»Ja.«
»Also gut. Müll zeigt es uns und sabbert förmlich über dem Ding, und Freddy Campanari sagt: >He, Leute, die mit Feuer spielen, sind Bettnässer, Müll.< Und Steve Tobin - du kennst ihn ja, der ist komischer als eine Gummikrücke -, der sagt: >Jungs, ihr solltet lieber die Streichhölzer verstecken, Mülli ist wieder in der Stadt.< Und Müll ist echt unheimlich geworden. Er hat uns alle angesehen und leise gemurmelt. Ich habe gleich neben ihm gesessen und glaube, er hat gesagt: >Fragt mich jetzt bloß nicht noch nach dem Rentenscheck der alten Oma Semple.< Kapierst du das?«
Lloyd schüttelte den Kopf. Er kapierte überhaupt nichts, wenn es um den Mülleimermann ging.
»Dann ist er einfach gegangen. Hat das Zeug genommen, das er uns gezeigt hat, und weg war er. Nun, uns war allen nicht wohl in unserer Haut. Wir wollten seine Gefühle nicht verletzen. Die meisten Jungs mögen Müll wirklich. Oder haben es. Er ist wie ein Kind, weißt du?«
Lloyd nickte.
»Eine Stunde später geht der verdammte Tanklaster hoch wie eine Rakete. Und während wir die Trümmer einsammeln, sehe ich hoch, und da ist Müll in seinem Geländewagen bei den Baracken und sieht mit dem Fernglas zu uns herüber.«
»Mehr hast du nicht in der Hand?« fragte Lloyd erleichtert.
»Nein. Hab' ich nicht. Hätte ich mehr, hätte ich mir nicht mal die Mühe gemacht, zu dir zu kommen, Lloyd. Aber ich habe darüber nachgedacht, wie der Laster hochgegangen ist. Genau für so etwas braucht man diese Zündschnur. In Nam haben die Kong viele unserer Munitionswagen auf diese Weise hochgejagt, und zwar mit unseren eigenen Scheißzündschnüren. Man klebt sie unter den Wagen ans Auspuffrohr. Läßt niemand den Motor an, geht die Ladung hoch, wenn die Uhr abgelaufen ist. Läßt ihn jemand an, geht sie hoch, wenn das Auspuffrohr heiß wird. So oder so - WUMM, kein Laster mehr. Was nicht paßt - es stehen immer ein Dutzend Treibstofflaster in der Fahrzeughalle, und wir benützen sie nicht in einer bestimmten Reihenfolge. Als wir den armen Freddy im Krankenhaus gehabt haben, sind John Waite und ich rübergegangen. John hat die Aufsicht über den Fuhrpark und hat sich fast bepißt. Er hatte Müll schon vorher da drinnen gesehen.«
»War er sicher, daß es der Mülleimermann war?«
»Bei seinen Verbrennungen an den Armen kann man ihn kaum verwechseln, meinst du nicht auch? Klar? Damals hat sich niemand was dabei gedacht. Er hat nur herumgestöbert, das ist schließlich sein Job, oder nicht?«
»Ja, so könnte man es wohl sagen.«
»Also haben John und ich uns die restlichen Lastwagen angesehen. Und bei allen Heiligen, an jedem einzelnen ist eine Zündschnur. Er hat sie direkt unter den Tanks selbst an den Auspuffrohren angebracht. Der Lastwagen, den wir als ersten benutzt haben, ist nur deshalb hochgegangen, weil das Auspuffrohr heiß wurde, wie ich es dir vorhin erklärt habe, klar? Aber die anderen waren so gut wie bereit. Zwei oder drei hatten schon angefangen zu rauchen. Manche Lastwagen waren leer, aber mindestens fünf waren voll Treibstoff. Noch zehn Minuten, und wir hätten den halben verdammten Stützpunkt verloren.«
Heiliger Himmel, dachte Lloyd wehklagend. Es ist wirklich schlimm. Schlimmer kann es kaum noch werden.
Carl hielt die Hand voller Blasen hoch. »Das habe ich mir geholt, als ich eine der heißen rausgezogen habe. Verstehst du jetzt, warum er weg muß?«
Lloyd sagte zögernd: »Vielleicht hat jemand die Zündschnüre aus seinem Geländewagen gestohlen, während er pinkeln war, oder so.«
Carl sagte geduldig: »So war es aber nicht. Jemand hat seine Gefühle verletzt, während er seine Spielsachen vorgeführt hat, und er hat versucht, uns alle zu verbrennen. Beinahe mit Erfolg. Es muss etwas geschehen, Lloyd.«
»Gut, Carl.«
Er verbrachte den Rest des Tages damit, sich nach Müll zu erkundigen - hatte jemand ihn gesehen oder wußte, wo er sich aufhielt? Mißtrauische Blicke und abschlägige Antworten. Die Sache hatte sich herumgesprochen. Vielleicht war das gut. Wer ihn sah, würde es bestimmt sofort in der Hoffnung melden, sich beim Boss beliebt zu machen. Aber Lloyd hatte so eine Ahnung, daß niemand Müll sehen würde. Er hatte ihnen ein kleines Feuer unter dem Hintern angezündet und war mit seinem Wagen in der Wüste verschwunden.
