Kalecgos sah sich um. Die Kammer war kaum einladend für irgendjemand anderen als die blauen Drachen. Er konzentrierte sich und bewegte die Hände.
In einem Bereich der Höhle erschienen zwei Kohlepfannen. Dutzende Felle bedeckten nun den Boden mehrere Zentimeter hoch. Ein dichter Fellumhang war über den gebogenen Lehnsessel geworfen, der aus Mammutzähnen und Häuten gearbeitet war. Essen und Trinken standen auf einem kleinen Tisch: Fleischkeulen, Kaktusäpfel, Krüge voll mit schäumendem Bier. Tierköpfe und Waffen – Äxte, Schwerter und bösartig aussehende Dolche – hingen an den Steinwänden.
Kalec lächelte. Er war mehr an den Kontakt mit den Völkern der Allianz gewöhnt, aber er hatte einiges von der Welt gesehen und spürte, dass er eine recht komfortable Horden- Enklave im Herzen des Territoriums der blauen Drachen geschaffen hatte.
Kurz darauf kam ein Bronzedrache in Sicht, begleitet von vier blauen Drachen. Er flog niedrig, doch der Raum war weit genug – immerhin sollten hier Drachen Platz finden. Kalecgos erkannte sie. Es war Tick, einer der Drachen, die normalerweise den Eingang zu den Höhlen der Zeit bewachten. Es war ein Beweis für Thralls Wichtigkeit, dass ein Bronzedrache sogar bereit war, als Transportmittel zu dienen. Ihre Blicke trafen sich und Kalec nickte zustimmend. Tick landete anmutig und kauerte sich auf den Boden, damit der Orc von ihr absteigen konnte.
Kalec musterte den orcischen Gast scharf. Er trug eine normale braune Kutte und verneigte sich mit korrekter Höflichkeit vor dem versammelten Schwarm. Dennoch lag etwas in der Haltung seiner Schultern und die ruhige Aufmerksamkeit in seinen blauen Augen zeugte von seiner Vergangenheit als bedachter und mächtiger Anführer.
Kalec lächelte warm und öffnete den Mund.
„Ihr seid hier nur, weil zwei Aspekte Euch geschickt haben, Thrall“, sprach Arygos, bevor Kalec etwas sagen konnte. „Ich schlage vor, Ihr sagt schnell, was Ihr wollt. Ihr seid nicht unter Freunden.“
Der Orc lächelte. „Das habe ich auch nicht erwartet“, erwiderte er. „Aber ich bin hier, weil ich an meine Mission glaube. Ich werde so schnell sprechen, wie ich kann, doch es könnte länger dauern, als Ihr denkt.“
„Dann beginnt“, befahl Arygos schroff.
Thrall atmete tief ein und erzählte den Drachen von Yseras Bitte, von den verwirrten Urtumen, davon, wie er sich in den Zeitwegen verloren hatte und wie er dadurch, dass er sich selbst gefunden hatte, Nozdormu entdeckt hatte. Trotz Arygos’ schroffer Worte hörten alle gebannt zu. Es waren Drachen der Magie, des Intellekts. Wissen, selbst wenn es von einem Orc überbracht wurde, war Nahrung und Labsal für sie.
„Nozdormu glaubt, dass all diese Ereignisse – die Tragödien –, die die Drachenschwärme herausgefordert haben, miteinander zusammenhängen“, schloss Thrall. „Er vermutet, dass der ewige Drachenschwarm dahintersteckt, und hat noch gewartet, weil er mehr Informationen sammeln wollte, bevor er zu Euch mit allem kommt, was er weiß. Er bat mich, die Lebensbinderin zu finden und sie mitzubringen, aber... sie hat einen großen Verlust erlitten und ist darüber zu erschüttert, um zu kommen. Deshalb brachte Tick mich allein hierher. Das ist alles, was ich weiß, doch wenn Ihr noch Fragen habt, werde ich antworten, so gut ich kann. Ich bin bereit, Euch zu helfen.“
Kalec starrte den Orc an, er war bis ins Mark erschüttert. „Das sind alles... unglaubliche Neuigkeiten“, sagte er und sah seine eigene Besorgnis gespiegelt auf den Gesichtern von vielen der anderen blauen Drachen.
Doch nicht auf allen.
Arygos und seine Gruppe schienen davon nicht berührt. „Bei allem Respekt für Ysera, so muss sie nach den vielen Jahrtausenden, die sie fast ausschließlich im Smaragdgrünen Traum verbracht hat, erst noch vieles richtig einordnen. Sie ist... verwirrt. Sie weiß nicht, was wahr ist, was ein Traum ist und was nur in ihrer eigenen Vorstellung existiert. Und Nozdormu... Ihr sagtet, er war... gefangen? In seinen eigenen Zeitwegen? Und Ihr konntet ihm bei der Flucht helfen? Das erklärt uns doch mal.“
Thralls Wangen verdunkelten sich angesichts der offenen Skepsis in Arygos’ Worten. Doch sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht, und als er sprach, war seine Stimme ruhig.
