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Der fragliche Ort war unterirdisch. Gleich jenseits der Grenze nach Kalifornien.

Dort standen Retorten, lange Reihen Retorten, und auf jeder war ein Klebestreifen angebracht, der den Inhalt beschrieb: Eine SuperCholera, ein Super-Anthrax, eine neue und verbesserte Version der Beulenpest, und alle basierten auf der Fähigkeit der Krankheitserreger, durch ständige Veränderung die Bildung von Antikörpern zu verhindern, eine Fähigkeit, die die Supergrippe fast universell tödlich gemacht hatte. Es gab Hunderte solcher Erreger; in jeder Geschmacksrichtung, wie es in den Werbespots für Life Savers zu hören war.

Wie wäre es mit ein wenig in eurem Wasser, Freie Zone? Oder einer Luftverschmutzung?

Eine hübsche Legionärskrankheit zu Weihnachten, oder wäre euch die neue und weiterentwickelte Schweinegrippe lieber? Randall Flagg, der dunkle Weihnachtsmann, auf seinem Schlitten der Nationalgarde, mit einem kleinen Virus, den er in jeden Kamin werfen konnte.

Er würde warten, und er würde die richtige Stunde erkennen, wenn sie endlich gekommen war.

Etwas würde sie ihm verraten.

Alles würde gut werden. Kein rasches Ausblenden diesmal. Er war ganz oben, und dort würde er auch bleiben.

Das Kaninchen war verzehrt. Voll heißer Nahrung, fühlte er sich wieder wie er selbst. Er stand mit dem Blechteller in der Hand da und warf die Knochen in die Nacht. Die Wölfe jagten danach, balgten sich darum, heulten und knurrten und bissen sich; ihre Augen rollten leer im Mondlicht.

Flagg stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und lachte brüllend zum Mond hinauf.

Früh am nächsten Morgen verließ Nadine die Stadt Gemdale und fuhr auf ihrer Vespa die I-15 entlang. Ihr schneeweißes offenes Haar flatterte im Wind und sah aus wie ein Brautschleier.

Ihr tat die Vespa leid, die ihr so lange treu gedient hatte und jetzt am Ende war. Die vielen Meilen und die Gluthitze in der Wüste, die anstrengende Fahrt über die Rockies und die mangelhafte Wartung hatten ihren Tribut gefordert. Der Motor klang jetzt heiser und angestrengt. Der Drehzahlmesser blieb nicht mehr brav bei 5 x 1000 stehen, sondern zitterte hin und her. Es machte nichts. Wenn die Maschine den Geist aufgab, bevor sie ihr Ziel erreicht hatte, würde sie zu Fuß weitergehen. Niemand jagte sie. Harold war tot. Und wenn sie zu Fuß gehen mußte, würde eres wissen und jemanden schicken, der sie abholte.

Harold hatte auf sie geschossen! Harold hatte versucht, sie umzubringen!

Immer wieder mußte sie daran denken, so gern sie es auch verdrängt hätte. Ihr Verstand spielte damit wie ein Hund mit einem Knochen. So hätte es nicht sein dürfen. In der ersten Nacht nach der Explosion war ihr Flagg im Traum erschienen, als Harold endlich bereit war, eine Weile zu rasten. Flagg hatte ihr im Traum gesagt, daß er Harold bei ihr lassen wolle, bis sie auf dem Western Slope waren, fast in Utah. Dann wolle er ihn schnell und schmerzlos durch einen Unfall beseitigen. Eine Ölspur. Über die Böschung. Kein Ärger, kein Schlamassel, keine Plage.

Aber es war nicht schnell und schmerzlos gewesen, und Harold hätte sie fast umgebracht. Die Kugel war zwei Zentimeter an ihrer Wange vorbeigesaust, und dennoch hatte sie sich nicht bewegen können. Sie war starr vor Schreck gewesen und hatte sich gefragt, wie er so etwas tun konnte, wie zugelassen werden konnte, daß er so etwas auch nur versuchte.

Sie hatte versucht, eine Begründung dafür zu finden, indem sie sich einredete, daß Flagg ihr nur Angst machen und sie daran erinnern wollte, zu wem sie gehörte. Aber das ergab keinen Sinn! Es war verrückt. Und selbst wenn es einen Sinn gehabt hätte... eine überzeugte, wissende innere Stimme sagte ihr, daß Flagg auf diesen Zwischenfall einfach nicht vorbereitet gewesen war. Sie versuchte, diese innere Stimme von sich zu weisen, wie man eine Tür verrammelt, wenn jemand Unerwünschter mit Mordlust in den Augen draußen steht. Aber es gelang ihr nicht. Die Stimme sagte ihr, daß sie nur durch blinden Zufall noch lebte. Daß Harolds Kugel sie genausogut zwischen den Augen hätte treffen können, und es wäre so oder so nicht Randall Flaggs Tun gewesen. Sie nannte die innere Stimme eine Lügnerin. Flagg wußte alles, wo der kleinste Sperling vom Himmel gefallen war...

