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Soames nickte. »Eine Schande. Aber denk positiv und danke Gott, daß er nicht auch noch dein Gehirn angetickt hat, wo er schon mal dabei war. Zieh das Hemd wieder an.«

Nick gehorchte. Er mochte Soames; in gewisser Weise erinnerte er ihn an Rudy Sparkman, der einmal gesagt hatte, Gott habe allen taubstummen Männern unter der Gürtellinie fünf Zentimeter mehr gegeben, als Ausgleich für das bißchen, was er ihnen oberhalb des Schlüsselbeins genommen hatte.

Soames sagte: »Ich werde in der Apotheke Bescheid sagen, daß sie dir noch Schmerztabletten geben sollen. Sag dem Geldsack hier, er soll sie bezahlen.«

»Ho-ho«, sagte John Baker.

»Er hat mehr Geld in Marmeladegläsern versteckt, als ein Schwein Warzen hat«, fuhr Soames fort. Er nieste wieder, putzte sich die Nase, wühlte in der Tasche und holte ein Stethoskop heraus.

»Vorsicht, Opa, sonst sperre ich dich wegen Trunkenheit und ungebührlichen Benehmens ein«, sagte Baker lächelnd.

»Ja, ja, ja«, sagte Soames. »Eines Tages wirst du das Maul so weit aufreißen, daß du selber reinfällst. Zieh das Hemd aus, John. Mal sehen, ob deine Titten noch so groß sind wie früher.«

»Mein Hemd ausziehen? Warum?«

»Weil deine Frau will, daß ich mal 'nen Blick auf dich werfe, deshalb. Sie glaubt, daß du ein kranker Mann bist und will nicht, daß du noch kränker wirst, weiß Gott warum. Habe ich dir nicht oft genug gesagt, daß sie und ich es nicht mehr heimlich tun müßten, wenn du endlich unter der Erde bist? Los, Johnny. Zeig uns mehr Haut.«

»Es war nur 'ne Erkältung«, sagte Baker und knöpfte widerwillig das Hemd auf. »Heute morgen geht's mir schon wieder besser. Um ehrlich zu sein, Ambrose, du hörst dich schlimmer an als ich.«

»Du stellst dem Arzt keine Diagnose, sondern er dir«, sagte Soames. Als Baker das Hemd auszog, wandte sich Soames an Nick und sagte: »Weißt du, es ist komisch, wie sich eine Erkältung verbreitet. Mrs. Lathrop liegt krank im Bett, die ganze Familie Richie, und die Armen an der Barker Road husten sich die Lungen aus dem Hals. Sogar Billy Warner da drin hustet sich einen ab.«

Baker hatte sich inzwischen aus dem Unterhemd gewunden.

»Da, was hab' ich gesagt?« fragte Soames. »Hat er nicht ein Paar Möpse an sich? Sogar ein alter Arsch wie ich könnte geil werden, wenn er das sieht.«

Baker ächzte, als das Stethoskop seine Brust berührte. »Mein Gott, ist das kalt! Wo bewahrst du das Ding auf, in der Tiefkühltruhe?«

»Einatmen«, sagte Soames stirnrunzelnd. »Und jetzt aus.«

Bakers Ausatmen ging in leichten Husten über.

Soames beschäftigte sich lange mit dem Sheriff. Brust und Rücken. Schließlich legte er das Stethoskop beiseite, drückte Bakers Zunge mit einem Holzspatel runter und sah ihm in den Rachen. Als er fertig war, zerbrach er den Spatel und warf ihn in den Papierkorb.

»Und?« sagte Baker.

Soames drückte die Finger der rechten Hand unterhalb des Kinns gegen Bakers Hals. Baker zuckte zurück.

»Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob das weh tut«, sagte Soames.

»John, geh nach Hause und leg dich hin, das ist kein Rat, sondern ein Befehl.«

Der Sheriff blinzelte. »Ambrose«, sagte er leise, »hör auf. Du weißt, dass ich das nicht kann. Ich habe hier drei Gefangene, die heute nachmittag nach Camden müssen. Ich habe diesen Jungen letzte Nacht bei ihnen gelassen, aber das war unverantwortlich und kommt nicht wieder vor. Er ist stumm. Ich hätte mich auch gestern abend nicht darauf eingelassen, wenn ich bei klarem Verstand gewesen wäre.«

»Vergiß es. Du hast eigene Probleme. Du hast eine Infektion der Atemwege, und zwar eine verdammt ekelhafte, wie es sich anhört, und dazu noch Fieber. Johnny, deine Röhren sind krank, und um ehrlich zu sein, bei einem Mann, der soviel zusätzliches Gewicht mit sich herumschleppt wie du, ist damit nicht zu spaßen. Geh ins Bett. Wenn es dir morgen früh immer noch gutgeht, schaff die Burschen weg. Noch besser, ruf die State Patrol und laß sie abholen.«

Baker sah Nick an, als wollte er sich entschuldigen. »Weißt du«, sagte er, »mir geht es wirklich nicht besonders. Vielleicht etwas Ruhe...«

»Gehen Sie heim, legen Sie sich hin«, schrieb Nick. »Ich passe auf. Außerdem muß ich das Geld für die Tabletten verdienen.«

»Keiner arbeitet so hart für dich wie ein Junkie«, sagte Soames und gackerte.

