein Name ist Dayna Roberta Jürgens, ich habe Angst, aber ich habe schon öfter Angst gehabt. Er kann mir nur etwas nehmen, was ich eines Tages sowieso aufgeben muß - mein Leben. Ich werde mich nicht von ihm brechen lassen. Ich werde nicht zulassen, daß er mich zu weniger macht als ich bin, wenn ich es verhindern kann. Ich will mit Würde sterben... und ich werde meinen Willen bekommen.

Sie drehte den Knauf herum und betrat das innere Büro und das Reich von Randall Flagg.

Das Büro war groß und fast leer. Der Schreibtisch war ganz an die hintere Wand gerückt worden, der teure Drehstuhl dahinter eingeklemmt. Die Bilder an den Wänden waren mit Tüchern verhängt. Das Licht war ausgeschaltet.

Am anderen Ende des Raumes gab der zurückgezogene Vorhang den Blick auf ein riesiges Panoramafenster frei, durch das man die Wüste sehen konnte. Dayna fand, daß sie noch nie im Leben ein so steriles und trostloses Bild gesehen hatte. Oben hing der fast runde Mond wie eine polierte Silbermünze. Er war beinahe voll. Am Fenster sah sie die Gestalt eines Mannes.

Er sah immer noch nach draußen und wandte ihr gleichgültig den Rücken zu, als sie schon lange eingetreten war. Wie lange braucht ein Mann dazu, sich umzudrehen? Zwei, höchstens drei Sekunden. Aber Dayna kam es vor, als würde der dunkle Mann sich ewig umdrehen und dabei immer mehr von sich zeigen, wie der zunehmende Mond, zu dem er hinaufgesehen hatte. Sie wurde wieder ein Kind, das von der schrecklichen Neugier großer Angst gebannt wird. Er hatte sie einen Augenblick völlig im Netz seiner Anziehungskraft, seines Glamours, gefangen. Und sie war überzeugt, wenn er sich endlich ganz umgedreht hatte, unbekannte Äonen später, würde sie das Gesicht ihrer Träume sehen: einen grotesken Mönch in seiner Kutte, nur Dunkelheit unter der Kapuze. Das Negativ eines Mannes ohne Gesicht. Sie würde ihn sehen und wahnsinnig werden.

Dann sah er sie an, lächelte freundlich, ging auf sie zu, und ihr entsetzter Gedanke war: Mein Gott, er ist in meinem Alter!

Randy Flagg hatte dunkles, zerzaustes Haar. Sein Gesicht war hübsch und wettergegerbt, als würde er viel Zeit im Wüstenwind verbringen. Seine Gesichtszüge waren beweglich und sensibel, die Augen strahlten vor Freude wie die eines kleinen Kindes mit einem großen und wunderschönen Geheimnis.

»Dayna!« sagte er. »Hallo.«

»H-H-Hallo.« Mehr brachte sie nicht heraus. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein, aber daraufwar sie nicht vorbereitet. Ihr Verstand ging k.o. auf die Matte. Flagg lächelte über ihre Verwirrung. Dann breitete er die Hände aus, aus wollte er sich entschuldigen. Er trug ein verblichenes Paisleyhemd mit abgewetztem Kragen, Nietenjeans und ein Paar sehr alte Cowboystiefel mit abgelaufenen Absätzen.

»Was hast du erwartet? Einen Vampir?« Sein Lächeln wurde breiter und verlangte fast, daß sie zurücklächelte. »Einen Gestaltwandler? Was haben sie dir über mich erzählt

»Sie haben Angst«, sagte sie. »Lloyd... hat geschwitzt wie ein Schwein.« Sein Lächeln verlangte immer noch ein Lächeln als Antwort; sie mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, es ihm zu verweigern. Sie war auf seinen Befehl mit Fußtritten aus dem Bett gejagt worden. Sie war zu ihm gebracht worden, um... was? Zu gestehen? Alles zu sagen, was sie über die Freie Zone wußte? Sie glaubte nicht, daß es viel gab, was er nicht schon wußte.

»Lloyd«, sagte Flagg und lachte leutselig. »Lloyd hat in Phoenix Schlimmes erlebt, als die Grippe grassierte. Er spricht nicht gern darüber. Ich habe ihn vor dem sicheren Tod gerettet und...« Sein Lächeln wurde noch entwaffnender, wenn das überhaupt möglich war, »und vor einem schlimmeren Schicksal als dem Tod. Er assoziiert dieses Erlebnis in hohem Maße mit mir, obwohl seine Situation nicht mein Tun war. Glaubst du mir?«

Sie nickte langsam. Sie glaubte ihm und fragte sich, ob Lloyds ständiges Duschen etwas mit seinem schlimmen Erlebnis in Phoenix zu tun hatte. Darüber hinaus empfand sie etwas für ihn, das sie im Zusammenhang mit Lloyd Henreid nie für möglich gehalten hätte: Mitleid.

»Gut, setz dich, meine Liebe.«

Sie sah sich fragend um.

»Auf den Fußboden. Der Fußboden ist gut. Wir müssen miteinander reden und die Wahrheit sagen. Lügner sitzen auf Stühlen, darum verzichten wir darauf. Wir sitzen einander gegenüber wie Freunde auf zwei Seiten eines Lagerfeuers. Setz dich, Mädchen.« Seine Augen sprühten förmlich vor unterdrückter Heiterkeit, und es sah aus, als wollte er bersten vor mühsam zurückgehaltenem Lachen. Er setzte sich, kreuzte die Beine, sah zu ihr hoch, und sein Ausdruck schien zu sagen: Du wirst mich doch nicht allein auf dem Fußboden dieses lächerlichen Büros sitzen lassen, oder?

Nach kurzer Überlegung setzte sie sich. Sie kreuzte die Beine und legte die Hände locker auf die Knie. Sie spürte das beruhigende Gewicht des Messers.

»Du bist hergeschickt worden, um zu spionieren, meine Liebe«, sagte er. »Ist das eine zutreffende Beschreibung der Situation?«

»Ja.« Es hatte keinen Zweck zu leugnen.

»Und du weißt, was in Kriegszeiten gewöhnlich mit Spionen geschieht?«

»Ja.«

Sein Lächeln wurde strahlend wie ein Sonnenaufgang. »Ist es dann nicht ein Glück, daß zwischen deinen und meinen Leuten kein Krieg ist?«

Sie sah ihn völlig überrascht an.

»Du weißt doch, daß keiner ist«, sagte er freundlich.

»Aber... Sie...« Tausend wirre Gedanken schössen ihr durch den Kopf. Indian Springs. Die Shrikes. Der Mülleimermann mit seinem Entlaubungsmittel und den Zippos. Wie die Unterhaltungen immer verstummten, wenn der Name des Mannes genannt wurde oder er selbst auftauchte. Und dieser Anwalt Eric Strellerton, der mit ausgebranntem Gesicht durch die MojaveWüste wanderte.

Er hat ihn nur angesehen.

»Haben wir eure sogenannte Freie Zone angegriffen? In irgendeiner Weise feindselig gehandelt?«

»Nein... aber...«