Nein, das ist Gott, antwortete die Stimme unerbittlich. Gott, er ist nicht Gott. Du lebst nur durch blinden Zufall, und das bedeutet, es ist alles offen. Du schuldest ihm nichts. Wenn du willst, kannst du umkehren und zurückfahren.

Zurückfahren, das war ein Lachschlager. Wohinzurückfahren?

Zu diesem Thema hatte die Stimme wenig zu sagen; es hätte sie auch überrascht. Wenn der dunkle Mann auf tönernen Füßen stand, hatte sie diese Tatsache ein wenig zu spät herausgefunden.

Sie versuchte, sich statt auf die Stimme auf die kühle Schönheit des Wüstenmorgens zu konzentrieren. Aber die Stimme blieb, so leise und beharrlich, daß sie sie kaum wahrnahm:

Wenn er nicht gewußt hat, daß Harold ihm trotzen und versuchen würde, dich zu töten, was weiß er sonst noch alles nicht? Und wird es beim nächsten Mal auch wieder ein Fehlschuß sein? 

Aber, o Gott, es war zu spät. Um Tage, Wochen, vielleicht sogar Jahre zu spät. Warum hatte die innere Stimme gewartet, bis es nutzlos war, die Stimme zu erheben?

Und wie zur Bestätigung verstummte die Stimme, und der Morgen gehörte wieder ihr. Sie fuhr, ohne an etwas zu denken, die Augen auf die Straße vor ihr gerichtet. Die Straße, die nach Las Vegas führte. Die Straße, die zu ihmführte.

Am Nachmittag gab die Vespa den Geist auf. In ihren Eingeweiden klapperte und knirschte es, und der Motor blieb stehen. Nadine roch etwas Heißes, Abnormales, wie brennendes Gummi, aus dem Motorgehäuse. Die Geschwindigkeit sank von konstanten vierzig auf Schrittempo. Sie schob die Vespa auf die Standspur und trat den Starter ein paarmal, wußte aber, daß es keinen Zweck hatte. Sie hatte die Vespa gekillt. Sie hatte auf dem Weg zu ihrem Gatten vieles getötet. Sie war dafür verantwortlich, daß das ganze Komitee der Freien Zone samt allen geladenen Gästen bei der letzten explosiven Versammlung ausgelöscht worden war. Und da war Harold. Und, bin so frei nebenbei, Frannie Goldsmiths ungeborenes Kind.

Ihr wurde übel. Sie taumelte zur Leitplanke und erbrach ihr Frühstück. Sie fühlte sich heiß, wie im Delirium, und sehr elend, das einzige lebende Wesen in diesem Wüstenalptraum. Es war heiß... so heiß.

Sie drehte sich um und wischte sich den Mund. Die Vespa lag auf der Seite wie ein totes Tier. Nadine betrachtete sie noch ein paar Augenblicke, dann ging sie weiter. An Dry Lake war sie schon vorbei. Das bedeutete, daß sie am Straßenrand schlafen mußte, wenn niemand sie abholen kam. Mit Glück konnte sie am nächsten Morgen in Las Vegas sein. Und plötzlich wußte sie, daß der dunkle Mann sie zu Fuß gehen lassen würde. Hungrig und durstig und von der Sonne verbrannt sollte sie in Las Vegas ankommen, jede Erinnerung an ihr früheres Leben sollte erloschen sein. Die Frau, die an einer Privatschule in New England kleine Kinder unterrichtet hatte, würde fort sein, so tot wie Napoleon. Mit etwas Glück würde die leise Stimme, die in ihr nagte und quälte, als letzter Teil der alten Nadine sterben. Aber letztendlich würde natürlich auch der Teil erlöschen.

Sie ging weiter; der Nachmittag verrann. Schweiß lief ihr übers Gesicht. Wo die Straße und der verblichene Jeans -Himmel zusammenstießen, schimmerte Quecksilber. Sie knöpfte die Bluse auf, zog sie aus und ging nur im Büstenhalter weiter. Sonnenbrand? Na und? Offen gesagt, meine Liebe, das ist mir scheißegal.

Als es dämmerte, war ihre Haut so stark gerötet, daß sie um die Knochenwülste des Schlüsselbeins fast purpurfarben aussah. Die Abendkühle kam plötzlich, und sie zitterte. Jetzt fiel ihr ein, daß sie ihre Campingausrüstung bei der Vespa liegen gelassen hatte.

Sie sah sich suchend um, erblickte hier und da Autos, manche bis an die Kühlerfiguren zugeweht. Der Gedanke, in einem dieser Särge Schutz zu suchen, machte sie elend - schlimmer als der schreckliche Sonnenbrand.