Er betrachtete das Solitaire-Spiel, das vor ihm ausgebreitet lag, und widerstand dem Impuls, alles auf den Fußboden zu fegen. Statt dessen mogelte er unter den Karten ein weiteres As hervor und spielte weiter. Es spielte keine Rolle. Wenn Flagg ihn wollte, würde er ihn finden. Mülli würde an einem schönen Querbalken enden, wie Heck Drogan. Pech gehabt, mein Junge.
Aber insgeheim war er nicht so sicher.
In letzter Zeit waren Dinge geschehen, die ihm nicht gefielen. Zum Beispiel die Sache mit Dayna. Flagg hatte von ihr gewußt, das stimmte, aber sie hatte nicht geredet. Irgendwie war es ihr gelungen, sich in den Tod zu flüchten, und was den dritten Spion anbetraf, waren sie kein Stück weitergekommen.
Das war auch so etwas. Warum wußte Flagg nicht, wer der dritte Spion war? Er hatte alles über den alten Furz gewußt, und als er aus der Wüste zurückkam, hatte er auch alles über Dayna gewußt und ihnen genau gesagt, wie er sie behandeln wollte. Aber es hatte nicht funktioniert.
Und jetzt der Mülleimermann.
Müll war nicht irgendwer. Früher vielleicht, aber jetzt nicht mehr. Genau wie er selbst trug Müll den Stein des schwarzen Mannes. Nachdem Flagg diesem Großmaul von Anwalt in L. A. das Gehirn geröstet hatte, hatte Lloyd gesehen, wie Flagg Mülleimer die Hände auf die Schultern legte und leise sagte, daß alle Träume wahr gewesen waren. Und Mülleimer hatte geflüstert: »Mein Leben für dich.«
Lloyd wußte nicht, was sonst noch zwischen den beiden vorgegangen sein mochte, aber ganz offensichtlich trieb er sich mit Flaggs Segen in der Wüste herum. Und jetzt war der Mülleimermann Amok gelaufen.
Das warf einige ziemlich ernste Fragen auf.
Und deshalb saß Lloyd um neun Uhr abends allein hier, mogelte beim Patiencelegen und wünschte sich, er wäre betrunken.
»Mr. Henreid?«
Was jetzt? Er sah auf und erblickte ein junges Mädchen mit hübschem Gesicht und Schmollmund. Enge weiße Shorts. Ein Oberteil, das die Warzenhöfe ihrer Brüste nicht ganz bedeckte. Eindeutig der Sex-Typ, aber sie sah blaß und nervös aus, fast elend. Sie kaute zwanghaft an einem Daumennagel, und er sah, daß all ihre Fingernägel abgebissen waren.
»Was?«
»Ich... ich muß Mr. Flagg sprechen«, sagte sie. Alle Energie verschwand aus ihrer Stimme, sie endete flüsternd.
»Tatsächlich? Für wen hältst du mich, seinen persönlichen Referenten?«
»Aber... sie sagten... ich soll mich an Sie wenden.«
»Wer?«
»Nun, Angie Hirschfield. Sie war es.«
»Wie heißt du?««
»Äh, Julie.« Sie kicherte, aber es war nur ein Reflex. Der verängstigte Gesichtsausdruck blieb unverändert, und Lloyd fragte sich müde, was für eine Kacke jetzt wieder am Dampfen war. Ein Mädchen wie sie würde nicht ausgerechnet nach Flagg fragen, wenn es sich nicht um etwas Ernstes handelte. »Julie Lawry.«
»Also, Julie Lawry, Flagg ist nicht in Las Vegas.«
»Wann kommt er zurück?«
»Das weiß ich nicht. Er kommt und geht, er trägt keinen Piepser. Und er ist mir keine Rechenschaft schuldig. Wenn du ihm etwas erzählen willst, sag es mir, und ich werde sehen, daß er es erfährt.«
Sie sah ihn zweifelnd an, und Lloyd wiederholte, was er am Nachmittag zu Carl Hough gesagt hatte: »Dazu bin ich da.«
»Okay.« Dann hastig: »Wenn es wichtig ist, müssen Sie ihm sagen, daß ich es Ihnen erzählt habe. Julie Lawry.«
»Okay.«
»Vergessen Sie es auch nicht?«
»N ein, Herrgott!Was ist es?«
Sie schmollte. »Sie müssen nicht gleich böse werden.«
Er seufzte und legte die Karten, die er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Nein«, sagte er. »Wahrscheinlich nicht. Was ist es?«