„Ich verstehe Eure Zweifel, Arygos. Die hatte ich auch. Allerdings scheint es, dass Ysera recht hatte. Ich konnte bereits zwei Drachenschwärmen helfen – wenn auch nicht Alexstrasza selbst. Wenn Ihr unterstellt, dass Nozdormu in den Zeitwegen verwirrt wurde, dann bitte ich Euch, mit Tick zu reden und Euch anzuhören, was sie darüber denkt. Ich jedenfalls glaube das nicht. Ihr fragt, wie ich als einzelner Orc den Zeitlosen befreien konnte? Es... war ganz einfach.“
Es erhob sich wütendes und erregtes Gemurmel, doch Thrall hielt beschwichtigend eine Hand hoch.
„Wisset, ich mache niemanden kleiner, wenn ich dies sage. ‚Einfach‘ bedeutet nicht ‚leicht‘. Ich habe gelernt, dass die Dinge, die am einfachsten wirken, oft die mächtigsten sind. Das sind die Dinge, die am Ende zählen. Was Nozdormu angeht: Um jemanden befreien zu können, der in allen Momenten der Zeit steckt, musste ich lernen, wahrlich in einem Moment zu sein – dem Moment.“
Arygos’ Abneigung vertiefte sich. „Das könnte jeder!“
„Jeder kann es“, stimmte Thrall zu. „Aber keiner hat es getan. Es ist ein einfacher Gedankengang, in dem Moment selbst zu sein – einer, den ich selbst erst lernen musste.“ Er lächelte, als er bemerkte, dass die Verärgerung bei einigen Drachen abnahm und die Echsen nachdenklicher wurden. „Während die Lektion selbst einfach war, war es das Lernen nicht. Wir lehren am besten, was wir selbst gelernt haben. Wenn ich zwei Aspekten helfen konnte, dann kann ich vielleicht auch Euch helfen.“
„Wir haben keinen Aspekt in unserem Schwarm“, sagte Arygos. „Auch wenn solch ein Problem für uns neu und ziemlich verwirrend ist, könnt Ihr uns sicher nicht dabei helfen.“
„Es ist auch für mich neu und verwirrend. Das macht uns einander gleich.“
Die Abneigung der versammelten blauen Drachen schien mehr und mehr zu schwinden, selbst bei denen, die mit Arygos verbündet waren.
„Orc, Ihr seid als Gast unseres Schwarms hier“, sagte Arygos und der Hauch einer Warnung lag in seiner Stimme. „Es wäre gut für Euch, uns nicht zu verspotten.“
Kalec seufzte. Vor seinem Wahn war Malygos für seinen Humor und seine Verspieltheit bekannt gewesen, zwei Eigenschaften, die seinem Sohn völlig zu fehlen schienen.
„Arygos, er verspottet uns nicht. Er erklärt eine ernsthafte Sache auf leichte Art. Dies sind unsichere Zeiten. Wir beschreiten neue Wege, machen Geschichte auf eine Art, wie es selbst die Aspekte nie getan haben. Thrall kommt mit der Zustimmung zweier Aspekte. Worin liegt der Schaden, ihn zuhören zu lassen und seine Meinung anzuhören?“ Kalec spreizte die Hände. „Er gehört nicht zu uns und das weiß er ganz genau. Ihm könnten Dinge auffallen, die uns entgehen. Ich glaube, es wäre ein schwerer Fehler, wenn wir ihn nicht bleiben lassen, damit er zuhören kann und seinen Teil beiträgt.“
Arygos schüttelte sich, hob den Kopf und blickte gebieterisch auf die kleinere Halbelfengestalt hinunter. „Du würdest jedem Mitglied der niederen Völker ein weiches Bett und reichlich Essen geben, wenn du könntest“, zischte er.
Kalec lächelte freundlich. „Und ich weiß nicht, was daran falsch sein soll. Er ist ein Orc. Ich kann nicht glauben, dass du dich vor ihm fürchtest.“
Das traf Arygos. Er schlug mit dem Schwanz und die anderen, die wie er dachten, schauten ebenfalls betroffen. „Angst? Ich? Nicht vor einem mickrigen Orc, den ich mit einer Klaue zerquetschen könnte!“
„Nun gut“, sagte Kalec und lächelte. „Dann sollte es ja keine Probleme mit seinem Aufenthalt hier geben, oder?“
Arygos versteinerte. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er starrte Kalecgos eine Weile an. „Ich fürchte nichts von diesem Sterblichen. Aber was wir hier tun, hat eine tiefe Bedeutung für den gesamten blauen Drachenschwarm. Ich weiß nicht, ob es einem niederen Wesen zusteht, diese Ereignisse mitzuerleben, ganz davon zu schweigen, es auch noch dazu beitragen zu lassen.“