Baker nahm die beiden Blätter mit Nicks Lebensgeschichte. »Darf ich die mitnehmen, damit Janey sie lesen kann? Du hast bei ihr 'nen Stein im Brett, Nick, wirklich.«

Nick kritzelte auf den Block: »Gerne. Sie ist sehr nett.«

»Sie ist einmalig«, sagte Baker und seufzte, während er das Hemd zuknöpfte. »Das Fieber kommt wieder. Ich dachte, das wäre vorbei.«

»Nimm Aspirin«, sagte Soames und schnallte seine Tasche zu.

»Was mir Sorgen macht, ist die Drüsenschwellung.«

»In der untersten Schublade steht eine Zigarrenkiste«, sagte Baker.

»Portokasse. Du kannst in Ruhe ausgehen, irgendwo essen und dir deine Tabletten holen. Die Jungs sind eher Dildos als Desperados. Schreib auf einen Zettel, wieviel Geld du genommen hast, und leg ihn in die Kiste. Ich setze mich mit der State Patrol in Verbindung, und heute nachmittag bist du die Jungs los.«

Nick machte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis.

»Ich setze schon nach verdammt kurzer Zeit viel Vertrauen in dich«, sagte Baker ernst, »aber Janey meint, das ist in Ordnung. Du gibst acht, ja?«

Nick nickte.

Jane Baker war gestern abend gegen sechs gekommen und hatte Essen und eine Tüte Milch gebracht.

Nick schrieb: »Vielen Dank. Wie geht es Ihrem Mann?«

Sie lachte, eine kleine Frau mit kastanienbraunem Haar, hübsch angezogen mit einem karierten Hemd und verblichenen Jeans. »Er wollte selbst kommen, aber ich hab's ihm ausgeredet. Er hatte heute nachmittag so hohes Fieber, daß ich es mit der Angst bekam, aber heute abend ist die Temperatur fast wieder normal. Wahrscheinlich wegen der State Patrol. Johnny ist nie richtig glücklich, wenn er nicht auf die State Patrol schimpfen kann.«

Nick sah sie fragend an.

»Sie haben ihm gesagt, daß sie die Gefangenen erst um neun Uhr morgen früh abholen können. Zwanzig oder mehr Beamte sind wegen Krankheit ausgefallen. Und eine Menge Beamte, die Dienst tun, müssen Leute zum Krankenhaus nach Camden oder sogar bis nach Pine Bluff fahren. Überall diese Krankheit. Ich glaube, Am Soames macht sich mehr Sorgen, als er zugibt.«

Sie sah selbst besorgt aus. Dann nahm sie die beiden zusammengefalteten Blätter aus der Brusttasche.

»Das ist wirklich eine tolle Geschichte«, sagte sie leise und gab ihm die Blätter zurück. »Sie haben soviel Pech gehabt wie kaum einer, von dem ich je gehört hätte. Aber wie Sie mit Ihren Schwierigkeiten fertig geworden sind, ist bewundernswert. Und ich muß mich noch einmal für meinen Bruder entschuldigen.«

Nick war verlegen und konnte nur die Achseln zucken.

»Hoffentlich bleiben Sie in Shoyo«, sagte sie und stand auf. »Mein Mann mag Sie, und ich mag Sie auch. Hüten Sie sich nur vor diesen Männern da drin.«

»Das werde ich tun«, schrieb Nick. »Sagen Sie dem Sheriff, ich wünsche ihm gute Besserung.«

»Das werde ich gerne ausrichten.«

Danach ging sie, und Nick verbrachte eine unruhige Nacht mit Schlafpausens weil er ab und zu aufstand und nach den drei Inhaftierten sah. Desperados waren sie wahrhaftig nicht; um zehn Uhr schliefen sie alle. Zwei Leute aus der Stadt kamen und vergewisserten sich, daß Nick zurecht kam, und Nick stellte fest, dass beide erkältet zu sein schienen.

Er hatte seltsame Träume, aber beim Aufwachen konnte er sich nur noch daran erinnern, daß er durch endlose Reihen von grünem Mais gewandert zu sein schien, nach etwas gesucht hatte und vor etwas anderem schreckliche Angst empfand, das hinter ihm zu sein schien.

Heute morgen war er früh auf den Beinen und fegte gründlich den hinteren Teil des Gefängnisses, ohne auf Billy Warner und Mike Childress zu achten. Beim Hinausgehen rief Billy ihm nach: »Ray kommt zurück, und wenn der dich erwischt, wirst du dir wünschen, du wärst nicht nur taub und stumm, sondern auch noch blind